Zu den bereits bisher zahlreichen Verfilmungen von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes gesellt sich seit 4.3. eine neue Serie auf Prime Video: „Young Sherlock“ beleuchtet in 8 Episoden die Jugendjahre des Meisterdetektivs, entwickelt und (teilweise) inszeniert wurde sie von Guy Ritchie. Und das merkt man auch.

Serien-Kritik von Christian Klosz

Wer einen Blick auf die kreativen Geister hinter „Young Sherlock“ wirft, die auf der gleichnamigen Jugendbuchreihe von Andrew Lane (seit 2010) basiert, wird schnell wissen, was einen da erwartet: Guy Ritchie ist Co-Creator und Co-Regisseur der Serie und kehrt damit zu einem Stoff zurück, den er bereits 2009 und 2011 in 2 Filmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law adaptiert hatte. Denen konnte man Tempo und Unterhaltungswert nicht absprechen, aber mit dem literarischen Vorbild hatten die als Mischung zwischen Actionfilm und Buddy-Comedy angelegten Werke nur noch bedingt etwas zu tun. Die Genialität des Protagonisten wirkte mitunter aufgesetzt und pos(t)erhaft. „Young Sherlock“ ist tonal – wenig überraschend – nahe an den beiden Filmen angesiedelt.

„Young Sherlock“: Die Leiden des jungen Holmes

Die Serie erzählt die Geschichte des jungen Sherlock Holmes (gespielt von Hero Fiennes Tiffin), der 18 oder 19 ist und sich relativ ziellos im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts umher treibt und als Taschendieb immer wieder im Gefängnis landet. Der junge Mann ist begabt, talentiert und seiner Umwelt intellektuell überlegen, weiß aber nicht so recht, was er mit seinen Genialität anfangen soll oder wie er sie konstruktiv einsetzen soll. Außerdem plagt ihn eine traumatische Familiengeschichte (der frühe Tod einer Schwester). Die kriminelle Energie ist weniger Veranlagung als Kompensation für seine Langeweile.

Das geht so lange, bis sein älterer Bruder Mycroft (Max Irons) genug davon hat und Sherlock eine Lektion erteilen will: Er schickt in an die Elite-Uni Oxford, allerdings nicht als Student, sondern als „Scout“, also Bediensteter, der „niedere Arbeiten“ zu erledigen hat. Dort trifft Sherlock auf den ebenso genialen James Moriarty (Donal Finn). Die beiden, die später Erzfeinde werden sollten, freunden sich schnell an und sorgen als Duo Infernale für Unruhe an der ehrwürdigen Uni, die vor allem dem Rektor Sir Bucephalus Hodge (Colin Firth) gar nicht schmeckt. Und geraten in kürzester Zeit in einen Mordfall, in dem sie zu ermitteln beginnen und in den auch die junge chinesische Prinzessin Gulun Shou’an (Zine Tseng) verwickelt ist.

Der Guy Ritchie-Adaption fehlt es an Finesse

„Young Sherlock“ ist eine nicht sonderlich anspruchsvolle, temporeich inszenierte Unterhaltungsserie geworden, die jedoch Tiefe, Substanz und erzählerische Finesse vermissen lässt. Der Eindruck „Content over Creativity“ lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen: Es gab keine Dringlichkeit, diesen Jugendromanstoff als Serie zu verfilmen; dahinter lag wohl eher ökonomische Kalkulation als andere Motive, und das merkt man der Serie eben auch an. Fehlender Inhalt wird (zu oft) durch Actionszenen, schnellen Schnitten und dergleichen zu kaschieren versucht. Wer Ritchies vorige Holmes-Adaptionen bereits kritisch sah (oder allgemein kein Freund des Briten ist), wird auch an dieser eher wenig Freude haben.

young sherlock bild
Ein cooler Typ, der junge Sherlock

Auch die Besetzung ist nicht zwingend ideal: Hero Fiennes Tiffin muss sich eben mit großen Namen und Vorbildern messen, die Holmes bereits verkörperten, und zieht da den Kürzeren. Am überzeugendsten agieren Colin Firth und die bisher bei uns eher unbekannte Zine Tseng, die, so wirkt es, als einzige Figur dem jungen Sherlock wirklich gewachsen ist.

Technisch und stilistisch ist „Young Sherlock“ solide umgesetzt, ohne zu glänzen: Es gibt die typischen Action- und Kampfszenen in Zeitlupe, wie man sie von Guy Ritchie gewohnt ist, die Oxford-Uni ist immerhin recht ordentlich dargestellt. Ob es als Titelsequenz aber wirklich diesen eher misslungen (KI?-)animierte Kurzfilm gebraucht hätte, der vor jeder Folge über den Bildschirm flimmert, darf hinterfragt werden. Sie verstärkt den „billigen Touch“ der Serie.

Fazit

Als flotte Unterhaltungsserie ohne viel Anspruch zum Nebenbei-Schauen ist Young Sherlock“ sicher einen Blick wert, Guy Ritchie-Fans dürften daran überhaupt ihre Freude haben. Allen anderen sei stattdessen eher die Wiederentdeckung älterer Adaptionen empfohlen. Oder die Lektüre von Doyles Büchern.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

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Die besten Sherlock Holmes-Adaptionen im Überblick

Weitere Infos zu „Young Sherlock“ bei IMDb und auf auf Wikipedia.

Bilder: © Amazon Content Services LLC, Daniel Smith, Prime