Kontrovers. Per Definition beschreibt der Begriff etwas gegensätzliches, etwas, das umstritten ist und das der eine anders wahrnimmt als der andere. Es ist quasi das perfekte Prädikat für „Playground“, der bezeichnenderweise in das Portfolio der „Kino Kontrovers“-Reihe aufgenommen wurde und im Dezember 2018 seine Veröffentlichung erfahren hat. Bartosz M. Kowalski, seines Zeichens Regisseur des polnischen Werkes, reiht sich damit als Nummer 21 in die Riege bekannter Skandalfilme wie „Menschenfeind“ oder „Funny Games“ ein.

Worum geht es? Es ist der letzte Schultag für die Kinder einer polnischen Provinz. Für Gabrysia steht indes nicht die Zeugnisausgabe an erster Stelle; sie hat sich vorgenommen, ihrem Klassenkameraden Szymek ihre Liebe zu gestehen. Ein bedeutender Schritt im Leben einer Zwölfjährigen, der allerdings schnell zur Makulatur verkommt, als Szymek und sein Kumpel Czarek beschließen, nach der Schule in ein nahegelegenes Kaufhaus aufzusuchen und ihrer aufgestauten Wut ein Ventil zu verleihen.

Angelehnt an die tragischen Ereignisse in Bootle, England im Jahre 1993, erzählt der Film in sechs Kapiteln eine Geschichte über unerfüllte Jugend, falsche Freunde und stumpfe Gewalt. Jedem der drei Hauptfiguren wird ein Kapitel gewidmet, mit Hilfe dessen der Zuschauer grob über den familiären Hintergrund informiert wird und das als Grundlage für die Beweggründe der Handlungen dienen soll. Auch wenn verschiedene Thematiken und Probleme ersichtlich werden: eine richtige Erklärung für das, was kommt, liefert der Film nicht, sondern überlässt dem Betrachter seine eigenen Gedanken, während er um Fassung ringt. Aber nicht nur das Finale zerrt an den Nerven, auch das quälend langsame Erzähltempo ist nicht zuschauerfreundlich und strapaziert die Sinne.

Dargestellt wird das Ganze ausschließlich von Amateurschauspielern, deren Casting sich aufgrund der brisanten Geschichte mehr als schwierig gestaltete. Das Drehbuch wurde erst ganz am Ende offenbart, sodass letztlich aus 1.000 Bewerbern noch 10 Personen für die Besetzung der drei Protagonisten übrig blieben, die wiederum bei der Heranführung an ihre Rollen psychologische Unterstützung erfuhren. Die behutsame Herangehensweise sorgt für eine schier bedrückende Authentizität, die mindestens so beängstigend ist wie der Film per se und dem Regisseur nach der Vorführung auf diversen Festivals gar einige Morddrohungen einbrachte.

Optisch setzt „Playground“ dabei auf den nicht vorhandenen Charme der tristen Kleinstadt. Alles wirkt normal, und doch kahl und unterkühlt. Einstellungen lieblos eingerichteter Wohnungen reihen sich an Einblicke in die trostlose Abschlussveranstaltung der Schule, allesamt getaucht in das natürlich gedämpfte Licht unserer Welt. Der Alltag der Kinder ist geprägt von der Eintönigkeit, und so verwundert es nicht, dass Szymek und Czarek Ablenkung in den kleinen Dingen suchen. Rauchen gehört für sie ebenso dazu wie das Quälen von Tieren. Alles, um der wabernden Monotonie zu entfliehen. Diese wird im Film oft nur durch den rein klassischen Soundtrack unterbrochen, in dem sich unter anderem Händels „Lascia Ch’io Pianga“ wiederfindet, das Kennern bereits aus der überragenden Eröffnungsszene von Lars von Triers „Antichrist“ ein Begriff sein dürfte.

Fazit:

Und es ist ebenjener Antichrist, den Kowalski bewusst auslässt. Es gibt keine greifbare Erklärung der Motive, keine moralische Läuterung und somit auch kein Entrinnen vor den Schattenseiten unserer Zivilisation. „Playground“ passiert einfach und bietet einen gnadenlosen Einblick in die reinste Form der Niedertracht, der der Zuschauer beinahe voyeuristisch beiwohnen muss und aus der er keinen Ausweg findet. Als die letzte Einstellung in den Abspann schneidet und dem Treiben zwischen Banalität und Brutalität ein Ende setzt, hinterlässt der polnische Film eine betäubende Leere. Leere, die zwar jeder anders empfinden mag, sich aber aufgrund der wahren Begebenheiten unisono nur schwer verdauen lässt.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

Wer sich selbst einen Einblick verschaffen will, kann „Playground“ in einer limitierten BluRay oder DVD-Mediabook Auflage hier erwerben: BluRay bzw. DVD-Mediabook

Einen Überblick über die Filme der Kino Kontrovers Reihe erhaltet ihr hier: http://www.kinokontrovers.de/

von Cliff Brockerhoff

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