Vom vor Jahren von Cineasten noch kritisch beäugten Verkäufer von filmischem Fast Food hat sich Netflix inzwischen zu einem zentralen Player in der Bewegtbildlandschaft gemausert, zum wichtigsten von allen (neben Disney) werden manche sagen. Tatsächlich: Dem Streaminganbieter ist es gelungen, die Art und Weise, wie Filme und Serien konsumiert werden, zu verändern. Netflix besetzt in den letzten 1, 2 Jahren auch verstärkt eine Nische, in die vor einigen Jahren Amazon schnupperte und die an sich den Filmstudios vorbehalten war: Die des Produzenten anspruchsvoller, eigenständiger und auch mutiger Filme, die von den hart kalkulierenden Mainstream-Studios in den letzten Jahren links liegen gelassen worden waren. Nicht umsonst ist Netflix inzwischen für Filmemacher wie Martin Scorsese, Spike Lee, David Fincher oder Noah Baumbach erste kreative Anlaufstelle.

von Christian Klosz

Doch nicht nur was die Produktion neuer Filme und Serien betrifft ist Netflix inzwischen zentraler Player: Die Struktur des Unternehmens ermöglicht es, die Rechte älterer Produktionen zu erwerben und denen eine neue Bühne zu bieten. Da hat man in letzter Zeit tatsächlich aufgeholt und kann nun vermehrt auch jüngere und ältere Filmklassiker anbieten. Manchmal hätte man sich diese Wiederentdeckung auch sparen können (wie etwa bei „Super Mario Bros.“), in anderen Fällen kommt sie genau richtig: So geschehen bei „Community“, einer US-Serie mit Kultfaktor, die erstmals von 2009 bis 2015 in 6 Staffeln ausgestrahlt wurde und damals vor allem bei uns im deutschsprachigen Raum nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die sie verdient gehabt hätte (was auch damit zu tun hat, dass sie von den großen deutschen und österreichischen Sendern kaum oder gar nicht gezeigt wurde). Dabei ist „Community“ eine Serie, die sich qualitativ durchaus mit den Evergreens des Sitcom-Genres wie „Friends“, „Scrubs“ oder „Two and a half men“ messen kann: Geniale Drehbuch-Ideen treffen auf unglaublich gut geschriebene Dialoge und liebevoll gezeichnete und doch ganz unterschiedliche Charaktere, die man schon nach wenigen Folgen ins Herz schließt.

Das Setting ist einfach erklärt: Die Serie spielt am Greendale Community College (Community Colleges sind staatlich geförderte Universitäten, die meist nicht den besten Ruf haben) in Colorado in den USA. Die Hauptfiguren sind Studenten dort und so divers wie altersmäßig unterschiedlich, und auch deren Motive für ihre Inskription sind völlig konträr: Als Hauptfigur, „Alpha-Male“ und Anführer der Lerngruppe, die sich in der Pilotfolge zusammenfindet und später die „Community“ bildet, die wir beobachten, etabliert sich schnell Jeff Winger (Joel McHale). Der Mittdreißiger war früher erfolgreicher Anwalt, bis aufflog, dass er nie ein law degree erworben hatte, sondern alles erschwindelt gewesen war. Er will nun so schnell wie möglich seinen Bachelor nachholen, um wieder seiner lukrativen Profession nachgehen zu können. Jeff ist gutaussehend und sehr von sich überzeugt, manchmal zynisch und sarkastisch, kann seinen Egoismus aber auch hintanstellen, wenn es die Situation erfordert. Sein weiblicher „Gegenpart“ ist Britta Perry (Gillian Jacobs), die die konstanten Annäherungsversuche Jeffs immer wieder abblitzen lässt. Sie wird als politisch engagierte ehemalige Anarchistin vorgestellt, die nach vielen wilden Jugendjahren nun ihren Uni-Abschluss nachholen will. Zwischen ihr und Jeff herrscht konstant sexuelle Spannung, mit ihrer oft verkrampften und besserwisserischen Art geht sie dem Rest der Gruppe aber ab und an auf die Nerven.

Das „Küken“ der Gruppe ist Annie (Alison Brie), 18 Jahre jung und frisch von der High School, wo sie nie beliebt und stets eine Außenseiterin war, wodurch sie jetzt besonders bemüht ist, „dazuzugehören“ und Freunde zu machen. Sie ist eine der wenigen, die das Studium am Greendale College wirklich ernst nehmen, eine kleine „Streberin“ und manchmal etwas übermotiviert. Shirley (Yvette Nicole Brown) ist eine von den zwei afroamerikanischen Gruppenmitgliedern (neben Troy), Mutter von zwei kleinen Söhnen, um die 40, die zu Beginn von Staffel 1 getrennt von ihrem Mann lebt, der sie betrogen hat. Sie ist eine gläubige Christin, stets bemüht, „das Richtige“ zu tun, kann aber auch aufbrausend werden, wenn ihr etwas nicht passt. Der „Opa“ der Gruppe ist Pierce Hawthorne (Comedy-Ikone Chevy Chase), ein unsensibler Mitt-60-er, der auch nicht davor zurückschreckt, seine kulturellen und rassischen Stereotypen und Vorurteile zu entäußern. Deshalb, und auch aufgrund seines oft asozialen Verhaltens, ist er so etwas wie der Außenseiter, der immer wieder im Clinch mit dem einen oder anderen Gruppenmitglied ist.

