Erst kamen die Simpsons, dann folgte South Park – und Family Guy setzte noch eins drauf: „Animationsserien für Erwachsene“ könnte man das Genre nennen, das sich seit Jahrzehnten auf satirische bis respektlose Art über den US-amerikanischen Alltag lustig macht. Während die Qualität der Simpsons über die Jahre stetig sank, konnte Family Guy sein Niveau größtenteils halten – und trotzdem kennt man die Figuren und deren Eigenheiten nach 20 oder 30 Staffel schon zur Genüge.

von Christian Klosz

Wer trotzdem Lust auf anarchistische, politisch unkorrekte Comedy hat und auf der Suche nach Neuem ist, könnte bei „Paradise PD“ (PD für „police department“) fündig werden. Das Netflix-Original der „Brickleberry“-Macher Waco O’Guin und Roger Black fristet seit 2018 ein ungerechtfertigtes Schattendasein beim Streamingriesen, vor wenigen Tagen ging dort „Teil 3“ (also Staffel 3) online. Diese Kritik beschäftigt sich mit den ersten 10 Folgen von „Teil 1“.

Die Figuren nehmen teils deutliche Anleihen an Vorbildern wie Family Guy, das Level der Absurdität wird aber noch etwas gesteigert: „Paradise PD“ spielt im fiktiven US-Kaff Paradise, das Handlungszentrum ist die örtliche Polizeistation, die von Chief Randall Crawford befehligt wird. Dessen „Eigenheit“: Nach einem „Unfall“ mit der Dienstwaffe schoss ihm sein damals noch minderjähriger Sohn Kevin die Hoden weg, wodurch er nun ständig Testosteron-Pflaster tragen muss, will er verhindern, dass ihm Brüste wachsen oder sein mächtiger Schnauzer abfällt. Sohn Kevin möchte – nun erwachsen – auch ein Cop werden und wird im Laufe der ersten Folgen von seiner Mutter, die Bürgermeisterin von Paradise ist, auf der Polizeiwache engagiert – sie will ihrem Ex-Mann Randall eins auswischen.

Auf der Wache geht es überhaupt lustig zu: Neben Randall und Kevin Crawford arbeiten dort der Afroamerikaner Gerald Fitzgerald, der seine PTSD mit Piccolo-Flöte-Spielen in den Griff zu bekommen versucht, der uralte, senile und bisexuelle Stanley Hopson, der meist durch irgendwelche ekelhaften sexuellen Eskapaden auffällt oder die attraktive Gina Jabowski (im Original übrigens gesprochen von „Scrubs“-Star Sarah Chalke), wegen ihrer wiederholten sexuellen Übergriffe auf den schwer übergewichtigen Kollegen Dusty Marlow als „sex offender“ verurteilt. Dieses völlig unkompetente Team wird komplettiert vom (sprechenden) Polizeihund Bullet, der an sich für die Drogen-Asservatenkammer zuständig ist, deren Inhalt aber am liebsten konsumiert und so dauerdicht ist: Er ist eine eindeutige Adaption von „Family Guy“-Hund Brian.

Durch die Beschreibung der Charaktere sollte bereits klar sein: Sensibilität oder politische Korrektheit hat keinen Platz in „Paradise PD“, neue und alte Tabus werden gebrochen und jeder kriegt sein Fett ab. Der in höchstem Ausmaß respektlose und teils auch pubertäre Humor wirkt befreiend und macht Spaß, die Autoren haben keine Achtung vor nichts und niemandem. Gerade die ersten 6, 7 Folgen offenbaren ein durchwegs hohes Niveau, großen Unterhaltungswert und die Figuren wachsen einem – trotz oder gerade wegen ihrer schrägen Eigenarten – schnell ans Herz.

Die Autoren versuchen, die Episoden durch eine Metahandlung (die Suche nach einem mächtigen, unbekannten Meth-Dealer) zu verknüpfen, was bis etwa zur Hälfte der Staffel gut gelingt. Danach hat man aber den Eindruck, das selbstgestrickte Korsett engt die dramaturgische Entfaltung eher ein und die Auflösung in den letzten 2 Folgen wirkt eher unnatürlich, so als wären die Autoren nun von ihren eigenen Vorgaben genervt. Dadurch wirkt alles auf den letzten Metern etwas holprig, inkonsequent und unstimmig, das ist alles andere als ideal, da die letzte(n) Folge(n) bekanntlich die wichtigste(n) ist (sind), soll(en) sie doch das Interesse der Zuschauer für die kommende Staffel wecken.

Fazit:

Obszön, schmutzig, in höchstem Ausmaß politisch inkorrekt: Das ist „Paradise PD“, eine Netflix-Original-Animationsserie, die Anleihen an „South Park“ und „Family Guy“ nimmt, den absurden Wahnsinn auf die Spitze treibt und sich mit allem und jedem anlegt. Die schrägen Charaktere unterhalten, das Setting ist gut gewählt, nur die Meta-Handlung (die Suche nach einem Meth-Dealer-Boss) schränkt die Kreativität der Autoren gegen Ende der 10 Episoden umfassenden ersten Staffel (genannt „Teil 1“) sichtbar ein. Dennoch: Wer die genannten Vorbilder mag, wird auch Gefallen an „Paradise PD“ finden.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(72/100)

Teil 2:

Bewertung: 7 von 10.

(67/100)

Teil 3:

Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

Info: Alle 3 Teile (Staffeln) von „Paradise PD“ sind derzeit auf Netflix verfügbar. Teil 3 erschien erst am 12.3.

Bilder: (c) Netflix