YouTube ist nicht nur der Ort für Fail Compilations, VloggerInnen und die Zerstörung einzelner deutscher Parteien. Es ist auch eine Goldgrube für Filmliebhaber. Die zweitgrößte Suchmaschine der Welt bietet Hintergrundinformationen, ganze Filme und sogar einen eigenen Streamingservice. Dass man auch den einen oder anderen Kurzfilm von bekannten Regisseuren auf Youtube finden kann, wissen die wenigsten, noch dazu sind diese kleinen Perlen der Filmkunst meist gratis. Da es aber schade wäre, diese fantastischen Filme zu verpassen, haben wir hier eine kleine, natürlich unvollständige Auswahl einiger empfehlenswerter Kurzfilme von aufstrebenden oder bereits bekannten Hollywood-Regisseuren zusammengestellt.

von unserem neuen Autor Marius Ochs

Denis Villeneuve – „Next Floor

Wer wissen will, woher der Netflix-Film „The Platform“ einige Ideen gefunden hat, sollte sich diesen hervorragenden Kurzfilm anschauen. Denis Villeneuve – bekannt für moderne Sci-Fi-Klassiker wie „Arrival“ oder „Blade Runner 2049“- schafft hier einen sozialkritischen Kurzfilm, der zwar nicht sehr subtil, dafür aber umso wirksamer inszeniert ist. Handwerklich hervorragend ist das allemal, von uns gibt es aber nur eine eingeschränkte Empfehlung: Vegetarier und Menschen, die Schmatzen nicht ertragen, könnten bei diesem Film an ihre Grenzen stoßen.

Sean Baker – „Snowbird

„Tangerine“ und „The Florida Project“ waren zwei großartige Filme zum Mitfühlen. „Snowbird“ deutet deren Qualitäten und das große Potenzial von Sean Baker schon an: Eine ruhige, emotionale Geschichte, die von wunderschönen (iPhone-)Bildern getragen wird. Im Kurzfilm streift eine junge Frau mit einem Kuchen durch ihre Trailerpark-Nachbarschaft. So lernt der Zuschauer in einer kurzen Zeit skurrile Charaktere in einer außergewöhnlichen Gemeinschaft kennen. Auch wenn die stellenweise etwas aufdringliche musikalische Untermalung und das offensichtliche Sponsoring einer Modelinie den Gesamteindruck doch etwas mindern, ist „Snowbird“ eine Erfahrung, die sich lohnt – auch wenn das emotionale Level von Bakers‘ Langespielfilmen nicht ganz erreicht wird.

Rian Johnson – „Evil Demon Golf Ball From Hell!!!

Rian Johnsons Name wird erstmal für eine lange Zeit mit Star Wars verknüpft bleiben. Die von ihm inszenierte Episode VIII wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Doch das Oeuvre des Regisseurs bietet so viel mehr: Neben dem hervorragenden „Knives Out“ überzeugt auch einer seiner ersten Kurzfilme: „Evil Demon Golf Ball From Hell!!!“. Die drei Ausrufezeichen sind gerechtfertigt, unterstreichen sie doch den Namen, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann, der schonmal einen Trash-Horrorfilm gesehen hat. Der auf 16mm geschossene Kurzfilm sprüht vor witzigen Ideen und beweist sogar ein wenig mehr Tiefgang, als der Titel es vermuten lässt. „Evil Demon Golf Ball From Hell!!!“ lohnt sich auf jeden Fall.

Eric Kissack – „The Gunfighter

Regisseur Kissack passt zwar nicht ganz in diese Liste, denn er hat sich (noch) keinen großen Namen in Hollywood gemacht. Als Editor war er aber schon an einigen Komödien beteiligt – unter anderem an „The Dictator“ und „Horrible Bosses 2“. Mit diesem Werk hat er aber einen unfassbar unterhaltsamen Kurzfilm geschaffen, der Sketch-Charakter hat. Die Kurzbeschreibung passt perfekt: „Just another Short-Western-Meta-Film.“ Für Fans von kurzweiliger Western-Action sind diese acht witzigen Minuten eine eindeutige Empfehlung.  

Ari Aster – „The Strange Things About The Johnsons

Vielleicht kennt man den Film noch von den vielen Warnungen, die nach seiner Veröffentlichung 2011 auf Twitter kursierten. Und auch an dieser Stelle wird eine Warnung ausgesprochen: Schauen sollte man den längsten Kurzfilm auf dieser Liste am besten nur, wenn man sich für danach nichts vorgenommen hat. Die Geschichte handelt von sexueller und psychischer Misshandlung innerhalb einer Familie und stammt aus der Feder des Mannes, der für die wohl besten Horrorfilme der letzten Jahre bekannt ist: Ari Aster. Wer also an verstörenden psychologischen Schockern wie „Hereditary“ oder „Midsommar“ Gefallen findet, wird auch diesem Film etwas abgewinnen können – auch wenn hier das flaue Gefühl im Magen noch etwas stärker nachwirkt.

Robert Eggers – „Brothers

Dunkle, böse Atmosphären und Robert Eggers – das scheint zu passen. Mit „The Lighthouse“ lieferte er einen der besten Filme des letzten Jahres ab und auch schon „The Witch“ war ein Meisterwerk des modernen Horrors. In „Brothers“ inszeniert er den Wald als unheimlichen Ort, in dem Konflikte zutage treten. Dies gelingt ihm ähnlich atmosphärisch wie später in „The Witch“. Die Cain- und Abel-Geschichte „Brothers“ hat einige erinnerungswürdige Shots, bietet sonst auch thematisch und visuell durchaus Bekanntes, kennt man Eggers‘ andere Filme. Der Kurzfilm zeigt beeindruckend, wie konsequent Robert Eggers es von Anfang an verstand, seinen eigenen Stil umzusetzen.

Bonus:

LCD Soundsysten– „oh baby“ (Regie: Rian Johnson)

LCD Soundsystem verbindet eine lange Geschichte mit visuellen Medien und das nicht erst seit „Shut Up and Play the Hits“. Ihr Comeback-Song „oh baby“ hat dementsprechend mehr als „nur“ ein Musikvideo spendiert bekommen. Rian Johnson hat passend zum tollen Song, eine Sci-Fi-Liebesgeschichte inszeniert, die in 5 Minuten mehr Emotionen vermittelt als die meisten Feature-Filme. Sissy Spacek und David Strathairn harmonieren als Pärchen in dieser wunderschön fotografierten, mitreißenden Story, als wären Sie auch im echten Leben verheiratet. ,oh baby‘ ist ein herzzereißendes Musikvideo und ein perfekter Kurzfilm.