2020 wird mit „Mulan“ ein weiterer Animationsklassiker aus dem Hause Disney dem Realverfilmungs-Treatment unterzogen, das bereits „Cinderella“, „Die Schöne und das Biest“ und zuletzt „Dumbo“ verpasst wurde. Grund genug für einen Blick zurück auf das Original aus 1998.

Lose basierend auf einer chinesischen Ballade erzählt „Mulan“ die Geschichte der cleveren Fa Mulan (im Deutschen synchronisiert von Cosma Shiva Hagen), die darunter leidet, nicht dem Frauenideal des mittelalterlichen Chinas entsprechen zu können. Als ihr gebrechlicher Vater in den Krieg gegen die Hunnen einberufen wird, gibt sich Mulan als Mann aus, um an seiner Stelle in den Krieg zu ziehen. Unterstützung erhält sie dabei vom zu klein geratenen Familiendrachen Mushu (synchronisiert von Otto Waalkes).

Das thematische Zentrum bildet in klassischer Disney-Manier die Findung der eigenen Identität, doch dies vor dem Hintergrund streng gezogener Geschlechtervorstellungen. Pointiert und unverkrampft nimmt „Mulan“ dabei Frauenverachtung, aber auch Männlichkeitsbilder aufs Korn. Besonders humorvoll gestaltet sich das, wenn Mulan versucht, bei den männlichen Soldaten nicht als Frau aufzufliegen und dabei auf Mushus zweifelhafte Ratschläge hört: „Schlag ihn, Männer begrüßen sich so.“

Die Gratwanderung zwischen ernsthaften, emotionalen Momenten und Humor gehört seit jeher zu Disneys Stärken. Diese ist hier besonders wichtig, da es sich im Wesentlichen um eine Kriegsgeschichte handelt. Umso bemerkenswerter ist, dass „Mulan“ ein stimmiges Gesamtpaket bildet. Dazu tragen auch die gefühlvollen Musicaleinlagen und der Score von Matthew Wilder und Jerry Goldsmith bei: ein früher Höhepunkt des Films ist Mulans Selbstfindungssong „Spiegelbild“.

Hervorzuheben ist auch der wunderschöne Animationsstil, der handgezeichnete und computeranimierte Elemente mühelos vereint. Von den fallenden Kirschblüten im Garten der Fa-Familie hin zur Hunnenarmee im verschneiten Gebirgspass sieht der Film großartig aus. Disney schöpft das Potenzial des asiatischen Settings voll aus. Und so zeigen sich im Animationsstil die starken chinesischen Einflüsse, die das Kreativteam in einer China-Reise vor Produktionsbeginn aufgesaugt hatte.

Mit ihrer Suche nach Identität und Anerkennung reiht sich Mulan in eine große Riege von Prinzessinnen auf Selbstfindungstrip. Als kluge Kriegerin zeigt sie dabei allerdings, dass zum Leben einer Disney-Prinzessin weitaus mehr gehört als große Schlösser und bunte Kleider. Neben ihr als starker Titelheldin weiß der Film außerdem mit einer Vielzahl an vor Leben sprühenden Nebenfiguren zu unterhalten.

Nun wird in „Mulan“ das Rad zwar nicht neu erfunden, was die Erzählstruktur betrifft, ist diese doch ganz klassisch gehalten; aber gerade dieser Umstand zeigt, dass es keineswegs einer revolutionär gestalteten Handlung bedarf, um zu unterhalten oder zu fesseln. Stattdessen bedient sich „Mulan“ eines Formats, das Disney über die Jahre perfektioniert hat. Dass es sich um einen vielfach beschrittenen Pfad handelt, kann nicht negativ ins Gewicht fallen, wenn er auch mehr als 20 Jahre später noch so viel Vergnügen bereitet.

von Paul Kunz


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