Clint Eastwood ist 87, und dreht immer noch jährlich Filme. Seine letzten beiden waren durchaus „Schwergewichte“: „American Sniper“ wurde mit positiven Kritiken überhäuft, und einer seiner finanziell erfolgreichsten Filme, „Sully“ war ebenso recht ansehnlich und war ein weiterer Beitrag seines Vorhabens, amerikanische „real life heroes“ filmisch darzustellen. In „15:17 to Paris“ geht Eastwood noch einen Schritt weiter: Seine 3 (jungen) Helden werden von den wirklichen Personen gespielt, was sich einerseits als Problem, andererseits als großer Pluspunkt des Films entpuppt.


Alek Skarlatos, Anthony Sadler und Spencer Stone (jeweils von sich selbst gespielt) besuchen die selbe Schule, als sie sich kennen lernen. Alle 3 sind gewissermaßen „Outsider“ und haben kaum Freunde, was sie folglich zusammenschweißt. Im jungen Erwachsenenalter planen sie – zwei von ihnen machen inzwischen eine militärische Ausbildung – einen gemeinsamen Trip durch Europa, der ein einschneidendes Erlebnis bereithalten sollte: Im Zug nach Paris werden sie Zeugen eines islamistischen Attentats, das sie durch geistesgegenwärtiges Eingreifen verhindern können, und dadurch viele Menschenleben retten.

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Der Film ist kein neues Eastwood-Meisterwerk, soviel gleich vorweg. Doch so schlecht, wie viele (US-)Kritiken ihn darstellen, ist er bei weitem nicht. Eastwood entschloss sich dazu, eine Art verkürzte „Coming of Age-Story“ zu erzählen, die dazu dient, der Anwesenheit der 3 im Zug nach Paris eine schicksalsschwangere Note zu verleihen. Da Eastwood immer noch ein großer Geschichtenerzähler ist, ist der „Vorspann“ des Hauptevents durchaus ansehnlich.

Der Casting-Kniff, die realen Personen sich selbst spielen zu lassen, geht zuerst eher nach hinten los: In jedem Moment merkt man, dass die 3 eben keine Schauspieler sind, viele Dialoge und Szenen wirken extrem hölzern, und einem wird jäh vor Augen geführt, was echte Schauspieler leisten. In den letzten 15 Minuten aber, als der furchtbare Anschlag im Zug dargestellt wird, erweist sich diese Entscheidung aber doch als nicht ungeschickt. Man ist unglaublich nah dran am Geschehen, selten hat man so authentisch wirkende Szenen mit derartigem emotionalem Impakt gesehen. Der Film steuert im Grunde einzig auf diese letzten Minuten hin, und die haben es wirklich in sich. Unglaublich intensiv, bewegend, und nervenaufreibend.

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Insofern halten sich am Ende die Vor- und Nachteile dieser ungewöhnlichen Casting-Entscheidung die Waage. Worum es dem Regisseur aber im Grunde geht, ist abermals ein Beispiel dafür zu liefern, was der selbstlose Einsatz des eigenen Lebens für andere für ihn bedeutet. Eastwood interessierte sich immer schon für durch humanistische Werte getriebenes Handeln, und die Frage, was es heißt, Mensch zu sein. Seine 3 Helden geben durch ihr selbstloses Handeln eine klare Antwort, die in Zeiten wie diesen nicht deutlich genug wiederholt werden kann.

“In an event of crisis, people need to do something.” Zitat aus dem Film

„15:17 to Paris“ wurde von vielen (amerikanischen) Kritikern Unrecht getan: Primitivismus, Simplifizierung wurde ihm vorgeworfen, manches davon wirkt aber eher politisch motiviert als wirklich fundiert (Eastwood bezeichnet sich seit Jahren als „liberal conservative“, steht also auf der „falschen politischen Seite“). Neben aller berechtigten Kritik an der Casting-Entscheidung und der eher mittelmäßigen Dramaturgie ist der Film aber durchaus einen Blick Wert, und vor Allem die letzten 10, 15 Minuten rechtfertigen einen Kinobesuch auf alle Fälle. Selten wurde im Kino derart eindrücklich und realistisch dargestellt, was selbstloses humanistisches Handeln bedeutet.

neu!Bewertung: 7 von 10 Punkten

von Christian Klosz

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