Eine berührende Geschichte mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen des Himalaya – das bietet „Tenzing“, der seit dem 16. Oktober 2026 auf Apple TV+ zu sehen ist. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte und präsentiert mit Willem Dafoe und Tom Hiddleston eine namhafte Besetzung. Im Mittelpunkt steht jedoch ein Schauspieler, der für viele Zuschauer weniger bekannt sein dürfte: Genden Phuntsok, der Tenzing Norgay verkörpert. Gerade diese Wahl passt gut zu einem Film, der eine bekannte Geschichte aus einer ungewohnten Perspektive erzählen möchte.

Kritik von Vanessa Balonier

„Tenzing“ handelt von Sherpa Tenzing Norgay (Phuntsok), der gemeinsam mit Edmund Hillary (Hiddleston) 1953 erstmals den Gipfel des Mount Everest besteigt: Anfangs sehen wir den jungen Tenzing, der eine Herde Yaks über die tibetische Hochebene führt. Dabei begegnet er dem beeindruckend inszenierten Bergmassiv des Mount Everest mit tiefer Verbundenheit. Doch für ihn und das nepalesische Bergvolk der Sherpa handelt es sich nicht bloß um einen Berg. Für sie ist er eine Göttin, die den Namen Chomolungma trägt. Bereits diese ersten Bilder machen deutlich, dass der Film den Everest nicht ausschließlich als sportliche Herausforderung begreift. Während die britischen Expeditionen den Berg als unerreichtes Ziel betrachten, ist er für Tenzing Teil seiner kulturellen und spirituellen Welt.

„Tenzing“ zeigt die erste Everest-Besteigung aus neuer Perspektive

Schnell wird deutlich, dass es sich bei Tenzing, der nicht als Sherpa geboren, aber unter ihnen aufgewachsen ist, um einen Außenseiter handelt. Er gehört somit nicht dem Sherpavolk an, wird aber aufgrund seiner Herkunft aus der Himalaya-Region und seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten zunehmend Teil der Welt rund um den Mount Everest.

Als „Junge, der den Berg in seinen Augen trägt“, lässt ihn der Gedanke nicht los, selbst an einer Expedition teilzunehmen, die ihn näher an den Everest heranführt. Voller Neugier und Begeisterung nimmt er den Weg nach Darjeeling auf sich und schließt sich als „Mr. Fantastic“ einer der frühen Besteigungen des Berges an. Es ist der Wendepunkt, die ihn im Laufe seines Lebens zu einem unverzichtbaren Bestandteil der großen Himalaya-Expeditionen machen wird.

Mit dem Schweizer Raymond Lambert erreicht Tenzing 1952 eine Höhe von rund 8.600 Metern – knapp 240 Meter unterhalb des Gipfels und damals der höchste Punkt, den ein Mensch je erreicht hatte. Tenzing ist nun längst nicht mehr ein bloßer Helfer westlicher Bergsteiger. Er ist selbst ein außergewöhnlicher Alpinist und besitzt Erfahrungen, ohne die die später erfolgreiche britische Expedition kaum denkbar wäre.

Zwei Außenseiter am Gipfel der Welt

Als die Briten 1953 erneut antreten, um Geschichte zu schreiben und den Everest zu „erobern“, entsteht um Expeditionsleiter John Hunt (Willem Dafoe) eine internationale Gruppe, zu der auch Edmund Hillary gehört. Als „Kiwi“ wird auch Hillary innerhalb der britisch geprägten Expedition zunächst als Außenseiter wahrgenommen. So finden zwei Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, aber ähnlichen Erfahrungen, zueinander.

Ausgerechnet das gemeinsame Gefühl, nicht vollständig in die bestehende Ordnung zu passen, bildet eine Grundlage für ihre Verbindung. Als Teil derselben Seilschaft sind sie schließlich buchstäblich miteinander verbunden. Die Gruppe bewegt sich durch Schnee und Eis, wobei jeder Schritt des einen Auswirkungen auf den anderen haben kann. Bei Tenzing und Hillary wird dieses Seil damit auch zum Sinnbild für eine Verbindung, die über die Besteigung des Everest hinaus Bestand haben wird.

Ein neuer Blick auf ein historisches Ereignis

Gerade diese Perspektive unterscheidet „Tenzing“ von der klassischen Erzählung der Everest-Erstbesteigung. In der westlichen Erinnerung wird die Geschichte häufig vor allem mit Edmund Hillary verbunden. Tenzing erscheint dagegen als der Sherpa an seiner Seite. Der Film versucht, dieses Verhältnis umzukehren. Hillary bleibt eine zentrale Figur, doch diesmal steht Tenzing im Mittelpunkt. Dadurch wird nicht nur die Leistung eines einzelnen Bergsteigers sichtbar, sondern auch die Bedeutung der Sherpas, deren Arbeit und Risiko in vielen historischen Darstellungen lange weniger Aufmerksamkeit erhielten.

