2020 ist ein düsteres Jahr für alle Filmfans, Cineasten und auch Professionalisten weltweit: Monatelang geschlossene Kinos, verschobene Filmstarts, abgesagte Festivals und eine Perspektivenlosigkeit in der Branche, die Planung fast verunmöglicht. Auch wir bei Film plus Kritik leiden unter der akuten aktuellen Lage, gezwungenermaßen mussten wir bei unserer Berichterstattung zuletzt ausschließlich auf Streaming- oder Heimkino-Starts umsteigen, da es halt nichts anderes gibt.

von Christian Klosz

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Umso schöner ist es dann, wenn ein internationales Kategorie A-Filmfestival nach Möglichkeiten sucht, die Branche trotz allem lebendig zu halten. Das Black Nights Film Festival in Tallinn, Estland – kurz PÖFF – geht heuer in seine 24. Ausgabe und hat eine Hybridform gewählt, die sowohl Filmfreunden, als auch Journalisten die Möglichkeit bietet, die Filme von zuhause aus zu sehen. Neben den physischen Screenings vor Ort gibt es virtuelle Screenings fürs Publikum und eine eigene Online-Plattform für akkreditierte Journalisten, Kritiker und Branchenmitglieder, auf der ein Großteil des Programms gezeigt wird.

Lohnenswert ist das vor allem deshalb, weil die Filmauswahl trotz massiv eingeschränktem Material erstklassiges Niveau hat, von dem sich ein bekanntes und arriviertes Festival hierzulande mehrere Scheiben abschneiden könnte. Im Folgenden sollen in den kommenden Tagen die interessantesten und besten Filme des Festivalprogramms präsentiert werden. Die Einträge werden laufend ergänzt.

„Falling“ von Viggo Mortensen

Das heiß erwartete Regie-Debüt einer DER prägenden Figuren des Weltkinos der letzten Jahrzehnte: Mortensen wählt ein forderndes Sujet und einen für viele wohl überfordernden Zugang, was das bisher eher maue Echo auf „Falling“ erklären dürfte. Der Film ist nicht – wie festivalzielgruppenbewusst fälschlicherweise angepriesen – ein Homosexuellen-, sondern ein Vater-Sohn-Beziehungsdrama, das von seinen Ambivalenzen lebt und davon, auch Unangenehmes nicht auszusparen. Mortensen selbst spielt einen Mann mittleren Alters, der mit seinem Partner und der gemeinsamen Tochter in einer glücklichen Beziehung lebt. Unruhe in das beinahe spießige Leben bringt indes sein Vater Willis (Lance Henriksen), ein mürrischer, grantiger und dezent dementer alter Mann, der die Welt um sich und auch seinen Sohn zu hassen scheint. „Falling“ versucht ein in weiten Teilen überzeugendes Porträt einer gescheiterten Beziehungskonstellation, das trotz aller verbalen Übergriffe und Gehässigkeiten schließlich doch einen Funken Hoffnung auf Versöhnung vermittelt. (Info: „Falling“ soll demnächst bei uns in die Kinos kommen)

Rating: 94/100

© Filmladen

„Poppy Field“ von Eugen Jebeleanu

Kurzzusammenfassung: Schwuler (in the closet) Cop wird zu Polizeieinsatz im örtlichen Kino gerufen, wo konservative, nationalistische Gruppen gegen das Screening eines LGBTQ-Films protestieren, während zuhause sein französischer Lover wartet, von dem keiner weiß und den er am liebsten verstecken würde; im Kino trifft Cop Cristi auf einen Ex, der ihn erkennt und konfrontiert, woraufhin Cristi ihn grundlos blutig schlägt, was seine Cop-Kollegen (aus guter Absicht) zu decken versuchen, während er unter vielfach homophoben Schimpfsalven seinen Übergriff auf den „cocksucker“ zu rechtfertigen versucht. Wem das schon jetzt zu viel ist, der sollte gar nicht weiterlesen, alle anderen werden in „Poppy Field“ einen gelungenen und dichten Debütfilm entdecken, der gängige und oft doch so klischeehafte Vorstellungen von Geschlechterkonstruktion unterläuft und vor allem einen tiefen Identitätskonflikt offenbart, mit dem der trotz allem nicht unsympathische Protagonist zu kämpfen hat.

Rating: 67/100

„Rain“ von Janno Jürgens

Ungewöhnliches Familienporträt, das sich mit unterschiedlichen Formen von Maskulinität befasst, mit innerfamiliären Männerbeziehungen und -konflikten und der Frage nach Selbstverwirklichung in einer veränderten Gesellschaft. Protagonist Rain, ein Rumtreiber um die 30 ohne Plan und Ziel, kehrt nach langer „Zeit auf Achse“ zur Familie zurück. Dort gerät er immer wieder mit seinem gestrengen und konservativen Vater aneinander, ein ganz und gar gefühlloser Unsympathler, während der 12-jähriger Bruder Ats ein neues Vorbild in seinem heimgekehrten Bruder findet, der als „Outlaw“ die Aura der großen Freiheit vermittelt. Ein sich langsam entwickelndes Drama mit wortkargen Figuren, das auch vor skurrilen Sequenzen nicht zurückschreckt, aber gerade gegen Ende eine überraschende Sensibilität und Versöhnlichkeit offenbart.

