Nachdem im März bereits ein kleiner Elefant mit zu großen Ohren die Zuschauer weltweit erneut für sich gewinnen wollte, versuchen seit heute Aladdin und Konsorten einen Kinohit zu landen. Die nächste Realverfilmung aus dem Hause Disney muss dabei in große Fußstapfen treten, immerhin ist der Zeichentrickfilm aus den 90-ern für viele eines der wahren Meisterwerke aus der Schmiede des Studiogiganten. Ob die Neuauflage mit dem Original mithalten kann oder in dessen Schatten verblasst, erfahrt in unserer Kritik.

von Mara Hollenstein-Tirk

Aladdin ist ein Waisenjunge, der sich seit seiner frühesten Kindheit alleine durch die Straßen Agrabahs schlagen muss. Dank jeder Menge Geschick und der Hilfe seines Affen Abu kann er sich mit kleineren Diebstählen ganz gut über Wasser halten. Doch als er eines Tages der vermeintlichen Kammerzofe der Prinzessin aus der Patsche hilft, ist es um ihn geschehen. Blöd nur, dass sich kurze Zeit später offenbart, dass es sich bei der schönen Fremden in Wirklichkeit um die Prinzessin selbst handelt. Der Traum vom großen Glück scheint unerreichbar, als ihm der Großwesir der Stadt plötzlich einen Handel vorschlägt: Aladdin soll für ihn eine Lampe aus einer Höhle holen und dafür mit Reichtum überschüttet werden. So nimmt das Märchen seinen Lauf…

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum, sondern sprechen gleich den Elefanten im Raum an: Will Smith als Dschinni. Nachdem der erste Trailer zu „Aladdin“ veröffentlicht worden war, war der Aufschrei ob der beinahe schon furchterregenden CGI-Effekte unter den Fans groß. Mit einem milliardenschweren Unternehmen im Rücken, welches erst kürzlich mit Filmen wie „Avengers: Endgame“ eindrucksvoll beweisen konnte, wie ausgereift diese Technik bereits ist, eigentlich ein unverzeihlicher Fauxpas.

Aber wie man weiß, müssen Trailer nicht immer das später auf die Leinwand projizierte Endresultat akkurat wiedergeben, insofern beruhigte man sich mit der Annahme, dass die Verantwortlichen wohl noch einmal ein wenig nachkorrigieren würden. Leider, muss man sagen, scheint das nicht der Fall gewesen zu sein. Innerhalb des Films springt es einem zwar, aufgrund vieler bewegungsintensiver Szenen und Schnitte, nicht ganz so ins Auge wie beim Trailer, aber gerade in ruhigeren Sequenzen wird allzu deutlich, dass die Animationen des blauen Lampenbewohners alles andere als zeitgemäß sind: das Gesicht wirkt merkwürdig losgelöst von seiner Umgebung, die Bewegungen ungelenk und der Übergang von Körper zu schwebender Wolke undefiniert.

Kein Wunder also, dass man die weise Entscheidung getroffen hat, Will Smith einfach ab und an in seiner wahren Gestalt herumlaufen zu lassen. Und in diesen Szenen schafft es der Fresh Prince auch tatsächlich, mit seiner neuen, ganz eigenen Interpretation der Figur zu überzeugen. Natürlich reicht die Performance nie an jene des Ausnahmetalents Robin Williams heran, der den Dschinni in der Zeichentrickversion gesprochen hatte, aber die Verantwortlichen waren intelligent genug, dies erst gar nicht zu versuchen und die Figur lieber von Haus aus etwas anders darzustellen.

Ganz allgemein wirken viele der Charaktere etwas anders angelegt, man könnte auch sagen: etwas erwachsener. Dieser dezente Versuch, den Figuren einen etwas tragischeren Ton zu verpassen, schlägt in der Gesamtschau allerdings fehl, da er nicht so recht zum märchenhaften Szenario passen will. Besonders deutlich kommt dies in der Rolle des Jafar zum Tragen, hier verkommt einer der besten Bösewichte aus der Feder Disneys zu einem mosernden Teenie. Dabei hätte es dieser Charakterveränderungen nicht einmal bedurft, immerhin hatte man sich mit Guy Ritchie quasi einen Liebhaber der schnellen, pointierten Dialoge ins Boot geholt. Aber, ähnlich wie man bei „Dumbo“ Tim Burton nur in einzelnen Sequenzen wirklich wiederentdecken konnte, fällt es einem auch hier schwer, den Stil von Guy Ritchie herauszulesen. Die energiegeladen geschnittenen Verfolgungsjagden durch den Basar schreien zwar geradezu nach seiner Handschrift, aber ausgerechnet in den Unterhaltungen zwischen Dschinni und Aladdin scheint dem Regisseur sein sonst so untrügliches Gespür für solche Szenen abhanden gekommen zu sein. Und weshalb die Tanzeinlagen mit eineinhalbfacher Geschwindigkeit abgespielt werden, erschließt sich dem Zuschauer auch zu keinem Zeitpunkt.

Fazit

Alles in allem ist die Neuauflage von Aladdin, trotz der eben genannten Mängel, kein Reinfall geworden. Die Geschichte fühlt sich nach wie vor märchenhaft an und schafft es, die Zuschauer über die gesamte Laufzeit hinweg stets zu unterhalten. Für sich genommen bietet der Film somit jede Menge Spaß für die ganze Familie, nur an seine Vorlage reicht er einfach nicht heran.

Bewertung

7 von 10 Punkten

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Bilder: Disney Pictures

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