Nachdem das 2013 erschienene Gangster-Crimedrama „New World“ Regisseur und Drehbuchautor Park Hoon-jung zu internationalem Ruhm verhalf, durfte der erneute Ausflug des kreativen Kopfes in die Härte und brutale Unberechenbarkeit der mafiösen Strukturen Südkoreas mit „Night in Paradise“ bereits 2020 während der internationalen Filmfestspiele Venedigs Premiere feiern. Während „New World“ eine dialoggetriebene Geschichte um Verrat und Korruption spinnt, ist der neue Gangster-Streifen des Koreaners eine Art Film Noir, den der Fatalismus jeder noch so unscheinbar wirkenden Handlung fest im Griff zu haben scheint und das Schicksal die Figuren unausweichlich in die Arme einer Bild gewordenen Ironie treibt, wo kaum erahnbare Brutalität unter der Sonne eines kleinen Paradieses ihre Wurzeln schlägt.

von Madeleine Eger

Denn Tae-gu (Um Tae-goo) flüchtet nach einem Racheakt an einem hochrangigen befeindeten Clanmitglied kurzzeitig auf die Insel Jeju, um dort, vor dem Übersetzen nach Russland und dem endgültigen Untertauchen, noch seinen persönlichen Schicksalsschlag zu verarbeiten, der eigentliche Grund für den Vergeltungsschlag, der ihn nun auf die Liste der Menschen brachte, die der Clan am liebsten tot sehen würde. Auf der Insel kommt er zunächst bei einem ehemaligen Auftragskiller (nun Waffendealer) und seiner Nichte Jae-yeon (Jeon Yeo-been) unter. Schon sehr bald bemerkt Tae-gu jedoch, dass er nicht der einzige ist, der eine Vorliebe für Mulhoe (eine kalte, gut gewürzte Suppe mit rohem Fisch) hegt und jeden Tag aufs Neue von inneren Dämonen und seiner Gefahren behafteten Vergangenheit heimgesucht wird.

Wie auch schon in „New World“ und „The Witch: Subversion“ paart Regisseur Hoon-jung auf mehreren Wegen Gewalt mit Poesie, Choas mit Eleganz und Terror mit einem bitteren Verbundenheitsgefühl. Denn auch „Night in Paradise“ lässt schon in den ersten Minuten eindrückliche Szenen über den Bildschirm gleiten, die in ihrer farblichen Ausgestaltung zuweilen auch an Nicolas Winding Refns „Drive“ oder „Neon Demon“ erinnern, wenngleich sich das Spektrum der hier benutzten Farben auf bedrohlich verwaschenes gelb und wenig einladendes, kaltes blau konzentriert. Beides geht Hand in Hand mit der konstanten Bedrohung durch die Clans und ihrer unnachgiebigen Bosse, die oft auch völlig unsichtbar das Gezeigte in ihrem festen, eisernen und fordernden Griff halten.

Zusätzlich greift Kameramann Young-ho Kim, der bereits auch in „The Witch“ sein gutes Gespür für fließende und auffällig elegante Kamerabewegungen unter Beweis stellte, die immer wieder eskalierenden Gewaltausbrüche mit spannenden Blickwinkeln auf und sorgt mit plötzlichen Bewegungen für Tempo, die die schnell und präzise choreographierten Szenen in ihrer Härte unterstützen. Ein Saunabesuch, der mehr blut- als schweißgebadet endet, oder eine durchaus beeindruckende Verfolgungsjagd mit anschließendem nicht weniger grausamem Ausgang sind da nur zwei kleine filmische Köstlichkeiten, die der Regisseur für sein Publikum bereit hält.

Night in Paradise

Dabei mischt sich allerdings immer wieder melancholische Einsamkeit und friedliche Idylle in die Erzählung, die in der Hinsicht zwar kaum kontrastreicher sein könnte und die Illusion eines Paradieses füttert, jedoch zugleich ein gehöriges Ungleichgewicht innerhalb des Films entstehen lässt, das den Subplot um aufkeimende Zuneigung zweier vom Verlust gebeutelter Menschen wenig glaubhaft macht und der mitunter deplatziert wirkt, sodass auch das gefühlt zu theatralisch aufgeblasene Finale einen faden, ja fast enttäuschenden Beigeschmack erhält.

Wo also die technische Ausgestaltung des mafiösen Dramas kaum Angriffspunkte zur Kritik bieten, zeigen sich über die deutlich zu lang geratene Laufzeit von über zwei Stunden immer wieder erzählerische Defizite, die die Freude und auch das Interesse an „Night in Paradise“ zusehends schwächen. Spätestens nach einer Stunde findet man sich im Begriff, der Geschichte kaum mehr folgen zu wollen, denn innerhalb des dargestellten Mafiosikosmos wird ziemlich schnell klar, dass am Ende wirklich jeder jedem an den Kragen will und Verrat sowie hinterlistige Täuschung an der Tagesordnung stehen. Um also auch die Sehnsucht des Protagonisten nach einer möglicherweise friedlicheren Umgestaltung seines bisherigen Lebens nachempfinden zu können, bleibt der Regisseur in seiner Charakterausarbeitung zu undeutlich und nutzt seine versinnbildlichte Allegorie von Gemütszustand und Wetterlagen vielleicht eine Spur zu aufdringlich und voreilig. Denn klar wird, am Ende ist Blut immer noch dicker als Wasser und selbst der stärkste Regen vermag es nicht, Fehler wegzuwaschen, die sich eben für das geneigte Publikum unabdingbar manifestieren und das Seherlebnis trüben.

Fazit:

Visuell eindrucksvoll, verliert sich „Night in Paradise“ in einer unausgewogenen Balance von bluttriefender, expliziter Gewaltdarstellung und melancholischer Sehnsucht nach Frieden. Die erzählerischen Schwächen wiegen am Ende leider schwer, sodass Freunde des koreanischen Films zwar gern einen Blick riskieren können, einem sonst allerdings nur ein ziemlich unterkühlter Film serviert wird, der kaum bleibenden Eindruck hinterlässt und droht, in den unbekannten Tiefen des Streaminganbieters Netflix zu verschwinden.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

„Night in Paradise“ ist seit 9.4. auf Netflix zu sehen.

Bilder: (c) Netflix