Wirtschaftlich betrachtet beschreibt das sogenannte Extremumprinzip die Relation zwischen Aufwand und Ertrag. Mit möglichst wenig Einsatz soll möglichst viel Gewinn generiert werden. Dass das bisweilen nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Und doch beschreibt es, zumindest überspitzt, die Devise von „Das letzte Land“, den Regisseur Marcel Barion liebevoll als „No Budget Produktion“ bezeichnet, die über viele Jahre hinweg mittels Crowdfunding und viel Arbeit das Licht der Welt erblickte und nun schon auf zahlreichen Festivals dem großen Publikum dargeboten wurde.

von Cliff Brockerhoff

Es hätte wahrlich Genres gegeben, die leichter zu bespielen sind. Gerade bei der Science-Fiction gibt es bereits zahlreiche Meisterwerke, und insbesondere in der jüngeren Vergangenheit fanden sich beispielsweise mit „Arrival“ oder „Ad Astra“, um nur zwei davon zu benennen, auch immer wieder fantastische Beiträge ebenjener Gattung. Rein formell erinnert „Das letzte Land“ dabei mehr an letzteren und widmet sich tendenziell eher der Suche nach sich selbst als der Erforschung von außerirdischem Leben. Im Mittelpunkt stehen dabei Adem und Novak, die durch einen Zufall das gleiche Raumschiff entdecken und ihrem Heimatplaneten entfliehen wollen.

Doch „wo können wir hin?“ – eine Leitfrage, die früh aufgeworfen wird und die Thematik präzise zusammenfasst. Der deutsche Independent Film beschäftigt sich nicht mit andersartigen Lebensformen, wild bewachsenen Planeten oder dem technologischen Fortschritt; Komponenten, die viele Science-Fiction Filme sich zu Eigen machen, um ihre Story darauf aufzubauen. Nein, „Das letzte Land“ widmet sich seinen Protagonisten, ihrem Seelenleben, der Angst vor dem Unbekannten und dem Wunsch eine Heimat zu finden. Doch wie das Leben nun einmal so spielt, interpretieren beide die Reise auf ihre Weise, verfolgen ganz subjektive Ziele und müssen im Fortlauf feststellen, dass diese schwer miteinander vereinbar sind.

Eingefangen wird dieses Szenario in beklemmenden Bildern von rauem Charme. Es gibt nur wenig weit aufgezogene Einstellungen, meistens verbleibt die Kamera nah an den Protagonisten, lässt uns jede einzelne Schweißperle und jede Stirnfalte miterleben. Die intime Atmosphäre entfaltet kammerspielartige Auswüchse, es fühlt sich zeitweise an als würde man selbst zur Crew gehören und das Abenteuer hautnah miterleben. Dass hier größtenteils auf Computereffekte verzichtet wurde und sämtliche Szene lediglich mit Modellen und handgefertigten Kulissen entstanden, fällt zu keiner Zeit negativ auf oder gar ins Gewicht. Alles hat gibt Ecken und Kanten, eben seinen ganz eigenen Flaire. Das fehlende Budget wurde durch ein Höchstmaß an Kreativität kompensiert, sodass der Film eben nicht wie ein überambitioniertes Hobbyprojekt wirkt, sondern durchaus als ernstzunehmende Produktion wahrgenommen wird.

Aber kann Deutschland wirklich Science-Fiction? Jein. Auch wenn die Story interessante Fragen und Themen anschneidet und einen interessanten Weg findet sich dem Zuschauer offenzulegen, fehlt es doch etwas an Durchschlagskraft. Gerade über die fast zweistündige Laufzeit hinweg gibt es phasenweise Längen, die die Zuschauerschaft überwinden muss. Nicht, dass ein Film permanent auf den Antrieb drücken müsste, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu rechtfertigen, aber einige Szenen fühlen sich nach Füllmaterial an, das es gar nicht gebraucht hätte um die Erzählung zu einem großen Ganzen zu verknüpfen. Das funktioniert nämlich über weite Strecken allein durch gut geschriebene Dialoge und das intensive Zusammenspiel von Torben Föllmer und Milan Pesl, deren Beweggründe, so unterschiedlich sie auch sein mögen, emotional greifbar und zu jeder Zeit empfindbar sind.

Fazit

Two men, one spaceship – „Das letzte Land“ ist der lebende Beweis dafür, dass es eben nicht immer die hochglanzpolierten Bilder braucht um eine packende Geschichte zu erzählen. Auch wenn der Film hinsichtlich seiner inhaltlichen Tiefe etwas zu lang geraten ist, atmet er den Enthusiasmus und das Herzblut seiner Macher durch jede Pore und katapultiert sich zu einer kleinen Überraschung am noch viel zu unerforschten Sciene-Fiction Himmel der deutschen Film-Galaxie.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(60/100)

„Das letzte Land“ ist einer von 9 Filmen, die ihr in der Zeit vom 19. bis zum 22. April im Rahmen des SHIVERS Film Festival sehen könnt. Alle Infos, Filme und Tickets bekommt ihr hier.