von Cliff Brockerhoff

Der Mann. Ein seit Menschengedenken in der Gesellschaft verankerter Bestandteil, bekannt als Jäger, Sammler, Herrscher und Erbauer. Und auch wenn die klassische Rollenverteilung sich in der Moderne um einige Grad gedreht hat, ist die Gleichberechtigung noch nicht in allen Teilen der Welt angekommen und schlägt sich beispielsweise in einer differenzierten Entlohnung nieder. Doch was passiert wenn „das starke Geschlecht“ plötzlich den Boden unter den Füßen verliert und um sein Ehrgefühl betrogen wird? Dieser Frage widmet sich „Dein Zuhause gehört mir“, dem, nach „Der Schacht“, vermeintlich nächsten Thriller-Hit aus Spanien.

Um Missverständnissen vorzubeugen gleich ein paar einleitende Worte zur Ausgangssituation: der Film wirft den Zuschauer nicht in eine religiös geprägte Story, in der sich das weibliche Pendant emanzipiert und dem Scheffel ihres Gatten entflieht, nein. Netflix neuestes Werk fokussiert sich voll und ganz auf seinen maskulinen Protagonisten „Javier“, der sich als etablierter Werbefachmann einen gewissen Status erarbeitet hat. Seine Frau Marga darf durchaus als Schönheit betitelt werden, das eingerichtete Heim geizt nicht mit Stil, für Nachwuchs ist bereits gesorgt und in der Garage ruhen zwei fahrtüchtige Kraftfahrzeuge. Doch der zementierte Stand bröckelt, und als Javier seinen Job verliert und aufgrund wenig erfolgreicher Jobinterviews die Miete für die eigenen vier Wände nicht mehr aufbringen kann, stehen unter anderem ein Umzug und der Verkauf des geliebten Automobils bevor.

Ein letzter Blick – bei „Javier“ stehen Veränderungen ins Haus

Anstatt sich nun auf das Wesentliche zu fokussieren und im Kreise seiner Familie neuen Mut zu schöpfen, entscheidet sich der vom Neid zerfressene Spanier lieber dazu, den neuen Mietern des ehemaligen Eigenheims nachzustellen. Und damit nicht genug – allmählich verliert Javier jegliches Distanzgefühl und findet sich eines Abends am Esstisch seiner Nachfolger wieder, und die Abwärtsspirale hat noch lange nicht ihren tiefsten Punkt erreicht. Das Porträt des bemitleidenswerten Mannes erhält also zeitnah einen neuen Anstrich und lässt sich fortan als Abbild eines Stalkers betrachten, der schnell vom gedemütigten Sympathieträger zum rücksichtslosen Fiesling mutiert; wunderbar eklig gespielt von Javier Gutiérrez, der wohl nur den wenigsten ein Begriff sein wird.

Insgesamt muss konstatiert werden, dass „Dein Zuhause gehört mir“ (im Original „Hogar“) qualitativ durchaus an eingangs erwähnten Überraschungshit anknüpfen kann. Die anderthalb Stunden sind fast durchweg spannend, die Charaktere authentisch und optisch steht der spanische Thriller den großen Hollywoodproduktionen in nichts nach. Inhaltlich mag das Ganze dabei an den fünffachen Oscar-Gewinner „Parasite“ erinnern, doch anstelle von groß inszenierter Gesellschaftskritik bewahrt sich das Werk den Blick fürs Wesentliche und versucht gar nicht erst großartig in die Tiefgründigkeit abzudriften. Subjekte wie Altersdiskriminierung und das toxische Selbstverständnis des modernen Mannes von heute werden zwar aufgegriffen, stehen aber nie im Mittelpunkt und lassen genug Luft für die Machenschaften und Gemeinheiten des Hauptdarstellers. Diese sind am Ende des Tages zwar nicht so geheimnisvoll und verschachtelt wie der Film es den Zuschauer glauben machen möchte, bis auf zwei gröbere Logiklöcher bereitet das Beiwohnen des Treibens aber Freude und belohnt den geduldigen Betrachter mit einer gebührenden Auflösung.

Die Distanz ist gewichen – Stalker und Opfer in direktem Kontakt

Fazit

Langsam aber sicher entwachsen spanische Filme dem Ruf des Geheimtipps und bieten immer wieder eine willkommene Abwechslung zur überreizten Hollywood-Stangenware. „Dein Zuhause gehört mir“ erfindet das Fernglas zwar nicht neu, sorgt aber in altbekanntem Setting für atmosphärische Unterhaltung, bei der am Ende ein Diskurs über inhaltliche Aspekte möglich, aber nicht zwingend notwendig ist. Wem „Der Schacht“ zu verschachtelt war, kann sich hier gemütlich zurücklehnen und zuhause fühlen.

Bewertung

7 von 10 Punkten

Bilder: ©Netflix