Man kennt das Phänomen: Ehemalige Sitcom-Stars auf der Suche nach neuen Erfolgen, die an ihre alten anknüpfen. Matt LeBlanc aus „Friends“ in „Joey“ oder „Man with a Plan“, Charlie Sheen aus „Two and a half men“ in „Anger Management“ oder Tim Allen aus „Hör mal, wer da hämmert“ – in diesem Fall tatsächlich erfolgreich – in „Last Man Standing“ (Kritik zu Staffel 1 erschien kürzlich hier). Auch „King of Queens“-Star Kevin James unternimmt nach dem wenig erfolgreichen „Kevin can wait“ einen neuen Anlauf, und zwar auf Netflix: „The Crew“, eine klassische Sitcom, startete mit 10 Episoden am 15.2. auf dem Streamingriesen.

von Christian Klosz

Das Setting wird schnell etabliert und ist leicht erklärt: James spielt Kevin Gibson, den Teamchef eines mäßig erfolgreichen NASCAR-Rennstalls. Er war früher selbst Fahrer und leitet seit über 25 Jahren seine Crew als Herz und Seele des Unternehmens. Als sich der alte Besitzer zurückzieht und den Laden an seine Stanford-ausgebildete, junge Tochter Catherine (Jillian Mueller) übergibt, bleibt kein Stein auf dem anderen: Die Crew, ein seit Jahren eingespieltes Team, rebelliert gegen den neuen Führungsstil, dessen fokussierte Ausrichtung auf „Erfolg“ zu für alle unangenehmen Neuerungen führt.

„The Crew“ spielt dabei hauptsächlich im Headquarter/der Werkstatt des Rennstalls, das als „Home Base“ dient. Die Crew besteht neben James‘ Figur aus 4 Charakteren, deren Eigenheiten bereits zu Beginn klar herausgearbeitet werden: Beth (Sarah Stiles) ist für die Buchhaltung und das Management verantwortlich und geht durch ihre quirlige, manchmal etwas nerdige Art den anderen regelmäßig auf die Nerven, ist aufgrund ihrer Herzlichkeit aber trotzdem bei allen beliebt. Sie ist eng mit Kevin befreundet, zwischen den beiden scheint auch permanent eine gewisse Anziehung und Spannung zu herrschen, die in den späteren Episoden zu Konflikten führen. Chuck (Gary Anthony Williams) ist der Mann, der macht, was sonst keiner kann: nämlich to make the car run. Abgesehen davon ist er ein eher verschlossener, altmodischer Typ, der in Ruhe gelassen werden will – vor allem mit unnötigen Neuerungen. Amir (Dan Adhoot) ist der Techniker der Crew, fällt aber meist durch seine Unsicherheit, Nervosität und Tendenz zu Angst- und Panikattacken auf. Und der Fahrer des Teams, Jake (Freddie Stroma), ist ein Sunnyboy alter Schule, nicht allzu helle im Köpfchen, aber dafür mit übermäßigem Selbstbewusstsein ausgestattet – vor allem, was das andere Geschlecht betrifft. Diese eingespielte Gang trifft nun auf Catherine, die neue Besitzerin – oder besser: sie trifft auf die Crew -, was unweigerlich zu Reibung und Konflikten führt. Denn die neue Chefin ist verbissen, besserwisserisch, erfolgsfixiert und nicht zimperlich im Umgang mit auch jahrelangen Mitarbeitern. Sie muss sich deren Respekt erst verdienen, sie, die von der Rennbranche bisher keine Ahnung hatte und keine Erfahrung mitbringt, während sich die Crew an den neuen Stil gewöhnen muss und daran, dass die Dinge nun anders laufen als gewohnt.

