Seit dem Überfall Putins auf die Ukraine ist oft die Rede davon, dass der Westen lange Jahre zu „blind“ gewesen sei, um die Gefahr zu erkennen, die von dem russischen Autokraten ausging. Gegenseitige Abhängigkeiten und Putins lange Zeit jovialer Ton in diplomatischen Belangen verblendeten eine Wahrheit, die möglicherweise schon viel früher erkannt werden hätte können.

von Christian Klosz

Retrospektiv stellt sich dieses Gefühl auch ein, wenn man sich die Netflix-Doku „Ikarus“ aus dem Jahr 2017 anschaut: Alle Belege für staatlich gesteuerte russische Manipulation, Betrügereien, Lügen und Propaganda sind dort enthalten und es wird demonstriert, wie das „System Putin“ (nur) existieren kann, weil es Lüge zu Wahrheit macht und Wahrheit zur Lüge.

Aber von Beginn an: Eigentlich hätte es in „Ikarus“ um etwas ganz anderes gehen sollen. Der US-Filmemacher und begeisterte Hobby-Radfahrer Brian Fogel will in einem (Selbst-)Experiment herausfinden, ob und wie man Doping-Tests umgehen kann, um erfolgreicher zu sein. Er scheitert mit seinem Vorhaben: Trotz monatelanger Einnahme von verbotenen Substanzen, unter anderem Testosteronspritzen, endet sein Antreten bei einem großen (Amateur-)Radrennen weniger erfolgreich als im Jahr davor ohne Doping. Im Zuge seiner Recherche und seines Selbstversuchs, den er mit der Kamera festhält, kommt Fogel in Kontakt mit dem russischen Wissenschaftler Grigori Rodtschenkow, der ihm als „Experte bezüglich nicht nachweisbarer Dopingsysteme“ empfohlen wird. Rodtschenkow erstellt für Fogel einen Doping-Plan, den dieser befolgen soll.

Um 2014 erscheint eine ARD-Doku im Fernsehen, die von staatlich gesponsertem Doping in Russland berichtet und bei der auch Rodtschenkows Name fällt. Immerhin war er der russische WADA-Chef (World Anti Doping Agency) während der olympischen Spiele in Sotschi, plötzlich befindet er sich im Zentrum des Interesses von internationalen Ermittlungen. Er bestreitet nicht, was er getan hat – immerhin arbeitet er ja gerade mit Fogel an dessen Scam – findet sich aber in einer seltsamen Doppelrolle wieder: Einerseits als Zeuge und Ankläger eines staatlichen, von höchster Stelle gelenkten Dopingsystems, andererseits als zentraler Exekutor dieser betrügerischen Spezialoperation – „double think“ in Praxis wird er das später im Film nennen.

In „Ikarus“ bekommt man den Eindruck, Rodtschenkow ist froh, (auf Kamera) erwischt worden zu sein und seine Wahrheit erzählen zu können. Er fürchtet um sein Leben in Russland und flieht in die USA, wo Fogel eine für ihn sichere Unterkunft findet. In einem aufgezeichneten Interview erzählt er seine persönliche Geschichte und erläutert das russische Dopingsystem: Er war früher in Russland ins Gefängnis wegen Differenzen mit Vorgesetzten gesteckt worden, kam dann sogar in eine „Irrenanstalt“. Putin bot ihm an, das Dopingsystem als Leiter der Anti-Doping-Agentur (absolute Perfidität!) zu planen und weiterzuführen, Rodtschenkow bekam so seine Freiheit wieder, aber eben nur als „Sklave“.

Vor den olympischen Spielen in Sotschi wurde alles minutiös vorbereitet, saubere Urinproben aller russischen Athleten genommen und in der WADA-Zentrale in Sotschi aufbewahrt, wo sie im Bedarfsfall mit aktuellen („schmutzigen“) Proben ausgetauscht wurden. Resultat: Der Athlet war offiziell clean.

Rodtschenkow erklärt den Wunsch Putins nach extensiven Dopingmaßnahmen mit dem Wunsch nach Medaillen, also Erfolg der russischen Athleten bei den olympischen Heimspielen, die vorigen waren alles andere als erfolgreich gewesen. Denn Putin brauchte einen Erfolg, da seine Beliebtheitswerte in Russland seit Jahren im Sinken begriffen waren – und er die Bevölkerung auf die Annexion der Krim vorbereiten wollte (von der damals natürlich niemand etwas ahnte). Diese fand tatsächlich kurze Zeit nach den Spielen in Sotschi statt – als sich Putins Beliebtheit in Folge des durch Doping erschwindelten russischen Medaillienreigens auf einem neuen Hoch befand. Die Unterstützung der Bevölkerung für den Überall auf die Krim war überwältigend.

