Mit „Vergiftete Wahrheit“ (OT: „Dark Waters“) bringt der bekannte US-Autorenfilmer Todd Haynes ab 8.10. einen investigativen Politthriller ins Kino, der sich mit einer der schlimmsten Umweltverseuchungen der US-Geschichte beschäftigt. Der Film folgt – basierend auf wahren Gegebenheiten – dem Anwalt Robert Billot (Mark Ruffalo), der sich jahrelang und zäh mit dem Chiemiekonzern DuPont, der unter anderem Teflon herstellt, duelliert, um die Wahrheit über Umweltverschmutzungen monumentalen Ausmaßes mit dem Giftstoff PFOA in West Virginia ans Licht zu bringen, die ungeklärte Todesfälle und Missbildungen bei Neugeborenen verursachen.

von Christian Klosz

Der Film beginnt damit, dass Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) aus Parkersburg in der schicken städtischen Anwaltskanzlei von Billot auftaucht und ihm Kisten voller VHS-Kassetten vorlegt, die Vergiftungen an seinen Tieren belegen sollen: Er habe mit Billots Oma telefoniert, einer Bekannten, und sie habe ihn an ihren Enkel verwiesen. Tennant hofft nun auf Billots Hilfe bei der Frage, wer oder was die Vergiftungen und massenweisen Todesfälle seiner Tiere verursacht. Billot, eigentlich Unternehmensanwalt, der große Konzerene gegen Kläger verteidigt, will nichts davon wissen und versucht, den grobschlächtigen Bauer abzuwimmeln. Nach einem Gespräch mit seiner Großmutter lässt ihn die Sache aber nicht mehr los und er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln: Offenbar ist das örtlich ansässige Chemieunterehmen DuPont für die dubiosen Todesfälle verantwortlich, da es mit ungeprüften und gefährlichen Stoffen hantiert und diese in der freien Wildbahn entsorgt. Als schließlich auch Anzeichen für Gesundheitschäden bei Menschen aus der Gegend auftauchen, legt Billot seinem Boss (Tim Robbins) seine Erkenntnisse vor, bittet um Unterstützung und legt sich schließlich mit der Chefetage von DuPont an, verklagt sie: Ein jahrelanger, zermürbender Rechtsstreit ist die Folge, ein Kampf gegen Windmühlen und gegen die Mühlen der Justiz, die oft langsam, zu langsam mahlen und Robert Billot und seiner Familie alles abverlangt.

„Vergiftete Wahrheit“ sieht sich in der Tradition großer Aufdeckerfilme wie „Die Unbestechlichen“ oder „Spotlight“, ohne schließlich deren Qualität zu erreichen. Zweifelsohne: Das Thema ist spannend und höchst relevant, der vom Ende der 90-er bis in die Gegenwart laufende Rechtsstreit ist ein Paradebeispiel für Machtmissbrauch von Megakonzernen, die aus Profitgier jegliche moralische Bedenken über Bord werfen – allein deshalb ist der Film ein wichtiges Zeitdokument. Auch die Inszenierung von Haynes ist gelungen, die verwaschenen, düsteren Farben verstärken das Gefühl von Tristesse und Aussichtslosigkeit, das „Vergiftete Wahrheit“ von Beginn an anhaftet. Das Hauptproblem ist, dass Hauptfigur Billot, zumindest in der Darstellung von Ruffalo, kaum zur Identifikationsfigur taugt: Der Anwalt schlurft apathisch durch die Szenerie, die hängenden Schultern und der stets leicht depressive Ausdruck vermitteln kaum das Gefühl vom „Widerstand gegen die Mächtigen“. Es mag sein, dass das reale Vorbild ähnlich tickt und sich der Film um größtmöglichen Realismus bemühte: Wirklich sympathisch wirkt die Figur dennoch nicht, umso weniger, als Robert jahrelang für seine Frau Sarah (Anne Hathaway) und seine Kinder „ungreifbar“ und abwesend ist, weil er sich völlig seinem Kampf gegen DuPont widmet.

Vergiftete Wahrheit

Das zweite Problem ist der phasenweise Hang zum Pathos, der Billots Bemühungen teils über Gebühr glorifiziert und vor allem atmophärisch verklärt: Es geht nicht um Belehrung oder den erhobenen Zeigefinger, sondern eine ansatzweise Verkitschung des Sujets, die nicht nötig gewesen wäre, da sich „Vergiftete Wahrheit“ sonst ja um trockenen Realismus bemüht.

Ein Asset des Films hingegen ist sein differenzierter Zugang zu seinen Figuren: Klar, die Message gegen den Chemiekonzern DuPont ist eindeutig und unmissverständlich, und das ist gut so; aber gerade mit Wilbur Tennent und Robert Billot treffen 2 Charaktere mit ganz unterschiedlichem Background aufeinander, die erst ihre gegenseitigen Vorurteile ablegen müssen, um ihre Kräfte zu bündeln. Für Tennent ist Billot zu Beginn vor allem ein „fancy lawyer from the big city„, für Billot Tennent wiederum ein ungebildeter Hillbillie. Diese Einschätzungen ändern sich im Laufe des Films, was nicht zuletzt in einer der stärksten Passagen des Films zum Ausdruck kommt. Zermürbt und verzweifelt nach Jahren Rechtsstreit sagt Billot sinngemäß, er verstehe nun, was Tennent damals gemeint habe, als er sagte, der Kampf gegen „das System“ (den politisch-ökonomischen Komplex) sei sinnlos und vergebens: „A man with a 12 year education and no College-degree knew right from the start what took me years to realize.“ Das kann auch als versöhnlicher Kommentar zur innenpolitischen Situation in den USA gelesen werden, die bekanntlich durch tiefe Gräben und gesellschaftliche Spaltung gekennzeichnet ist.

Fazit:

Relevant und wichtig, solide erzählt und inszeniert und auch als zeitgenössischer Kommentar tauglich: Todd Haynes legt mit „Vergiftete Wahrheit“ einen klassischen „Aufdeckerfilm“ vor, den in seinen guten Phasen sein trister Realismus kenn- und auszeichnet. Vor der Höchstnote bewahren den Film zeitweiser Pathos und eine recht unsympathische Hauptfigur, die darüber hinaus nicht ideal besetzt ist.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

Bilder: (c) 2020 Tobis