„The Crew“ versucht eine vorsichtige Neuausrichtung des klassischen Sitcom-Genres: Was das Setting, den Plot und die Charaktere und deren Zusammenwirken betrifft, ist alles recht old-school, das vorwiegend weibliche Autorenteam sorgt aber auch dafür, dass die weiblichen Figuren – wie Neo-Chefin Catherine in recht exponierten Positionen – genug Raum bekommen, um eine neue Normalität abzubilden, in der Frauen in Führungs- und Machtpositionen keine Ausnahme sind. Die Konflikte zwischen ihr und Kevin / der Crew haben nichts mit ihrem Geschlecht zu tun, sondern sind eine Auseinandersetzung zwischen „alter“ und „neuer“ Schule, zwischen praktischer Erfahrung und theoretischem Know-How, eine professionelle Beziehung, die ihre Auf und Abs hat, bis schließlich beide Seiten erkennen, doch etwas voneinander lernen zu können.

Kevin James agiert in seiner neuen Rolle als durchaus von sich eingenommener Crew-Chef solide, ohne zu glänzen, Vergleiche mit seiner „King of Queens“-Zeit bieten sich nur bedingt an, da Kevin Gibson nicht allzu viel mit Doug Heffernan gemein hat. Überhaupt wirkt „The Crew“ über weite Strecken tatsächlich wie eine eigenständige Serie, die mehr sein will und ist als ein Abklatsch oder eine bloße Kopie – natürlich trotzdem mit Kevin James als publikumswirksamem Zugpferd. Auch verteilt die Sitcom das Gewicht auf mehrere Schultern und ist weniger auf eine (oder zwei) Hauptfiguren zugeschnitten: Das Grundkonzept, die Grundidee ist die die Beobachtung größerer und kleinerer Konflikte und Beziehungen in einem altmodischen work environment, das sich verändern muss, um bestehen zu bleiben.

„The Crew“ ist kurzweilig, der Cast scheint Spaß an der Arbeit zu haben, die Chemie stimmt und die Charaktere werden – bedenkt man die vorerst lediglich 10 Episoden zu je ca. 25 Minuten – relativ schnell mit all ihren Ecken und Kanten etabliert. Hervorzuheben sind hier Gary Anthony Williams als Chefmechaniker Chuck, so etwas wie der stabile Anker der Wertstatt-Crew, der mit seinen trockenen und sarkastischen Sprüchen immer wieder für Schmunzeln sorgt. Zum anderen ist es Sarah Stiles als „gute Seele“ Beth, der aufgrund ihrer herzlichen Art schnell Sympathie zufliegt: Im großen und ganzen eine gute Besetzung, der man in dieser Form gerne auch weitere Folgen und Staffeln zuschauen möchte – ob das so kommen wird, wird sich zeigen und vom Erfolg der ersten Staffel abhängen.

Schließlich etwas Kritik: Gerade die letzte Episode spitzt zu sehr auf mögliche „Cliffhanger“, opfert Realismus zugunsten sich anbahnender, aber aufgrund des zuvor gesehenen Plots eher unglaubwürdig wirkender Liebeleien (welche soll hier nicht verraten werden). Die Drehbuch-Entscheidungen sind nachvollziehbar – immerhin soll das Interesse der Zuschauer gekapert werden – dennoch erscheinen sie wenig logisch und wirken etwas klischeehaft. Und wären in dieser Form auch gar nicht nötig gewesen, da davor bereits ein guter Job gemacht wurde: Das Interesse des geneigten Publikums wurde bereits geweckt.

Fazit:

Klassische old-school-Sitcom, die ein altbekanntes Setting behutsam in eine neue Zeit führt und unvermeidbar aufkommenden Konflikten Platz und Raum gibt, sie existieren lässt, bevor sie kompromisshaft aufgelöst werden können: Solide geschrieben, gut gespielt, sehr kurzweilig und unterhaltsam. Für alle „King of Queens“-Fans: „The Crew“ ist keine Fortsetzung der beliebten Serie, sondern ein eigenständiges Produkt, und das ist auch gut so. Erfreulich ist auch, dass sich Netflix mit diesem Original des klassischen Sitcom-Genres annimmt und damit etwas Neues, Zeitgemäßes probiert: Man kann nur hoffen, dass weitere Folgen bestellt werden, denn „The Crew“ ist ein gelungener Einstand geglückt.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(68/100)

Die ersten 10 Folgen der 1. Staffel von „The Crew“ sind seit 15.2. auf Neflix auf Deutsch und Englisch verfügbar.

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Bilder: (c) Netflix