(Multi-)Kulturelles Zusammenleben erfordert Rücksichtnahme auf die Wünsche und Eigenheiten eines jeden, jedem seine „Extrawurst“ sozusagen, um den Zusammenhalt zu bewahren. Die gleichnamige, deutsche Komödie von Marcus H. Rosenmüller, besetzt u.a. mit Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst und Fahri Yardim, stellt die Fallgruben friedlicher Ko-Existenz in den Mittelpunkt und widerlegt und bestätigt zugleich Vorurteile gegenüber dem „deutschen Humor“. Nach dem Kinostart im Sommer ist „Extrawurst“ nun seit 15. Oktober 2026 auf Netflix zu streamen.

Kritik von Christian Klosz

Mit dem deutschen Humor ist das so eine Sache. Eine Diskussion darüber setzt voraus, dass man den Deutschen die Fähigkeit zum Humor zugesteht, wie das bösartige (österreichische) Zungen nicht tun. Die beiden Völker trennt seit jeher die gemeinsame Sprache, wie ein bekanntes Bonmot lehrt. Oder eben die Humorfähigkeit und deren Absenz.

Deutscher Humor, gibt es das?

Der österreichische Vorwurf an das, was sich aus Innensicht „deutscher Humor“ bezeichnet, ist natürlich klischee-unterfüttert und fußt auf der zwar verkürzten, aber dann doch nicht gänzlich falschen Feststellung, dass das deutsche Streben nach Ordnung, Reinheit und Sauberkeit – auch in der Sprache – wenig Raum für Humor lässt, der eben immer auch vom Ambivalenten, Uneindeutigen, Verkehrten lebt: Ironie zum Beispiel, die sagt das Gegenteil dessen, was tatsächlich ist und sagt das Gegenteil dessen, was sie meint. Idealer dialektaler Nährboden für diese Formen des Sprachwitzes wäre dann das Wienerische mit seinem Hang zum Schwammigen, Unklaren und Morbiden.

Die deutsche Komödie „Extrawurst“ illustriert zugleich die Richtigkeit obiger Aussagen wie deren Verkürzung: Basierend auf einem Theatererfolgsstück (von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob) lebt der Film vor allem von seinen Dialogen, die wortwitz- wie temporeich das gesamte Panoptikum deutscher Gesellschaftsbefindlichkeiten abhandeln. Ausgangspunkt dieser zumindest in den ersten drei Vierteln virtuosen Boulevard-Komödie ist eine zuerst banale Diskussion in einem kleinstädtischen Tennisclub: Ein neuer Grill soll angeschafft werden, eigentlich nur eine Formsache, die bei einer Teilnehmerversammlung unter Leitung des sonnenkönighaften Clubpräsidenten Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling) beschlossen werden soll.

Doppel-Spielerin Melanie (Anja Knauer) schlägt vor, für ihren Doppelpartner Erol (Fahri Yardim), das einzige türkischstämmige Clubmitglied, einen Extra-Grill anzuschaffen, auf dem bei Clubfeiern für ihn und seine Familie Nicht-Schweinefleisch zubereitet werden kann. Der will das gar nicht – aber die Büchse der Pandora ist damit geöffnet und 1.5 Stunden dreschen sich die Protagonisten alle möglichen Egoismen, (Un)Weisheiten und Vorurteile um die Ohren und klappern dabei alle Stationen von Toleranz bis Paternalismus, Identität bis Xenophobie und Feminismus bis Besserwisserei ab.

„Extrawurst“ widerlegt und bestätigt Vorurteile – gegenüber deutschem Humor

Diese ersten eineinhalb Stunden widerlegen die zu Beginn in den Raum gestellte These: Der Deutsche hat keinen Humor! Der hier präsentierte Humor ist zwar vielleicht nicht sprachlich gefinkelt. Aber die gut beobachteten, clever geschriebenen und bei aller Zuspitzung realistischen Dialoge gepaart mit den überzeugenden Darsteller-Leistungen machen die Sache kurzweilig wie unterhaltsam.

Was „Extrawurst“ zerstört ist dann sein – ach so deutsches – Ende: Gesellschaft bedeutet ein ständiges, gemeinsames Irren durch die Existenz, aus dem es kein Entrinnen gibt. Filtriert der Film zunächst das Tragisch-Komische aus dieser Ausgangslage, indem er sie anerkennt, biegt „Extrawurst“ am Ende – vielleicht liegt es an der Regie des dafür bekannten Markus H. Rosenmüller – dann aber Richtung kindlichem Kitsch ab: Ein Unglück passiert, der von allen geliebte Präsident überlebt einen medizinischen Notfall – und plötzlich alle haben sich alle wieder lieb. Der plumpe, deutschfröhliche Klamauk, mit dem das inszeniert wird, steht konträr zum zuvor ernsthaften Interesse des Films an gesellschaftlichen Bruchlinien.

In seiner finalen Aussage „und am Ende wird alles gut“ und der Unbeholfenheit, in der das vorgetragen wird, bestätigt „Extrawurst“ dann alle Vorurteile, die man dem deutschen Humor und der deutschen Komödie im Speziellen entgegenbringen kann: Alle Ambivalenzen ausgelöscht, alle Konflikte verschwunden, ein romantisch verklärter Friede-Freude-Eierkuchen-Zustand erreicht, in dem alle glücklich sind. Extrablöd.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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„Extrawurst“: Seit 15.10.2026 auf Netflix.

Bild: (c) StudioCanal / Daniel Gottschalk