Der Ausdruck „too good to be true“ beschreibt Dinge, die einfach zu gut sind, um wahr zu sein; auf die neue Netflix-True Crime-Dokuserie „Tiger King“ (bei uns unter dem Titel „Großkatzen und ihre Raubtiere“ auf Netflix zu sehen) trifft wohl eher die Beschreibung „too bad to be true“ oder „too mad to be true“ zu, zumindest in Bezug auf die dort präsentierten Inhalte und Charaktere. Was hingegen die Qualität der 7-teiligen Serie betrifft, ist erstere Beschreibung durchaus adäquat. Die aberwitzige Doku hat vor allem in den USA einen regelrechten Hype ausgelöst, der nun langsam auch zu uns herüberschwappt – und das völlig zurecht.

von Christian Klosz

„Gay, gun loving redneck“

„Tiger King“ porträtiert mehrere Großkatzen-Züchter in den USA, allesamt unfassbare Exzentriker, die in irgendeiner Form mit dem selbtsernannten Tigerkönig Joe Schreibvogel aka Joe Exotic in Verbindung stehen. Dieser larger than life – Charakter wird im Film als gay, gun-loving, drug addicted hillbilly redneck vorgestellt, wobei auch diese durchaus blumige Beschreibung nicht annähernd ausreicht, um Joe Exotic gerecht zu werden: Der Mann führte seit den 90ern die größte Großkatzenzuchtanlage weltweit, wurde zum Internet-Phänomen mit eigener Webshow, versuchte sich als Country-Musiker, hatte zeitweise 2 männliche Ehepartner, die selbst ihrerseits nicht schwul waren, lieferte sich einen jahrelangen Kampf mit der selbsternannten Wildtier-Retterin Carole Baskin, und kandidierte zu guter Letzt 2016 als US-Präsident und 2018 als Gouverneur, um bei der Wahl tatsächlich als Dritter durchs Ziel zu gehen. Und auch diese Aufzählung beschreibt nur einen Bruchtteil des Wahnsinns, der 2 Jahrzehnte lang in und um den G.W. Exotic Animal Park vor sich ging, und von dem „Tiger King“ handelt.

„Joe Exotic“ mit einem seiner Tiere

Die Filmemacher Eric Goode und Rebecca Chaiklin wollten, so erzählen sie zu Beginn von „Tiger King“, an sich nur eine Dokumentation über Großkatzenzucht in den USA drehen, da sie erfahren hatten, dass es bis zu 10.000 Tiger, Löwen und Co. im Land in Gefangenschaft gibt – während die Zahl der weltweit frei lebenden Wildtiere auf nur 4.000 geschätzt wird. Erst nach einer Weile wurde ihnen bewusst, dass sie da mit ihren Kameras in ein wahres Wespennest des Wahnsinns gestochen hatten, das so zuvor filmisch wohl noch nie abgebildet worden war. Höchstens in drittklassigen Gangsterfilmen. Aber hier ist alles echt.

Ehemann an Tiger verfüttert?

Zeitweise fühlt man sich in „Tiger King“ tatsächlich wie in einer schlechten Scorsese-Parodie, so irre, schräg, zwielichtig sind die Gestalten, die den Film bevölkern. Gute Absichten und ernsthaftes Interesse am Wohl der Tiere möchte man keiner und keinem von ihnen unterstellen, nicht einmal der „Katzenretterin“ Carole Baskin. Die Erzfeindin von Joe Exotic fühlt sich sichtbar wohl in ihrer Rolle als „Mother Theresa of cats“, die sie bei jeder Gelegenheit in die Auslage stellt. Man würde sie lediglich für eine etwas kitschige und heuchlerische, aber geschickte Geschäftsfrau halten, wäre da nicht ihre fragwürdige Vorgeschichte: Ihren Big Cat Rescue-Konzern führt sie mit dem Geld ihres Mitte der 90er verschwundenen, zufällig millionenschweren Ehemanns, der vom einen Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt war. Die Behörden konnten auch nach Jahren der Ermittlungen nichts finden, das auf den Verbleib des Gatten schließen ließ, während die Familie ihres nunmehrigen Ex-Mannes davon überzeugt ist, dass die inzwischen wiederverheiratete Baskin etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat: Immerhin war sie Hauptprofiteurin, und erbte durch ein plötzlich aufgetauchtes Testament so gut wie sein ganzes Vermögen. Joe Exotic wiederum hat seine ganz eigene Theorie, die er bei jeder Gelegenheit verlautbart: Baskin habe ihren Mann kurzerhand an ihre Wildkatzen verfüttert. Das würde dann, so Mr. Exotic, dessen plötzliches und spurloses Verschwinden erklären. Sogar einen eigenen Song mit nun, wenig subtilem Video zu diesem Thema hat Joe Exotic herausgebracht: Hier kann man das Kunstwerk auf Youtube bewundern:

Das „Raubtier Mensch“

Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, warum man sich das Ganze ansehen soll. Wer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Situation gefährdeter Wildtiere oder fragwürdigen Bedingungen in Zoos und Zuchtanlagen erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr ist „Tiger King“ ein geniales Porträt des Raubtiers Mensch, der bezüglich Gefährlichkeit den Wildkatzen in nichts nachsteht, nein, diese noch bei weitem übertrifft: Eine so nie dagewesene filmische Dokumentation von Wahnsinn, Liebe, Hass, Missgunst, Manipulation, Hybris, Größenwahn, Rache und allen anderen, schlechten Eigenschaften, zu denen die Gattung Mensch fähig ist. Und zudem die klassische Geschichte von Aufstieg und (selbstverschuldetem) Fall. Ganz großes Kino.

Die 3 Hauptprotagonisten von „Tiger King“: Carole Baskin, Joe Exotic (Mitte) und der selbsternannte „Guru“ „Doc“ Bhagavan Antle, der laut Aussagen im Film ein Dutzend Frauen haben soll

Das Interessante und auch Überraschende daran ist, dass der Protagonist Joe Exotic am Ende tatsächlich mit einer Art Antihelden-Heiligenschein dasteht, den der beste New Hollywood-Filmautor nicht besser hätte erfinden können, während seine Gegner und Gegnerinnen, die sich für die „Guten“ halten, oder zumindest für die auf der richtigen Seite Stehenden, mindestens soviel Dreck am Stecken haben wie Joe selbst. Wenn nicht mehr. Während doch nur er für seine Missetaten büßen muss. Bei aller Exzentrik, Verdorbenheit, Schlechtigkeit hat man doch das Gefühl, dass er der einzige authentische Charakter hier ist, der das sagt, was er meint, und das tut, was er sagt, ohne Kalkül, ohne Verschlagenheit, zwar mitunter aus den falschen Motiven heraus, aber irgendwie dennoch ehrlich und echt, was ihm im Gegensatz zu seinen Antagonist/innen zumindest ein gewisses Maß an Menschlichkeit verleiht.

„Tiger King“, und das ist den Machern besonders hoch anzurechnen, stellt einfach dar, bildet ab, dokumentiert, ohne Partei zu ergreifen oder moralisch zu (be)werten. Insofern ist das Publikum stets gefordert, sich selbst Gedanken zu machen, Position zu beziehen (oder auch nicht), zu (be)werten – oder sich einfach köstlich unterhalten zu lassen, auch eine absolut legitime Option, denn höllisch unterhaltsam ist „Tiger King“ allemal.

Bewertung

9 von 10 Punkten (91/100)

Bilder: Netflix