Britta & Jeff

Schließlich gibt es noch Troy (Donald Glover) und Abed (Danny Pudi), die eigentlich nur im Duo erwähnt werden können: Beide sind Anfang 20 und schon nach kurzem beste Freunde. Troy war in der High School erfolgreicher Football-Quaterback mit rosigen Karriereaussichten, bis ein Missgeschickt seine Träume vernichtete. Abed ist arabischer Abstammung, sein Vater finanziert ihm sein Studium nur, damit er später dessen Falafel-Laden übernehmen kann. Sein eigentliches (und im Grunde einziges) Interesse sind aber Filme, Serien und Popkultur, er verhält sich selbst oft so, als wäre alles, was um ihn geschieht, die Handlung einer Sitcom. Außerdem hat Abed diverse autistische Züge und leidet vermutlich (wie unter anderem auch Sheldon Cooper aus „Big Bang Theory“) am Asperger-Syndrom, was auch mehrmals thematisiert wird.

Daneben gibt es einige weitere, interessante Nebenfiguren wie etwa Dean Pelton, den Uni-Rektor, den Psychologieprofessor Ian Duncan (John Oliver) und am prominentesten Ben Chang (Ken Jeong), in Staffel 1 als völlig wahnsinniger Spanisch-Lehrer Senior Chang ein Fixpunkt der Handlung und Urheber einiger der besten Sprüche und witzigsten Szenen (in Staffel 2 tritt er als Mitstudent auf, da auffliegt, dass er kein echter Spanisch-Lehrer ist und keinen Abschluss hat).

Die ausführlicher Beschreibung der Charaktere von „Community“ macht deshalb Sinn, weil die Serie sehr charakterzentriert- und getrieben ist: Handlungsstränge, Twists, aber auch Gags ergeben sich meist aus der Spannung und Reibung zwischen den Figuren. Insofern ist die Serie am ehesten mit „Scrubs“ zu vergleichen, die ebenfalls von ihren liebevoll ausgestalteten, komplexen und teils exzentrischen Charakteren lebt. Hervorstechend ist in „Community“, viel stärker als in vielen vergleichbaren Sitcom-Serien, der Meta-Humor und die Selbstreferenzialität, die die oft ausufernden Dialoge kennzeichnen: Zitate aus der US-Popkultur gibt es ständig, einzelne Episoden wurden als direkte Parodien auf bekannte Filme konzipiert (z.B. Episode 21 „Contemporary American Poultry“ als Satire auf Martin Scorseses Gangsterfilme a la „Good Fellas“, gemeinsam mit der Weihnachtsepisode „Comparative Religion“ (Nr.12) die beste Folge von Staffel 1).

Außergewöhnlich ist neben der akribischen Figurengestaltung und dem ausgefeilten Drehbuch auch die inszenatorische Finesse, die weit über vergleichbare Sitcoms hinausgeht: Da werden ikonische Shots großer Regisseure raffiniert kopiert, Klassiker des US-Kinos gekonnt zitiert und trotzdem etwas postmodern Eigenständiges kreiert. Dafür verantwortlich zeichnen unter anderem die ja nicht ganz unbekannten Russo-Brothers, die bei vielen der Episoden Regie führten, und die einige Jahre später unter anderem für den erfolgreichsten Film aller Zeiten „Avengers: Endgame“ verantwortlich waren und vor ihrer Marvel-Karriere bei „Community“ ihr Handwerk erlernten.

Fazit

„Community“ ist genau das Richtige für alle jene, die „Cinematisierung“ und Spielfilmisierung von Serien in den letzten 15 Jahren nie wirklich verkraftet haben: Man setzt auf ein klassisches Sitcom-Setup, entwickelt dies aber weiter und reichert es mit mannigfaltigen Popkultur-Referenzen und Meta-Ebenen an. Getragen wird die Serie von ihren gut besetzten Hauptfiguren, die so unterschiedlich wie gleichermaßen sympathisch sind und einem schon nach kurzer Zeit das Gefühl geben, auch als Zuschauer zur „Community“ zu gehören: In jedem Fall eine mehr als wertvolle Wiederentdeckung, der Netflix durch die Aufnahme ins Programm einen verdienten zweiten Frühling beschert.

Bewertung

9 von 10 Punkten (86/100)