Es gibt ein paar Dinge, die sich zweifelsfrei über Komiker Chevy Chase, geboren 1943 als Cornelius Crane Chase in eine amerikanische Upper Class-Familie, sagen lassen: Der Mann ist talentiert in seinem Fach. Der Mann ist unglaublich witzig. Er prägte sowohl Saturday Night Live in der Anfangszeit – die Show verließ er trotzdem bereits nach einer Staffel – als auch zahlreiche Kult-Komödien der 80er und 90er, nicht zuletzt den Weihnachts-Evergreen „Schöne Bescherung“. Und: Der Mann wird von Hollywood gehasst.
von Christian Klosz
Letzteres Statement kann man natürlich als übertriebene Hyperbel bezeichnen, wie sie in Einleitungen zu Online-Artikeln oft vorkommen, um das Interesse der Leser zu triggern. Um es also ausgewogener zu formulieren: Chevy Chase genießt nicht den besten Ruf in der Branche. Viele Kollegen stehen ihm reserviert oder ablehnend gegenüber, wollen nichts mit ihm zu tun haben. Und ja: Manche bezeichnen ihn tatsächlich als „A*schloch“. Doch woher kommt dieser Ruf?
Chevy Chase, das beliebteste A*schloch Hollywoods
Diesen musste sich Chevy Chase nicht sonderlich hart erarbeiten: Provokationen, Grenzüberschreitungen, Beleidigungen, political incorrectness gehören zu seinem humoristischen Kern-Repertoire. Und zwischen seinen Bühnenfiguren und dem Privatmann scheint es durchaus Parallelen zu geben: Ein „nice guy“, das war Chase noch nie. (Auch gut möglich, dass exzessiver Drogenkonsum am Anfang seiner Karriere – Kokain, später Alkohol – einen gewissen Einfluss hatte.)
Die neue Doku „I’m Chavy Chase and You’re not“, in den USA am 1.1. auf CNN erschienen, versucht, Chevy Chase zu ergründen, zu verstehen, zu entschlüsseln, und zwar sowohl die „Kunstfigur“ auf den Bühnen, als auch die Privatperson. Und das Ergebnis ist durchaus erkenntnisreich: Chase wird von seiner Familie geliebt, die hinter dem Doku-Projekt stand und sich darum bemühte, wohl auch, um das öffentliche Bild ihres geliebten Vaters, Ehemanns, Bruders zu korrigieren. Seine Fans verehren den inzwischen 82-jährigen, bis heute erhält er täglich Fanbriefe. (Ehemalige) Kollegen halten ihn aber auch heute noch für „schwierig“.

Chase selbst gibt sich in den Aufnahmen und Interviews in der CNN-Doku witzig, gewohnt respektlos, aber auch reflektiert: Er erzählt über den körperlichen Missbrauch, den er als Kind durch seine Mutter und seinen Stiefvater erfahren hatte, und dessen seelische Folgen ihn bis heute begleiten. Chase sagt dazu: „Once you’re slapped with a yardstick on your bare ass and on the backs of your legs until they’re so bruised that somebody else notices, then that’s a different thing.“
Chevy Chase wurde als Kind schwer misshandelt
Regisseurin Marina Zenovich betont in einem Interview mit der New York Times zu ihrem Film, dass diese Erkenntnisse das Fehlverhalten Chases in der Vergangenheit zwar nicht rechtfertigen oder entschuldigen würden, aber doch in ein anderes Licht rücken. Gänzlich entschlüsseln können das Enigma, das Chase in gewisser Weise ist, sie und „I’m Chevy Chase and You’re not“ freilich auch nicht.
Für die Regisseurin war das eines ihrer Ziele: Sie wollte diesen Mann mit dem grandiosen Erfolg und dem furchtbaren Ruf verstehen lernen, wissen, ob er wirklich so ein unerträglicher Zeitgenosse ist, wie viele sagen. Immerhin kommt sie – und damit auch ihr Publikum – des Rätsels Lösung näher.
Natürlich geht es in der Dokumentation auch um den Vorfall bei Chases letzter Hitshow “Community”, deren Teil er vier Staffeln lang war und der zu seinem de-facto Karriereende geführt hatte. Während der Drehs geriet er regelmäßig mit dem Showrunner Dan Harmon aneinander, aber auch mit dem Rest des Cats. Während der Produktion von Staffel 4 war Chase zunehmend frustriert über die Darstellung seiner Figur, die als ignoranter Rassist gezeichnet wurde.
„Community“ und das „N-Wort“
Über den Vorfall, der schließlich zu Chase Rauswurf führte, gibt es bis heute verschiedene Darstellungen: In in der Episode hantiert seine Figur mit einer Blackface-Handpuppe. Chase soll frustriert gefragt haben, ob sein Charakter als Nächstes gezwungen werden würde, das „N-Word“ auszusprechen, und dieses soll er dabei selbst in den Mund genommen haben. Darauf verließ er abrupt die Show und kam nie mehr zurück.
