Nachdem sie sich über 20 Jahre lang anderen Projekten widmete, ist Avantgardistin Ulrike Ottinger („Freak Orlando“) mit einem neuen Spielfilm zurück: „Die Blutgräfin“ ist eine Vampirkomödie, die mit dem Stoff der historischen Mörderin Elisabeth Báthory verwandt ist, vor allem aber unverwechselbares Camp ist. Passend zu Halloween startet der Film am 29. Oktober 2026 in den deutschen und österreichischen Kinos. Isabelle Huppert („Elle“) besetzt die Hauptrolle, auch Lars Eidinger („White Noise“) ist zu sehen. Und sogar Conchita Wurst hat mehrere effektvolle Auftritte.

Filmkritik von Jonas Schilberg

Huppert schlüpft in die Rolle der „Blutgräfin“ Báthory, die einer langjährigen Vampir-Dynastie entstammt und sich nur alle 25 Jahre an die Erdoberfläche wagt. Hier trifft sie in Wien auf die Zofe Hermine (Birgit Minichmayr), ebenfalls Vampirin. Die Rede ist immer wieder von einem weisen Buch, das, sobald ein Vampir über ihm Tränen vergießt, diesen zum normalen Menschen machen würde. Schockiert nur von der Möglichkeit, ein sterbliches Wesen zu sein, setzen die Vampire im Bund mit Neffe Baron Bubi (Thomas Schubert) alle Kräfte ein, das Buch zu finden und zu vernichten. Auf den Fersen sind ihnen hierbei zwei „Vampirologen“ und mehrere Polizisten.

„Die Blutgräfin“: Die Anti-„Klavierspielerin“

Der Film beginnt bereits furios: an Richard Wagner erinnernde Musik mischt sich mit undefinierbaren Klängen, Rauschen, eine riesige rote Gestalt nähert sich uns auf dem Wasser in einem Bergwerk. Es ist die Blutgräfin, welche sodann ihrem Gefährt entsteigt und einem schmalen Gang in die Ferne folgt. Ihr leuchtrotes Gewand, gepaart mit einer Schauspielpräsenz, die typisch für Huppert ist, ergibt eine besondere, umhüllende Aura. Makellos fährt sie eine große, prunkvoll-edle Kutsche in die Ferne der Nacht. Ein vielversprechender Auftakt!

Zudem ist eine bestimmte Kombination bemerkenswert: Isabelle Huppert in der Hauptrolle, Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an den Dialogen beteiligt, Schauplatz: Wien. Ebenjene Zusammenfügung ergab sich bereits 2001, damals für Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“. Man kann jedoch mit Bestimmtheit sagen, dass „Die Blutgräfin“ so ziemlich das Gegenteil dieses kühl-ernsten psychologischen Dramas ist. Im Guten wie im Schlechten.

Reflexion über Zeitlichkeit

Zunächst funktioniert „Die Blutgräfin“ als Wien-Film: Österreichischer Dialekt, Sigmund Freud, Cafés und Walzer kommen nämlich ebenso vor wie eine Vorstellung einzelner Sehenswürdigkeiten sowie ein würdiges Finale auf dem Prater. Als Wien-Film gelingt Ottingers Spätwerk auch deshalb, weil es das Thema Zeitlichkeit auf interessante Weise abhandelt – und wo sonst sollte man das tun, wenn nicht in einer Stadt, die von Tradition und Aufbruch gleichermaßen strahlt?

Denn Kostüm und Inszenierung sorgen immer wieder für Irritation: Báthorys Kutsche kann doch kaum der Gegenwart entstammen, aber war sie zuvor nicht noch in einer U-Bahn-Station? Die Kleidung wirkt mal mittelalterlich, mal völlig normal. „Die Blutgräfin“ versteht sich als Anachronismus und das geht insofern auf, als der Vampir ein Wesen ist, das keine Sterblichkeit kennt, und somit eben auch keine Zeitlichkeit. Dass wir Zuschauende hingegen durchaus Zeitlichkeit wahrnehmen können, spüren wir jedoch in einigen Durchhängern dieses Filmes am eigenen Leibe.

die blutgräfin kino film huppert

Einzelne Szenen stechen heraus

Die eingangs erwähnte Eröffnungsszene steht stellvertretend für Stärke und Schwäche des Films: Einzelne Szenen gelingen formidabel. Immer dann, wenn unvermittelt vollkommen Unglaubwürdiges entsteht, durch überzogene Ernsthaftigkeit in Wahrheit unernst, dann funktioniert „Die Blutgräfin“ wunderbar und bringt zum Schmunzeln. In Szenen, in denen Báthory völlig unerwartet Menschen aussaugt und dazu ausgerechnet Johann Strauss‘ Walzer „Wiener Blut“ erklingt, stimmt alles. Eine urkomische Gesangseinlage von Conchita Wurst bleibt unvergessen.

Doch sind diese Momente leider nur einsame Inseln, die den Grundzustand von „Die Blutgräfin“ nicht übertünchen können. Genau dieser aber riecht mehrheitlich nach steifem Kostümfilm.

So ist die Exzentrik von „Basti“ und „Neppi“, wie sich die beiden Vampirologen gegenseitig bezeichnen, anfangs vielleicht amüsant, irgendwann aber nur noch anstrengend. Lars Eidinger, der den Therapeuten von Baron Bubi spielt (Bubi will seine Höhenangst überwinden und wieder Fleisch essen), geht in seiner Rolle kaum auf und die Figur wirkt allgemein deplatziert. Für die verschiedenen Rollen, die Conchita Wurst / Tom Neuwirth übernimmt, gilt dies ausdrücklich nicht. Somit ist „Die Blutgräfin“ zwar Camp (und queer dazu), aber zu unentschlossenes Camp.

Fazit

Verspielt und von Kreativität strotzend, ist der Inszenierung von Ulrike Ottingers „Die Blutgräfin“ kaum etwas vorzuwerfen. Was einige dramaturgische Entscheidungen betrifft, sieht das anders aus. Das Drehbuch ist insgesamt nicht annähernd so interessant wie Isabelle Hupperts Schauspiel, das Szenenbild und Kostüm. Doch weist dieser Wien-Film insgesamt genügend hinreißende Momente auf, um ihn als lohnenswert auszuzeichnen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(66/100)

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„Die Blutgräfin“ – Filmdaten

  • Originaltitel: Die Blutgräfin
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Produktionsländer: Österreich, Luxemburg, Deutschland
  • Regie: Ulrike Ottinger
  • Drehbuch: Ulrike Ottinger, mit Dialogmitarbeit von Elfriede Jelinek
  • Besetzung: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, Karl Markovics, Conchita Wurst/Tom Neuwirth
  • Genre: Groteske, Vampirkomödie, Fantasy
  • Laufzeit: 119 Minuten
  • Kinostart (D, Ö): 29. Oktober 2026

Bilder: (c) Neue Visionen Filmverleih