Seit 4.9.2025 macht „Conjuring 4“ die Kinos unsicher (unsere Kritik zum vorerst letzten Tel der Reihe). Mit dem Abschluss des von James Wan entworfenen Horror-Franchise ist es Zeit für einen Blick zurück: Was macht den Erfolg der bisherigen Filme aus, die stets zwischen Glauben und Grusel schwanken? Eine Analyse.

von Pascal Ehrlich

„Conjuring“ (2013): Kein Platz für Zweifel

Der Zusatz „basierend auf einer wahren Begebenheit“ ist ein prägnantes Verkaufsargument, das dem Publikum einen zusätzlichen Anreiz bieten soll, einen Film zu sehen. Wer möchte schon Realität direkt erleben, wenn man sie vermittelt über die Leinwand oder den Bildschirm erfahren kann? Natürlich ist dieser Kunstgriff keine Erfindung des Films – auch die Literatur, etwa Truman Capotes „Kaltblütig“, kennt die Faszination des Publikums für vermittelte Realität.

Die kommerzielle Ausschlachtung dieser Faszination erfolgte später durch True-Crime-Podcasts, die besonders in den späten 2010er Jahren Popularität erlangten. Der Horrorfilm, insbesondere jener, der mit dem Übernatürlichen arbeitet, greift selten auf diese Formel zurück, da das Realitätsverständnis des Publikums nur begrenzt belastbar ist.

Mitten in der Frühphase des True-Crime-Hypes – die Netflix-Dokumentarserie „Making a Murderer“ erscheint zwei Jahre später – beginnt „The Conjuring“ (2013), der erste Teil der Horror-Reihe, mit dem Text „based on true events“. Der Film erzählt von dem Dämonologen-Paar Ed und Lorraine Warren. Sie ist Hellseherin, er die einzige Person außerhalb des Klerus, die mit kirchlicher Erlaubnis Exorzismen durchführen darf.

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Die echten Lorraine & Ed Warren

Das Paar war seit den 1970er Jahren in den USA aktiv, untersuchte paranormale Vorkommen im ganzen Land und versuchte, diese aufzuklären beziehungsweise den Heimgesuchten zu helfen. Im ersten Teil der Conjuring-Reihe benötigt die Familie Perron die Hilfe der Warrens. Die Perrons haben in Harrisville, Rhode Island, ein Haus erworben, das allem Anschein nach verflucht ist und von bösen Geistern bewohnt wird. Das Motiv des Spukhauses wird zum zentralen Element nahezu aller Filme der Conjuring-Reihe.

Glaube und Religion spielen eine bedeutende Rolle in „Conjuring“, wobei die Methoden der „Dämonenjäger“ eine eigentümliche Verbindung zur Wissenschaft herstellen. Exorzismen werden von der Kirche nur genehmigt, wenn ausreichende Beweise vorliegen, dass es sich tatsächlich um eine religiöse Angelegenheit handelt. Dementsprechend wird jeder Winkel des Hauses der Perrons mit Audiogeräten und Kameras überwacht. Die Technologie soll einen Beweis für das Böse und im Umkehrschluss auch für das Gute beziehungsweise den Glauben erbringen.

Hier offenbart sich das zentrale Problem des Films: Er hat nicht verstanden, wodurch sich Glaube konstituiert. Glaube definiert sich durch seine Nicht-Beweisbarkeit – dialektisch betrachtet kann nur derjenige glauben, der auch zweifelt, denn wer weiß, der glaubt nicht. „Conjuring“ zweifelt nie. Der Film stellt das Publikum von Anfang an vor vollendete Tatsachen. Dies drückt sich auch formal aus: Jeder angedeutete Jumpscare löst tatsächlich einen Gruseleffekt aus. Nichts bleibt offen. Die teilweise effektiv inszenierte Atmosphäre erfährt stets eine Entladung durch das Ausspielen des Jumpscares. Es bleibt kein Raum für Ambivalenzen, für Unsicherheit und für Zweifel.

„Conjuring 2“ (2016): Ritualisierte Geisterbahn

Auch das Sequel „Conjuring 2“ aus 2016 kennt keinen Zweifel, jedoch tauchen einige Skeptiker auf, die die Legitimität der Warrens zumindest in Frage stellen. Diese Figuren werden allerdings nicht als Sympathieträger dargestellt. Vielmehr fungieren sie als Antagonisten der Warrens, die an einer Entzauberung der Welt arbeiten und damit den persönlichen Glauben attackieren. Die Warrens stehen mit ihrer Arbeit und dem Versuch, das Böse zu besiegen – welches zunächst immer bewiesen werden muss – nicht nur für die Institution Kirche, sondern auch für den persönlichen Glauben des Individuums, den sie immer wieder aufs Neue bestätigen.

„Conjuring 2“ operiert wieder ohne Ambivalenzen. Diesmal verschlägt es die Warrens Ende der 1970er Jahre nach England in eine Sozialwohnsiedlung. Die Klassenfrage wird hier deutlicher ausgestellt. Während im ersten Teil die soziale Lage der Perrons nur angeschnitten wird (sie können es sich nicht leisten umzuziehen), gehört die Hodgson-Familie aus dem zweiten Teil eindeutig der Arbeiterklasse an. Margaret Thatcher, zur Zeit des Films noch nicht Premierministerin, ist immer wieder im Fernsehen mit ihren Reden präsent.

