Mit „Conjuring 4“, dem letzten Teil der Conjuring-Reihe, begibt sich Regisseur Michael Chaves („Conjuring 3“) wieder auf bekanntes Terrain: Erneut beginnt der Film mit einem Rückblick auf einen vergangenen Fall der Warrens (Patrick Wilson, Vera Farmiga). Dieser bleibt jedoch ungelöst, weil ihre noch ungeborene Tochter Judy mit hineingezogen wird. Man braucht natürlich kein/e große/r FilmkennerIn zu sein, um diesen Rückblick als Foreshadowing zu erkennen. „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ startet am 4.9.2025 im Kino.

Kritik von Pascal Ehrlich

Der Plot von „Conjuring 4“ setzt im Jahr 1986 ein. Die Warrens haben sich zur Ruhe gesetzt und – so wird es zumindest angedeutet – haben an Bekanntheit verloren. Ihre Vorlesungen sind schlecht besucht und die Studierenden sehen das Dämonologen-Paar mehr als Kuriosität an. Lorraines Fähigkeiten werden eher mit der einer Wahrsagerin gleichgesetzt und nicht mit dem Glauben an Gott (oder an das Gute) assoziiert.

„Conjuring 4“ (2025): Die Warrens im Dämonen-Ruhestand

Die Warren’sche Tochter Judy ist ausgewachsen, geht aufs College, hat einen Freund und hat genauso wie ihre Mutter Visionen von Dämonen und Geistern. Ed Warren hat mit dem Alter und einem schwachen Herz zu kämpfen – mit ein Grund, weshalb das Paar sich auf das Unterrichten beschränken, anstatt Dämonen aktiv zu bekämpfen.

Wieder ist es eine verzweifelte Familie, die Smurls, die die Warrens zu Hilfe rufen, die so ihren Ruhestand vorübergehend unterbrechen. Die Smurls stammen aus dem Arbeiterklasse-Milieu, die Familie wohnt in einer Bergbaustadt in Pennsylvania. Sie besteht aus mehreren Mitgliedern, unter anderem vier Töchtern und den Großeltern, die alle unter einem Dach leben.

Mit dem angeblich letzten Teil der Reihe begibt sich auch „Conjuring 4“ wieder in bekannte Gefilde und setzt auf das erfolgserprobte Rezept des spukenden Geisterhauses: Wieder gibt es einen Keller und wieder sind es mehrere Geister, die im Haus der Smurls ihr Unwesen treiben.

Auch die Plotstruktur wird von „Conjuring“ (Kritik) und „Conjuring 2“ übernommen, indem die Erzählstränge der Warrens und der Smurls sich erst spät im Verlauf des Films kreuzen. Trotz des altbekannten Aufbaus besitzt „Conjuring 4“ die interessantesten Elemente der Horrorreihe. Während im ersten Teil die Warrens versuchen, mit Hilfe der Wissenschaft das Übernatürlich einzufangen, ist es im vierten Teil die Videokamera der Smurls, der es gelingt, das Böse festzuhalten.

conjuring 4 2025
Die Warrens in jungen Jahren

Die Angst vor dem dunklen Fleck

Als sich eine Tochter der Smurls die Aufnahmen ihrer Firmung noch einmal anschaut, erkennt sie im Bildschirm des Fernsehers für einen kurzen Moment, für einige Frames, die Fratze eines Geistes. Es ist das Unheimliche des Medium Films, das hier thematisiert wird. Die Doppelung durch die Aufnahme, in denen wir niemals altern und uns selbst begegnen, als ein Anderer (frei nach Freud zitiert), zeigt uns, dass wir gleichzeitig wir und nicht-wir sind.

Es ist auch die Angst, dass wir doch nicht alleine waren; das sich etwas im toten Winkel unseres Blicks versteckt hat, das wir erst über die Aufnahme entdecken können, aber vielleicht gar nicht entdecken wollen. Alle Filme der Conjuring-Reihe spielen mit dieser Angst; die Angst vor dem dunklen Eck im eigenen Haus, wo kein Licht hineinscheint und wo aus jedem Schatten eine bedrohliche Form wird.

Dass dafür immer der Keller herhalten muss, als – psychoanalytisch gelesen – Ort des Unbewussten, das hinaufsteigt in die Psyche – sprich den Wohnraum – der Familie, um diese zu foltern, ist nicht besonders originell. Trotzdem gelingt „Conjuring 4“ im Keller ein interessanter Verweis. Als die Mutter in der Dunkelheit des Kellers glaubt, eine Gestalt sehen zu können, und das Licht anschaltet, entpuppt sich der vermeintliche Dämon als ein John-Wayne-Plakat. Das Gespenst, das die Arbeiterfamilie heimsucht, ist der rechtskonservative John Wayne, könnte man meinen. Die Antwort auf die Klassenfrage, die alle Filme zumindest in Ansätzen erwähnt, ist jedoch nie der Klassenkampf, sondern die Flucht zurück in den Glauben und die Religion.

Den Conjuring-Filmen fehlt es allgemein an Mut, die angeschnittenen Themen aufzugreifen und sich dazu zu positionieren. So wie der erste Teil die Hexenverfolgungen thematisiert, geht es in „Conjuring 4“ auch um Frauenmord und häusliche Gewalt. Die Geister, die die Smurls heimsuchen, sind zwei Frauen, Mutter und Tochter, die vom Ehemann umgebracht worden sind. Doch anstatt diesen Hintergrund ambivalent zu reflektieren, werden sie zu Täterinnen hochstilisiert: Letztlich dienen alle Figuren doch lediglich dem Gruseleffekt.

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Bei den Smurls spukt es

Die Nicht-Beweisbarkeit des Glaubens

Die Conjuring-Reihe endet so, wie sie begann: Ohne Zweifel, ohne Ambivalenz, ohne echten Glauben. Was eine Auseinandersetzung mit dem Übernatürlichen und dem Glauben hätte sein können, ist über vier Filme hinweg eine immer gleiche Geisterbahnfahrt. Sie scheitern fundamental an ihrem zentralen Paradox: Sie wollen den Glauben beweisen, verstehen aber nicht, dass Glaube sich gerade durch seine Nicht-Beweisbarkeit definiert.

Die Reihe hätte das Potenzial gehabt, die Spannung zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Zweifel und Glauben, zwischen sozialer Realität und übernatürlichem Horror produktiv zu nutzen. Stattdessen reduziert sie komplexe theologische und soziale Fragen auf simple Gut-Böse-Dichotomien. Die wiederkehrenden Klassenmotive – die heimgesuchten Familien stammen stets aus der Arbeiterklasse – werden nie zu Ende gedacht. Die historischen Kontexte, von den Hexenverfolgungen über den Thatcherismus bis zu Reagans Neoliberalismus, dienen lediglich als atmosphärische Versatzstücke ohne kritische Reflexion.

Fazit

Am Ende steht eine Filmreihe, die sich selbst nie hinterfragt, die Opfer zu Tätern macht und soziale Probleme durch religiöse Rituale zu lösen versucht. Die erhoffte Himmel- oder Höllenfahrt im finalen Teil „Conjuring 4“ bleibt aus – stattdessen verharrt die Reihe im Fegefeuer ihrer eigenen Mittelmäßigkeit, gefangen zwischen dem Anspruch auf spirituelle Tiefe und der Realität einer vorhersehbaren Gruselshow.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(63/100)

Zwischen Glauben und Grusel: Die Conjuring-Reihe in der Analyse (Artikel)

„Conjuring 4“ (2025) – Trailer

Bilder: (c)  2025 Warner Bros. Entertainment Inc