Auf überzeugende Weise verbindet die Regisseurin Jennifer Peedom die Dramaturgie eines Biopics mit der körperlichen und visuellen Unmittelbarkeit ihrer dokumentarischen Bergfilmerfahrung. Peedom ist keine Regisseurin, die sich dem Himalaya und dem Bergsteigen erst für diesen Film angenähert hat. Bereits im nervenaufreibenden „Solo“, stellte sie die herausragende Leistung eines Freeclimbers in den Mittelpunkt. Mit ihrem Dokumentarfilm „Sherpa“ schließlich beschäftigte sie sich intensiv mit der Welt der Sherpas und den Gefahren des Everest. Diese Vor-Erfahrung ist in „Tenzing“ spürbar. Der Berg wird nicht nur zur spektakulären Kulisse, sondern beinahe zu einer eigenen Figur.

Der Berg als eigene Figur

Durch die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen fühlt man sich als Zuschauer geradezu klein im Angesicht der Erhabenheit des Gebirges. Dieser Eindruck wird durch den Einsatz der Bewegungsparallaxe deutlich verstärkt. Vorder- und Hintergrund bewegen sich dabei unterschiedlich schnell, wodurch beim Zuschauer ein stärkerer Eindruck von Tiefe und räumlicher Bewegung entsteht. Gerade im Gebirge entfaltet diese Technik ihre Wirkung, denn Felsen, Eis, Schnee und die gewaltigen Berghänge werden räumlich erfahrbar. Die Kamera vermittelt damit etwas von jener Orientierungslosigkeit und Verletzlichkeit, die die Bergsteiger in dieser Umgebung selbst erfahren.

Doch nicht nur die Bilder in „Tenzing“ sorgen für Authentizität. Auch die Vorbereitung und Arbeitsweise der Produktion tragen dazu bei. Peedom legte großen Wert auf tatsächliche Kletterszenen und eine fundierte Vorbereitung der Darsteller. Tom Hiddleston und Genden Phuntsok trainierten für ihre Rollen und übernahmen einen erheblichen Teil der Kletter- und Stuntarbeit selbst. Die Szenen am Berg wurden in den Southern Alps Neuseelands gedreht, während Aufnahmen von Kultur und Umgebung in Nepal entstanden.

Eine besondere Verbindung zwischen der filmischen Rekonstruktion und dem familiären Gedächtnis an Tenzing Norgay entsteht durch das Mitwirken seines Sohnes Norbu Tenzing, der nicht bloß als Berater an der Produktion beteiligt war, sondern als Executive Producer geführt wird. Gerade bei einem Biopic ist dieser Aspekt interessant, denn historische Fakten und persönliche Erinnerungen sind nicht immer dasselbe. „Tenzing“ versucht deshalb nicht ausschließlich, die Expedition von 1953 nachzustellen, sondern auch einen Blick auf den Menschen hinter dem historischen Mythos zu ermöglichen.

Fazit

Eine der größten Stärken von „Tenzing“ liegt in seiner schlichten Erzählweise: Da das Ergebnis der Besteigung bekannt ist, entsteht die Spannung weniger aus der Frage, ob der Gipfel erreicht wird, als vielmehr aus dem Weg dorthin und seiner Ausrichtung auf die gemeinsame Leistung von Tenzing und Hillary. Wird Tenzing als gleichwertiger Bergsteiger anerkannt, wie entwickelt sich seine Beziehung zu Hillary und welche Bedeutung hat der Aufstieg für einen Menschen, für den der Everest weit mehr als eine sportliche Herausforderung ist?

Mit seiner eindrucksvollen Bildsprache und der gefühlvollen musikalischen Untermalung erzählt „Tenzing“ so nicht allein von der Eroberung eines Berges, sondern auch vom Kampf um Anerkennung und den eigenen Platz in der Geschichte. Gerade durch diesen Perspektivwechsel gelingt es dem Film, eine bekannte Geschichte neu zu erzählen und jenem Mann eine Bühne zu geben, der neben Hillary den Gipfel erreichte und dessen Leistung lange im Schatten seines berühmteren Partners stand.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(85/100)

„Tenzing“: Seit 16.10.2026 auf AppleTV.

Bild: (c) AppleTV