Rating: 66/100

„The Racer“ von Kieron J. Walsh

Die Tour de France als tour de force: Dieses bemerkenswerte Sport(ler)-Drama fängt die Faszination Radsport mit all seinen Adrenalin-Hochs und tiefen Abgründen (Doping, Selbstausbeutung) adäquat und, wie es wirkt, recht realitätsgetreu ein. „The Racer“ rekonstruiert den Doping-Skandal bei der berühmtesten Radrundfahrt der Welt aus dem Jahr 1998 in fiktionalisierter Form, zeichnet das Bild einer geschlossenen Gesellschaft, die von einer Sucht getrieben wird, die Siegen heißt, und und in deren Gegenwart Vernunft keinen Platz hat. Toll inszeniert, überzeugend gespielt, lediglich das Ende verwirrt unnötig und bleibt in seiner Aussage pro/contra Doping/Radsportwahn zu vage. (Info: „The Racer“ soll nächstes Jahr bei uns auf DVD/BluRay erscheinen)

Rating: 84/100

(c) PÖFF24

„Soviet Friendsbook“ von Aljona Surzhiskova

Rückblicke, Erinnerungen, Erfahrungen, Ausblicke: Porträt einer ex-sowjetischen Identitätssuche und -findung aus Sicht der Regisseurin, einer „estnischen Russin“, wie es nach Zusammenbruch der UdSSR für ethnische Russen hieß, die auf dem Gebiet des heutigen Estlands lebten. In dieser Doku macht sie sich anhand eines alten „Freundschaftsbuchs“ auf die Suche nach Freunden aus der Schulzeit und Ex-Klassenkameraden, die das Leben in alle Himmelsrichtungen verstreut hat: Kambodscha, Russland, Deutschland, Schweden, alle geprägt von der Erfahrung des „Umbruchs“ in Jugendtagen, alten Gewissheiten und neuen Freiheiten als erste Generation, die zwischen sowjetischen Traditionen und (zentral-)europäischen Verheißungen aufwuchs. Solide erzählt und inszeniert, dabei zeitweise etwas zu langatmig, aber auf jeden Fall lehrreich, gerade für im Herzen Europas aufgewachsene Menschen, die wenig bis keine Ahnung von (post)-sowjetischen Schicksalen haben.

Rating: 66/100

„To save a language“ von Liivo Niglas

Über das Retten eine Sprache: Ein estnischer Linguist geht ins „Twin Buttes Reservoir“ in den USA, wo es nur noch einen letzten „Mandan“-Sprecher, Edwin Benson, gibt, um von ihm zu lernen und diese Sioux-Sprache vor dem Aussterben zu bewahren. Ein Film über Courage und Mut, Idealismus und Empathie, die Triebfedern für Indrek Parks wahnwitziges Unternehmen, Mandan selbst zu erlernen und nach dem Tod von Edwin als einziger lebender Sprecher an die „indians“, wie er sagt, weiterzugeben. Ein erheiternder und positiver Film, trotz seines akademisch anspruchsvollen Inhalts dabei äußerst kurzweilig.

Rating: 81/100

„Come True“ von Anthony Scott Burns

Die 18-jährige Sarah will von zuhause ausreißen und kann nicht schlafen: Was bietet sich da besser an als eine Schlafstudie, wo sie fürs Schnarchen bezahlt wird? Bei der Einführung in die Studienmodalitäten kommen ihr erste Zweifel, doch ein dubioser Schlafplatz ist besser als keiner. Als sich im Lauf der Zeit die Alpträume, die sich an sich auflösen sollen, steigern und intensivieren, ergründet Sarah die Hintergründe der Studie, bei der es vor allem um eines geht: Träume und damit das Unbewusste sichtbar und wahr zu machen. Anthony Scott Burns gelingt mit „Come True“ ein gehaltvoller, (atmophärisch und inhaltlich) dichter SciFi-Thriller, der sich mit seiner Laufzeit stetig steigert und einen am Ende lange ratlos und/oder ergriffen zurücklässt. Der einnehmende Sog des Films wird verstärkt vom tollen Soundtrack, auch visuell überzeugt das Werk: Einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Film des Festivals bisher, der mit der Zeit und in der Erinnerung sogar weiterwächst.

Rating: 86/100

„Bad Tales“ von Fabio & Damiano D’Innocenzo

Eine düstere, melancholische Fabel über zerplatzte Träume, unerreichbare Sehnsüchte und soziale Spannungen, die niemanden verschonen und alles und jeden mitreißen: Oberflächlich erzählt das italienische brüderliche Regie-Duo von einem römischen Vorort, der den Bewohnern gerade noch das Gefühl gibt, den (ihren eigenen) (klein-)bürgerlichen Ansprüchen gerecht zu werden, während die Verzweiflung ob der Unentrinnbarkeit der Lage und die damit verbundene Hoffnungs- und Perspektivenlosigkeit immer größer werden; dahinter liegt ein kluges Porträt einer in die Bedeutungslosigkeit abrutschenden Mittelschicht, deren Frust und Wut sich unweigerlich auf deren Kinder überträgt, die finalisieren, wozu die Eltern nicht mehr den Mut haben. „Bad Tales“ ist auch eine dunkle Zukunftsvision und eine Anklage, die Partei für eine verlorene (Kinder-)Generation ergreift, die in einer Welt ohne Träume, Wünsche und Möglichkeiten aufwächst. All das wird in teils atemberaubend schönen Bilder eingefangen, was „Bad Tales“ zu einer der Entdeckungen des Filmjahres 2020 macht.

Rating: 90/100