Um die mögliche Verwirrung gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: „The Gentlemen“ ist ein Film von Guy Ritchie aus dem Jahr 2019 und ja, „The Gentlemen“ ist auch eine Serie von Guy Ritchie, die seit heute bei Netflix zu sehen ist. Wo genau liegt der Unterschied, wenn man das Format nicht berücksichtigt? Ganz genau das ist die Frage.

von Lena Wasserburger

Keine Frage ist: Guy Ritchie hat eine Nische neu definiert und ist wohl einer der populärsten Vertreter des (britischen) Gangster-Genres. Suave, trockener Humor, verrückte Charaktere. Das hat in der Vergangenheit gut funktioniert, wie zahlreiche Ritchie-Filme beweisen. Warum also nicht auch mal an eine Serie heranwagen? So schwer kann es ja nicht sein.

Man nehme alles, was in Ritchies bisherigen Projekten fixer Bestandteil des Skripts war, und dehnt es auf ungefähr acht Episoden aus und siehe da – „The Gentlemen“. Die Connection zu Ritchies gleichnamigen Film versteht sich von selbst: Offiziell wird die Serie als ein Spin-Off des Films bezeichnet. Die Parallelen sind aber auch so erkennbar. Da wären ein Drogen-Imperium, Dialoge gespickt mit jeder Menge „Fucks“, Humor und hier und da ein bisschen Blut.

Im Zentrum der Handlung von „The Gentlemen“, die Serie, steht Eddie, genauer gesagt Edward (Theo James), der neue Duke of Halstead, der nach dem Ableben seines Vaters überraschend dessen Titel und Grundbesitz, inklusive bröckelndes Herrenhaus, erbt. Ein Schock ist das für allem für Eddies älteren Bruder Freddy (Daniel Ings). Der steckt nämlich bis zum Hals in Schulden, die er nun nicht bezahlen kann. Um seinem Bruder im wahrsten Sinne des Wortes den Hals zu retten, muss der neue Duke of Halstead Freddys Schulden bei einer berüchtigten Gangsterfamilie aus Liverpool begleichen. Oh, und da wäre noch die überraschende Tatsache, dass das Gut der Halsteads als Versteck für ein gigantisches Marihuana-Imperium dient, an dem sich auch Edwards Vater zu Lebzeiten bereichert hat.

An der Spitze der Drogenoperation steht der Gangster Bobby Glass. Nachdem dieser jedoch hinter Gittern sitzt, leitet seine Tochter Susie (Kaya Scodelario) die Geschäfte und die sollen jedenfalls weiterlaufen, obwohl Halstead Manor vor kurzem den Besitzer gewechselt hat. Ehe er sich’s versieht, steckt Eddie mitten drin im gefährlichen Geschehen. Mitgefangen, mitgehangen in diesem Spiel um den Tod, jede Menge Drogen und einen Haufen Geld – ganz nach Guy Ritchies Geschmack.

the gentlemen netflix

Wenn eine Formel funktioniert, ist es üblicherweise keine gute Idee, daran herumzuexperimentieren. Und doch erhofft man sich von dieser Serien einen Hauch von Außergewöhnlichkeit, der – zumindest in den ersten beiden Episoden – noch auf sich warten lässt. „The Gentlemen“ ist in erster Linie Guy Ritchie pur, was grundsätzlich nichts Schlechtes ist. Die Episoden sind optisch einwandfrei und so dynamisch inszeniert, dass es fast von der eigentlichen Handlung ablenkt. Was nicht schwer ist, denn die wirkt im Vergleich zum Visuellen erstmal etwas blass. Unterhaltsam ist sie, keine Frage, die Dialoge beinhalten einen zitierwürdigen Satz nach dem anderen. Doch einige Szenen sind einfach viel zu lang und es kommt fast so etwas wie Erleichterung auf, wenn Ritchie das ruhige Bild zweier sitzender Personen, die sich unterhalten, mit einem kreativen Schwenk durchbricht. Die Dynamik und das Erzähltempo würden sonst vermutlich schnell verpuffen.

Die Musik ist hier ein essentielles Instrument, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Denn Stimmung und Atmosphäre erzeugen? Das klappt richtig gut. Der Ton sitzt, der Cast ist toll, die Zutaten sind alle da – jetzt muss nur noch genug passieren, um das Interesse an der eigentlichen Geschichte zu steigern. Mit diesem Aspekt tut sich „The Gentlemen“ zunächst noch etwas schwer. Die Inszenierung und die unterhaltsamen Dialoge täuschen nämlich ein wenig darüber hinweg, dass erst einmal gar nicht so viel passiert, wie es den Anschein hat. Die Texteinblendungen mit Hintergrundinformationen (z.B. die chemische Formel für Meth) inmitten der Dialoge sollen wohl als extra spaßiges Stilmittel dienen, lenken allerdings in manchen Szenen eher vom Geschehen ab.

Und doch, am Ende der zweiten Episode ist eine Steigerung zu spüren. Die Handlung, die offensichtlich etwas Starthilfe nötig hatte, kommt hier endlich in Gang. Zu hoffen ist, dass die restlichen Episoden nicht wieder Richtung Stillstand tendieren und dass Guy Ritchie beweist, dass er sowohl Filme, als auch Serien produzieren kann.

Fazit

„The Gentlemen“ hat alles, was Guy Ritchie Fans lieben, aber erst einmal nicht viel mehr als das. Fürs Erste darf man trotzdem optimistisch bleiben: Der Beginn der neuen Netflix-Serie ist unterhaltsam genug, um Lust auf mehr zu machen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

Ab 7.3.2024, auf Netflix.

Die Kritik bezieht sich auf die ersten beiden Episoden von „The Gentlemen“.

Bilder: (c) Netflix