Spannende „Coming of Age“-Stories sind im Kino des Jahres 2018 besonders angesagt. Heuer gab es beispielweise schon eine subtile Reise nach Italien in „Call Me by Your Name“, sowie eine Geschichte über die Schwierigkeiten, sich in seiner Heimat-(Klein)stadt und konfliktreichen Familienkonstellationen zurecht zu finden, oder seine ersten Liebeserfahrungen zu machen – wie in „Lady Bird“. Nun bekommen wir, unter dem herzlichen Titel „Love, Simon“, einen auf Becky Albertallis hochgelobtem Buch basierenden, intelligenten Film, der diese Merkmale verbindet.

Der 17-jährige Simon ist ein „Durchschnittstyp“ und führt größtenteils ein völlig normales Leben. Er hat eine liebvolle Familie –  Vater, Mutter und kleine Schwester – und Freunde, die man sich nur wünschen kann. Nur ein großes Geheimnis, dass er nämlich schwul ist, wird seine größte Sorge. Besondere Angst hat er davor, dass die ganze Schule es plötzlich herausfinden könnte. Unser Protagonist erzählt von seiner Homosexualität nur einem im Internet getroffenen, anonymen „Blue“, der in dieselbe Schule geht wie er, und auch Angst vor einem Coming-Out hat: Sollten diese Chats an die Öffentlichkeit gelangen, wäre das Desaster perfekt.

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Die größte Stärke des Filmes ist das Gleichgewicht zwischen Drama und Humor. Man bekommt das Gefühl, dass der einzige Antagonist die laufende Zeit ist, bevor es zu spät ist, die Dinge klarzustellen. Alles in „Love, Simon“ wirkt höchst authentisch, man fühlt keine „Künstlichkeit“ in den Dialogen. Auch die gezeigten Schulbeziehungen, die Orientierungsprobleme oder die Scham, die mit dem Selbstsein verbunden ist, wirken allesamt glaubwürdig. Zum Beispiel zeigt der Film auch ganz „banale“ Situationen unter Freunden, wie Diskussionen, ob nun Drake oder Jacksons 5 besser wären.

Der Film erzählt, neben den Problemen von Protagonist Simon, über universelle altersbedingte Fragen – wie versteckte Liebe, zufälliger Sex im Schlafzimmer der Tante, erste Partys voller Alkohol, oder missglückte Theaterproben. Der Film behandelt all diese Fragen sehr effizient, ohne in Klischees zu verfallen. Der Regisseur Greg Berlanti steuert die Emotionen mit großer Sensibilität – egal ob er uns täuscht, wenn es um die Identität des geheimnisvollen Blue geht, oder subtile Spannung erzuegt, die mit emotionaler Erpressung unseres Protagonisten verbunden ist. Am Ende schafft der Regisseur sogar seine eigene Version von „Cabaret“ von Bob Fosse.

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Der Hauptgrund, warum der Film so authentisch wirkt, ist die Besetzung: Die Darstellung des Simon von Nick Robinson ist zwar keine Chalamet-Rolle wie in „Call me by your name“, aber in einem Film mit einem viel einfacheren Schema schmuggelt der Jungschauspieler eine Menge Emotionen in praktisch jede Bewegung. Alles offenbart sich in kleinen Gesten, wenn man E-Mails an den Geliebten schreibt, oder Augen glitzern, wenn man einen attraktiven Jungen auf der anderen Straßenseite entdeckt. Erwähnenswert ist auch Jennifer Garner, die die Rolle der „guten Mutter“ schon in „Juno“ überzeugend gespielt hatte, und in „Love, Simon“ beweist sie abermals, dass nicht viele Schauspielerinnen so viel Anmut haben wie sie.

Fazit:

„Love, Simon“ kommt zwar ohne großen künstlerischen Anspruch daher, und erinnert ästhetisch eher an eine neue Folge von „Riverdale“. Das schadet ihm aber kaum: Es ist vielmehr ein Film für jeden, der sich ein wenig verloren fühlt. Für jeden, der ins Kino kommt um zu verstehen, dass er nicht alleine ist, dass immer jemand auf ihn warten wird. Ein Film, der dem Zuschauer vermittelt, dass er sich nicht ändern muss. „Love, Simon“ ist also ein Muss für jeden, der sich etwas verloren oder von seiner Umgebung missverstanden fühlt. Weil jeder eine große Liebe verdient.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

von Szymon Pietrzak

seit 29.6. im Kino

Bilderrechte: 20th Century Fox

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