Das Sub-Genre „Creature Horror“ scheint zuletzt zu boomen, sowohl in der Kurz- als auch in der Langform: „Whalefall“, „Hungry“, „Kraken“ oder die Serie „Below“ (Bewertungen zu allen HIER) sind nur ein paar Beispiele, die kürzlich veröffentlicht wurden. Mit dem Amerikaner Mike P. Nelson nimmt sich nun einer der talentiertesten Horror-Talente der letzten Jahre ebenfalls dieses Genres an, sein „Beware Boiúna“ startet am 12.11.2026 in Deutschland im Kino.

Kritik von Christian Klosz

Nelson beherrscht sein Handwerk und versteht das Horror-Genre, was wohl ein Grund war, warum er als Regisseur für den nächsten „Saw“-Film verpflichtet wurde. James Wan war voller Lob für seinen Nach-Nachfolger. Nelson baut in seine Werke immer wieder auch sozio-politische Botschaften ein: Das war bereits bei seinem Durchbruch „The Domestics“ so gewesen und setzte sich bei „Wrong Turn: The Foundation“ fort. Auch bei „Beware Boiúna“ schwingt Sozial- und Kulturkritik mit.

„Beware Boiúna“: Mythische Riesenschlange im Amazonas

Die Grundidee des Films ist dabei – wie meist in diesem Genre – simpel: Ein Ärzteteam rund um Doktor Miguel (Juan Pablo Shuk), seine junge Kollegin Alli (Jessica Rothe) und „Matrosin“ Lena (Kiana Madeira) schippert auf einem kleinen Schiff durch den kolumbianischen Amazonas. Man möchte die indigenen Einwohner, die in diesen Gebieten relativ abgeschottet leben, medizinisch versorgen. Lena verfolgt eine Nebenmission: Sie will ihren verschollenen Bruder Jorge ausfindig machen, der sich in der Gegend aufhalten soll.

Die Crew trifft bei einem Zwischenstopp auf eine Gruppe von Neo-„Kolonialisten“ unter Führung des Unsympathlers Brennan (Logan Marshall-Green), die die Gegend für künftige Bau-Projekte erschließen wollen. Bei einem Unfall kommt sein Bruder ums Leben. Als er herausfindet, dass Lena und Alli darin verwickelt waren, will er die beiden zur Rechenschaft ziehen.

Inzwischen ist aber eine Urwald-Kreatur erwacht, die genug von Eindringlingen hat, die ihre Heimat stören und zerstören: Die Boiúna, eine gigantische Schlangenkreatur, über die es in der südamerikanischen Mythologie heißt, sie allein entscheidet, wer leben und sterben darf.

Kompetent und konsequent

Zunächst fällt bei „Beware Boiúna“ die gute Recherche auf: Nelson, auch Co-Autor des Drehbuchs, hat sich offenkundig mit der kolonialen Vergangenheit der Amazonasgegend, der aktuellen Situation indigener Einwohner und der kolumbianischen Mythologie befasst und und die Rechercheergebnisse in sein Skript eingebaut. Das hebt den Film auf qualitativer Ebene von vielen anderen, rezenten Creature-Horrorfilmen ab, die meist lediglich als (bessere oder schlechtere B-Movies) durchgehen. Dass er mit der bei uns unbekannten Riesenschlange Boiúna eine Figur der südamerikanischen Mythologie ins Zentrum seines Films stellt passt auch in diesen Kontext, selbst wenn sich Parallelen zu „Anaconda“ und Ähnlichem auftun.

Dass Nelson sein Horror-Handwerk beherrscht, dass er weiß, wie man ein Setting aufbereitet, wie man für Spannung sorgt (die Schlange ist bis zum Finale nicht zur Gänze zu sehen) zeigt er auch hier. Es entstehen so immer wieder filmisch und inszenatorisch hochwertige Sequenzen, die ihre intendierte Wirkung nicht verfehlen. Nicht ganz mithalten kann da die visuelle Umsetzung der Riesenschlange, wenn sie dann schließlich zu sehen ist: Die CGI ist nicht auf höchsten Niveau und schmälert den Eindruck etwas.

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Creature Horror mit humanistischer Message

Nelson hat aber nicht nur ein Gespür für die Regeln des Genrefilms und die sozio-kulturelle Einbettung seiner Geschichten, er ist auch Humanist. Die zuerst als ganz und gar ekelhaft gezeichnete Figur Brennan, ein Egoist, ein typisches Arschloch, darf eine Entwicklung durchmachen und seine eigenen Entscheidungen und Handlungen überdenken und korrigieren.

Als „Beware Boiúna“ zum Überlebenskampf wird, müssen sich die sehr konträren und sich gegenseitig hassenden Charaktere Lena und Brennan zusammentun. Man kann das – mit Blick auf Nelsons bisherige Filme – auch als subtiler Aufruf zu Kooperation statt Konfrontation lesen: Im Auge größter, existenzieller Bedrohung ist es nötig, gegenseitige Differenzen zu überwinden, zu vergeben – und zu lernen. Dass der US-Amerikaner Nelson hier auch seine eigene Heimat im Hinterkopf hat, kann man annehmen.

beware boiuna
Auf in das Herz des Dschungels. Oder in den Rachen der Bestie?

Fazit

„Beware Boiúna“ ist insgesamt ein überdurchschnittlicher Vertreter des Sub-Genres Creature Horror, Regisseur Mike P. Nelson erweist sich erneut als kompetenter und konsequenter Horror-Fachmann mit sozio-politischem Gespür. Die Effekte der Riesenschlange sind zwar nicht erstklassig, dank der Inszenierung entfaltet der Film aber trotzdem seine Wirkung. Man darf gespannt sein, in welche Richtung Nelson das Saw-Franchise demnächst steuern wird.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

„Beware Boiúna“: Ab 12.11.2026 in den deutschen Kinos.

Bilder: (c) Lionsgate – Verleih: Constantinfilm