Nicht erst seit der Oscarverleihung 2020 wissen Filmfans weltweit, dass Südkorea eine florierende Filmlandschaft hat, die man nicht außer Acht lassen sollte. Sei es im Horrorbereich, wie der kreative Zombiestreifen „Train to Busan“ beweist, eine bitterböse Sozial/Politsatire wie der bereits angedeutete Oscargewinner „Parasite“ oder im Action/Revenge-Bereich, wo „Oldboy“ Anfang der 2000er die Genre-Messlatte ein Stück weit nach oben versetzt hatte – das südkoreanische Kino hat so einiges zu bieten.

von Mara Hollenstein-Tirk

„Deliver us from Evil“, der vor Kurzem für den Heimkinomarkt veröffentlicht wurde, zählt dabei eindeutig zum Actiongenre. Immerhin geht es um einen Auftragskiller, der eigentlich gerade aussteigen will, als er erfährt, dass seine Ex-Freundin umgebracht und deren kleine Tochter gekidnappt wurde. Umgehend macht er sich auf die Suche nach dem Kind, doch während das Blut seiner Widersacher die Straßen Bangkoks rot färbt, wird er selber von einem unerbittlichen Racheengel verfolgt.

Bereits nach dieser kurzen Inhaltsangabe weiß der kundige Zuschauer, dass hier wohl eher keine Gefangenen gemacht werden – und tatsächlich leuchtet einem das rote FSK-18 Logo prominent platziert von der Hülle aus entgegen. Eine Einstufung, die man nach der Sichtung des Films durchaus nachvollziehen kann, denn auch wenn das Ganze im Vergleich zu manchen Genrekollegen ein bisschen öfter wegschneidet als gewöhnlich, gibt es doch noch immer genügend äußerst explizite Szenen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen.

Dabei ist es schön zu sehen, dass auch bei solch kleineren Produktionen noch größtenteils auf Handarbeit gesetzt wird, was sich in ein paar waghalsigen Stunts widerspiegelt, bei denen man sich zwangsläufig fragt: „Hat er das gerade wirklich gemacht?!“ Ein wenig spürt man zwar auch schon hier eine dezente Anpassung an den amerikanischen Markt, so werden manche Szenen durch Slowmotion-Einstellungen unterstützt, anstatt, wie sonst im asiatischen Kino eher üblich, durch mehrere Kameraperspektiven. Dankenswerterweise scheint man allerdings noch nicht auf den Schnittgewitter-Zug aufgesprungen zu sein (es möge auch in Zukunft so bleiben!).

Während die Action also einen gelungenen Balanceakt zwischen östlicher Kino-Tradition und ein paar westlichen Einflüssen darstellt, weiß auch die Geschichte zu überzeugen. Auch wenn man sich hier keine großen kreativen Sprünge erwarten darf, sich gerade zu Beginn vieles sehr kryptisch anfühlt, während es in der zweiten Hälfte dann ziemlich geradlinig zur Sache geht, schafft es Hauptdarsteller Jung-Min Hwang erstaunlicherweise neben all den Grausamkeiten genügend emotionale Verbindung zum Publikum aufzubauen, dass man am Ende gar nicht anders kann, als ihm die Daumen zu drücken und mit ihm mitzufiebern. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass auf der anderen Seite Lee Jung-jae den psychopathischen Verfolger so gekonnt mimt, dass man auch hier gar nicht anders kann, als ihm die Pest an den Hals zu wünschen.

Gut und Böse stehen einander also in ihrer bekannten Dualität gegenüber – und bleiben dabei doch stets ambivalent, immerhin ist der eine eigentlich auch ein Auftragskiller und der andere will lediglich den Mord an seinem Bruder rächen. So mischen sich zu den Schwarz-Weiß-Stereotypen viele Grautöne, welche die Charaktere erden und ihnen dadurch mehr Tiefe verleihen.

Fazit:

Trotz all dieser lobenden Worte muss man am Ende aber auch einschränkend zugeben, dass man hier eigentlich nichts findet, was man nicht in dieser oder ähnlicher Form bereits, sowohl im asiatischen, als auch im amerikanischen Kino, gesehen hätte (und dort teilweise sogar besser). Trotzdem: Wer Lust auf einen harten Actionfilm mit sozialkritischem Tenor und berührendem Ende hat, der könnte es wahrlich schlechter treffen…man darf sich bei „Deliver us from evil“ eben nur keinen neuen „Oldboy“ erwarten.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(75 / 100)

Info: „Deliver us from evil“ ist seit 29.1. nicht nur als DVD, BluRay und VOD verfügbar, sondern auch als limitiertes 2-Blu-ray Mediabook mit gezeichnetem Cover, 20-seitigem Booklet, der Bonus-BD „Veteran“, Featurettes, Teasern und Trailern. Weiteres dazu HIER.

Titelbild: (c) Splendid Film