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Die Warrens, Amerikas bekannteste Dämonologen, im Film (hier in Teil 4)

Doch für den Film dienen diese Zeitmarker lediglich der Authentifizierung und der Immersion. Er bedient sich reiner Nostalgie, ohne diese zu kontextualisieren oder zu kritisieren. Dass der wahre Horror, der die alleinerziehende Mutter und ihre vier Kinder terrorisiert, die Zerstörung des Sozialstaats durch die neoliberale Wirtschaftspolitik des Thatcherismus ist, spielt im Film keine Rolle. Das Böse ist immer das pure Böse, das aus dem Keller hervorsteigt und die Familie heimsucht. Es kann und soll nicht als etwas anderes gelesen werden.

„Conjuring 2“ ähnelt in Aufbau und Struktur dem ersten Teil – ein Muster, das sich durch alle Conjuring-Filme zieht, mit Ausnahme des dritten Teils. Die Ereignisse verlaufen zunächst parallel, bis die beiden Erzählstränge aufeinandertreffen. Die Warrens sind mit sich selbst und einem scheinbar anderen Dämon beschäftigt, während das Publikum die heimgesuchte Familie kennenlernt.

Wie bei den klassischen Hardboiled-Krimis der 1940er und 1950er Jahre stellt sich zum Schluss heraus, dass die beiden Erzählstränge zusammenhängen. Dieser Aufbau führt zu einer für Horrorfilme ungewöhnlich langen Laufzeit – alle Filme der Conjuring-Reihe dauern mindestens zwei Stunden. Leider verwechseln die Filme Länge mit Komplexität und Charakterentwicklung. Es treten so viele Figuren auf – nahezu jede Familie hat drei bis vier Kinder –, dass trotzdem kaum Zeit bleibt, ihnen mehr als schablonenhafte Eigenschaften zuzuschreiben.

Die ähnlichen Versatzstücke der ersten beiden Teile – der Keller als Ursprung des Bösen, Geister unter der Kontrolle anderer Dämonen, Ed und/oder Lorraine, die durch Hauswände in den Keller stürzen – verweisen auf die ritualisierte Methodik der Filme. Es entsteht eine Parallele zum Christentum, das ebenfalls eine durch Rituale konstituierte Religion ist. In beiden Filmen gibt es eine längere Plansequenz, in der die Kamera durch das Haus schwebt und die einzelnen Familienmitglieder vorstellt. Leider besitzt die Kamera in diesem „One-Shot“ keine unheimliche Aura, die auf eine übernatürliche Präsenz hindeuten könnte. Man fühlt sich eher wie in einem Wagon der Geisterbahn, dessen Effekt ausbleibt.

„Conjuring 3“ (2021): Vom Sakralen zum Profanen

Mit dem Wechsel des Regisseurs – im dritten Teil führt nicht mehr James Wan, sondern Michael Chaves Regie – wechselt auch die etablierte Struktur. Anstatt des Spukhaus-Motivs versuchen die Warrens nun zu beweisen, dass der Jugendliche Arne Johnson, der seinen Vermieter mit 22 Messerstichen umgebracht hat, währenddessen von einem Dämon besessen war. Es ist ein Wechsel vom Sakralen ins Profane – die weltlichen Gesetze gegen die heilige Schrift.

Auf dem Papier hört sich das nach einem interessanten Spannungsverhältnis an. Doch anstatt dass der Film versucht, diese Konfrontation auszutarieren, verbreitet er die gutbürgerlich moralische Angst der „Satanic Panic“. Schon im ersten Film ist die Antagonistin eine Hexe, die während den nordamerikanischen Hexenverfolgungen beschuldigt wurde und sich daraufhin aufhängt. Die Hexenverfolgungen als narratologisches Stilmittel zu verwenden, ohne die inhärenten patriarchalen Strukturen zumindest zu kontextualisieren und indirekt auch noch zu bestätigen, indem man das Opfer in letzter Folge zur Täterin werden lässt, offenbart den konservativen Kern der Filmreihe.

In „Conjuring 3“ sind es die Satanisten, die das christlich-bürgerliche Leben der Kleinstadt terrorisieren. Das Böse ist nicht mehr eine abstrakte Form, etwas Außerweltliches, das festgefahrene Strukturen durcheinander wirbelt, sondern tritt in Form einer Person aus Fleisch und Blut auf. Der Endgegner in Form eines „mächtigen“ Satanisten braucht dementsprechend genau so mächtige Herausforderer.

Der Wechsel vom Sakralen ins Profane führt dazu, dass der Film seinen Glauben, den erst anfangs einfach nicht verstanden hat, nun überhaupt nicht mehr ernst nimmt. Die hellseherischen Fähigkeiten von Lorraine Warren werden zum bloßen Gimmick. Es erinnert mehr an eine Superheldenfähigkeit bzw. ähnelt der beinahe übernatürlichen Kombinationsgabe von Sherlock Holmes in der Serie „Sherlock“. Die in den ersten beiden Filmen dargestellte Gewissheit muss unweigerlich in dieser Ausschlachtung der Fähigkeiten bzw. des Glaubens enden.

Die Frage, die wir uns zum Schluss stellen müssen lautet: Kann es eine Erlösung für das Conjuring-Universum geben? Kann man wieder zum alten Pfad zurückfinden, selbst wenn dieser schon nicht der rechte war? Oder besteht sogar die Chance auf eine tatsächliche Himmel- bzw. Höllenfahrt in Form des vierten und finalen Teils? Seit 4.9.2025 ist dieser im Kino zu sehen, und gibt die Antwort. In unserer Kritik zu „Conjuring 4“ ist zu lesen, was von dem „letzten Kapitel“ zu erwarten und zu halten ist.

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Vera Farmiga als Lorraine Warren in „Conjuring 4“

Textbild: (c) Warner Bros. Entertainment Inc.