Mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet, dreifach bei den Golden Globe Awards nominiert und als Geheimfavorit für die Oscarverleihung gehandelt: die Vorschusslorbeeren, die Alfonso Cuaróns neuem Werk „Roma“ vorauseilen, leuchten in sattem Grün. Ganz anders als der Film per se, der komplett in schwarz-weiß gedreht wurde und seit dem 14. Dezember in der spanischen Originalfassung im Programm von Netflix zu finden ist.

Mexiko im Jahre 1970: Inmitten des schmutzigen Krieges, der sich bis zum Anfang der 1980er Jahre erstrecken sollte, bestreiten Familien ihren Alltag zwischen Aufständen und Straßenkämpfen. Erzählt wird die Geschichte von Cleo, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und als treusorgendes Kindermädchen für eine Großfamilie arbeitet, die sie mit Herzblut bei all ihren Problemen unterstützt. Dies ändert sich auch nicht, als Cleos eigenes Leben eine ungeplante Wendung erfährt und die junge Mixtekin sich auf der anderen Seite der Medaille wiederfindet und Unterstützung benötigt.

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Anders als seine letzten Arbeiten ist „Roma“ ein sehr persönliches Werk Cuaróns, der selber in Mexiko aufwuchs, das im Film portraitierte Fronleichnam-Massaker dort als Neunjähriger miterleben musste und auch noch heute tief in den mexikanischen Denkweisen verwurzelt ist. Für die Dreharbeiten nutze der Regisseur die damaligen Originalschauplätze, die eigens für den Film gesperrt wurden. Besonders eindrucksvoll ist aber nicht nur der Ort des Geschehens, sondern insbesondere die Art und Weise wie ebenjenes Geschehen eingefangen wurde. Anstelle von übermäßigen Schnitten setzt der Mexikaner auf groß aufgezogene Kameraschwenks, die einzelne Szenen über Minuten begleiten und dem Betrachter so unglaublich viel zu entdecken geben. Vieles geschieht im Hintergrund, am Rande oder sogar außerhalb des Bildes. Verschiedene Handlungsstränge verschmelzen, ohne dass der Zuschauer es bewusst wahrnimmt.

Die Schönheit und Affinität der technischen Komponente steht dabei im krassen Kontrast zur Tristesse und Härte des Plots. So wird beispielsweise während des Mittagessens nebenbei erzählt, dass einem Jungen nach einer Wasserbomben-Attacke auf ein Militärfahrzeug in den Kopf geschossen wurde. Solche Schilderungen bleiben zwar die Ausnahme, verdeutlichen aber wie sehr die Unruhen zur Normalität verkommen sind. Dementsprechend verflochten sind sie im Alltag der Familie, der sich bei genauerem Hinsehen gar nicht so sehr von den Abläufen anderer Filme unterscheidet, während der Spielzeit aber eine ganz eigene Atmosphäre transportiert. Einerseits kann sich der Zuschauer an den liebevoll inszenierten und warmherzigen Momenten ergötzen, andererseits schwillt ihn ihm eine innere Unruhe, die hinter jeder Straßenecke eskalieren könnte. Den großen Knall erspart „Roma“ seinen Zuschauern, allerdings steigert sich die Dramaturgie und gipfelt in mehreren sehr berührenden Szenen, die auch ohne Farbe und ohne viel Dialog zu strahlen wissen.

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So weist das Werk verschiedenste Facetten auf und bietet immer wieder Situationen mitten aus dem Leben. Das macht den Film ungeheuer authentisch, sorgt aber auf der anderen Seite auch für eine gewisse Distanz, die nie zur Gänze überbrückt werden kann. Alle Charaktere wissen mit ihrer schauspielerischen Leistung zu überzeugen, dienen aber aufgrund ihrer fehlenden Hintergrundgeschichte nicht als Identifikationsfigur. Einzig Cleo, die Cuarón als Hommage an das Kindermädchen seiner Jugend in die Handlung integriert hat, dient als Ankerpunkt und bietet die Möglichkeit einer emotionalen Bindung.

Fazit:

Das Lob, das „Roma“ von Alfonso Cuaron bisher zuteil wurde ist, berechtigt. Trotz der zweistündigen Lauflänge und einer gemächlichen Erzählstruktur ist das Werk durchgehend spannend und unterstreicht die Virtuosität des mexikanischen Regisseurs. Die Namen der Protagonisten mögen nach Ende des Films schnell vergessen sein, die Bilder verbleiben aber im Kopf. „Roma“ ist großes Kino, auch ohne Kinoleinwand.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

Bilder: C Netflix

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