Ein genialer Schachzug? Jedenfalls durchtreiben und bösartig. Aber: Er war aufgegangen. Damals, 2014. Russland und Putin kamen nicht nur mit dem olympischen Betrug davon (zumindest vorerst), sondern auch war der folgende Einmarsch in der Krim erfolgreich.

Sprung in die Gegenwart: Putin versucht seit Februar 2022 bekanntlich, den Coup aus 2014 auf größerer Eben zu wiederholen. Dem Einmarsch in der Ukraine gingen diverse Vorbereitungen voraus, „PR-Maßnahmen“ sozusagen, etwa die Publikation eines „historischen Essays“ im letzten Sommer, die Rede wenige Tage vor dem Angriff, die der Ukraine ihr Existenzrecht absprach und von „Entnazifizierung“ fabulierte: Lügen, getarnt als historisch belegbare Wahrheiten, um die russische Bevölkerung zu täuschen und in die Irre zu führen. Der Unterschied zu 2014: Der Schachzug ging nicht auf, Putin hatte sich verkalkuliert, schon jetzt ist das „Unternehmen Ukraine“ ein Scheitern kolossalen Ausmaßes. Putin kommt nicht an gegen die tapfer kämpfende Armee der Ukraine, den russischen Streitkräften werden teils peinliche Niederlagen zugefügt. Putin hat sich verdribbelt, sein ausgeklügeltes und bestechendes Lügensystem ist nicht länger aufrecht zu erhalten.

Grigori Rodtschenkow

Darum werden die Lügen und Täuschungen immer krasser, bösartiger – aber für die ganze Welt auch offensichtlicher: Putin hat die Kontrolle verloren, das, was jahrelang geklappt hatte, funktioniert nicht mehr. Trotzdem sehen wir immer noch die selben Mechanismen am Werk wie seit jeher – und wie sie in „Ikarus“ so anschaulich dargestellt und geschildert werden: Man denke an die von der russischen Armee begangenen Massaker in Bucha in der Ukraine. Es gibt Fotos von Toten, abgeschlachteten Zivilisten, Augenzeugenberichte, unabhängige Untersuchungen, Videoaufnahmen, sprich: unwiderlegbare Beweise. Ein barbarisches Massaker, von höchster Stelle vielleicht nicht angeordnet, aber geduldet oder erwünscht. Und trotzdem: Das System Putin lügt weiter, spricht von einer „ukrainischen Inszenierung“, was eigentlich eine russische Inszenierung ist, legt scheinbare Beweise vor, die belegen sollen, dass die Gräueltaten nicht von den Russen begangen worden seien, ebenso erlogen und erfunden.

Diese manipulativen Mechanismem des System Putin sind in „Ikarus“ zu sehen, werden im Detail beschrieben und lassen uns nicht nur die Gegenwart besser verstehen, sondern auch die Vergangenheit neu einordnen. Russland leugnete schon 2014 alles, „wusste von nichts“, die an vorderster Front „verschwanden“ oder wurden diskreditiert, Whistleblower wie Rodtschenkow, die das System bedrohten, als „Verrückte“ und „Irre“ abgetan, denen man nicht glauben und trauen könne (vergleiche: scheinbar „Verrückte und Drogensüchtige“ in der Ukrainer Regierung – perfekte Propaganda: Gegner werden diffamiert und mit Begriffen belegt, die in der russischen Gesellschaft als abzulehnend gelten). Russland weist alles von sich, zeigt mit dem Finger auf andere, gibt sich entrüstet ob der Anwürfe: Die Lüge wird zur Wahrheit. Die Wahrheit (der Betrug) wird zur Lüge erklärt. Dabei konnten die Vorwürfe von Rodtschenkow nicht nur mit einer Menge Dokumente und Beweise belegt, sondern auch durch unabhängige forensische Untersuchungen bestätigt werden. 2014 war Putin noch mit einem blauen Auge davongekommen. 2022 wohl nicht mehr.

„Ikarus“ ist aktuell auf Netflix zu sehen.

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Bilder: (c) Netflix

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