Ein typischer Chevy Chase-Moment also, bei dem sein Humorverständnis nicht von allen verstanden wurde? Laut Chase war genau das der Fall gewesen, einige seiner Co-Stars wären zu jung gewesen, um ihn und seinen Humor zu verstehen, meint er. Bis heute wurde der Vorfall nicht gänzlich geklärt, die Darstellungen variieren. Bezeichnend: Keiner von Chases Co-Stars aus der „Community“-Zeit wollte Zenovich ein Interview für ihren Film geben.
Chase gab nie vor, ein „netter Kerl“ zu sein, und sein Ruf scheint ihn selbst weniger zu beschäftigen als viele andere. Manche Vorfälle hat er anders in Erinnerung als seine jeweiligen Gegenüber, an andere kann er sich nicht erinnern (er hat sein einem künstlichen Koma im Jahr 2021 nach einem Herzinfarkt ärztlich bestätigte Gedächtnisprobleme). Ein Rassist, das will er aber auf keinen Fall sein, darauf beharrt der Komiker auch in der Doku.
SNL: Bill Murray vs. Chevy Chase
Dass sich manche Konflikte mit der Zeit durchaus von selbst lösen zeigt der Fall „Murray vs. Chase“: Bei seiner Rückkehr zu SNL als Host traf Chevy Chase hinter den Kulissen auf seinen „Ersatzmann“ Bill Murray, der gerade am Anfang seine Probleme hatte mit dem Publikum. Die beiden gingen – wie von mehreren Seiten verbrieft – verbal und am Ende sogar physisch aufeinander los, der mindestens einen Kopf kleinere John Belushi ging dazwischen.
Nachher trat Murray noch mal nach und spielte auf Chases bekannte Eheprobleme mit Jacqueline Carlin an: „Go f*ck your wife, she needs it!“ Chase wiederum entgegnete, dass Murray’s von Pickeln vernarbtes Gesicht aussieht „like a landing spot for Neil Armstrong“. Einige Jahre später standen Bill Murray und Chevy Chase bei „Caddyshack“, bis heute einer der größten Erfolge der beiden, dennoch gemeinsam vor der Kamera. Sie hatten ihr Kriegsbeil begraben.
Bill Murray in „Meatballs“ | Vor-Bilder
„Lost in Translation“ mit Bill Murray ist der drittbeste Film seit 2000

Tabubruch als Mittel zum Zweck
Die Sache ist also kompliziert wie die Person Chevy Chase selbst, das macht auch Zenovichs Doku einmal mehr klar. Chase ist aber auch heute noch relevant, und das nicht nur, weil er jedes Jahr um Weihnachte über Millionen Bildschirme flimmert: Der Mann stammt aus einer Zeit, in der Anarcho-Humor, Provokation, gezielte Subversion des „guten Geschmacks und Anstands“ auch mit dem (liberalen) Kampf gegen die konservative US-Gesellschaft assoziiert war. Chase und seine „National Lampoon“-Kollegen waren alle Kinder der späten, revolutionären 60er-Jahre. Humor sollte, musste politisch unkorrekt sein, da political correctness eben mit Konservativismus assoziiert war. Der Tabubruch war Mittel zum Zweck.
In vielen Bereichen hatte sich die (politische) Hegemonie in den USA in den letzten 10 Jahren verschoben. Der „Wokeism“ schuf seinerseits neue Anstandsregeln, die übers Ziel hinausschossen. Humor a la Chevy Chase wurde mitunter zum Ziel unnötiger Cancelation, oft wurden dabei die Nuancen übersehen und der Kontext bewusst ignoriert. Zweifelsohne überführte dieser Kulturkampf berechtigt Täter. Er forderte aber auch unnötige Opfer.
Chevy Chase mag eines davon gewesen sein. In manchen Fällen mag es sich bei seinen „Skandalen“ tatsächlich um (humoristische) Missverständnisse gehandelt haben. In anderen Fällen war er wohl tatsächlich einfach ein A*sch. Nicht immer ist diese Grenze eindeutig zu bestimmen, wie auch „I’m Chevy Chase and You’re not“ klar macht: Als Regisseurin Zenovich Chase (on air) erklärte, warum sie diesen Film drehen wolle („I’m just trying to figure you out“) antwortete Chase „It’s not going to be easy for you. You’re not bright enough.“
„I’m Chevy Chase and You’re Not“ – Die Dokumentation feierte am 1. Januar Premiere auf CNN. Sendetermin bei uns gibt es bisher noch keinen.
Interview zur Doku in der New York Times
„Community“: Kritik zu Staffel 1
Titelbild: CNN / public domain
