Es ist wahrlich nicht der Regelfall, dass Regisseure innerhalb eines Jahres gleich zwei Filme auf die große Leinwand bringen. Ridley Scott, der gerade erst seinen vierundachtzigsten Geburtstag zelebrieren konnte, hat nach „The Last Duel“ nun aber im Jahr 2021 tatsächlich schon sein zweites Werk in die Startlöcher manövriert, tauscht die Ritterrüstung und Männerschweiß jedoch dieses Mal gegen den ganz feinen Zwirn und wohlparfümierte Damen und Herren.

von Cliff Brockerhoff

In „House of Gucci“ wird die Geschichte rund um Patrizia Reggiani aufgearbeitet, die 1978 in Mailand auf einer Party den gutaussehenden und ungeahnt wohlhabenden Maurizio Gucci kennenlernt. „Über Geld redet man nicht“, so sagt der Volksmund. Doch Patrizia macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass der Name „Gucci“ in ihr ein Verlangen auslöst. So stellt sie Maurizio nach, bis er sich in sie verliebt. Doch „Geld verändert die Menschen“, und so wird die einstige Verliebtheit schnell von der Machtgier abgelöst, und Seniora Gucci, von Ruhm und Reichtum beseelt, geht über Leichen um ihre Begierde zu stillen.

Was nun vorrangig nach der hochglanzpolierten Aufarbeitung einer True-Crime-Story klingt, erweist sich schnell als zunächst sehr leichtfüßige Reise zurück in das Italien der 1980er Jahre. Sowohl Maurizio als auch seine Angetraute werden uns als sympathische Charaktere vorgestellt, wobei gerade er die Herzen der Zuschauerschaft gewinnt. Losgelöst von den Fesseln seines Namens strebt er nach Unabhängigkeit, will sich nicht in sein vorbestimmtes Schicksal fügen, sondern viel lieber auf eigenen Beinen stehen. Er scheut weder aufrichtige Arbeit noch klare Worte und bricht letztlich mit seiner Familie. Zum Unbehagen von Patrizia, die sich schnell in die Familie einheiratet und darin die einmalige Möglichkeit sieht ihrem eigenen, mittelständischen Leben zu entkommen. Anfangs sorgt der Interessenkonflikt für wenig Trubel, was Patrizias Geschick geschuldet ist, die nach außen die treusorgende Ehefrau spielt, im Hintergrund aber Zwietracht in die Gehörgänge ihres Gatten pflanzt und die Fäden an sich reißt.

Mit Adam Driver und Lady Gaga hat Scott zwei ungemein talentierte Akteure für seinen Cast gewinnen können, die mühelos jede von ihnen geforderte Emotion zum Ausdruck bringen können. Lady Gaga wirkt mit ihren toupierten Haaren, den üppigen Rundungen und der typisch südländischen Attitüde wie eine leicht überzeichnete und doch adäquat agierende Reinkarnation der 80er, ihr gegenübergestellter Kontrapart dagegen hat Mühe dem schauspielerischen Engagement seiner Film-Gattin Herr zu werden. Nicht, dass Driver in irgendeiner Art lustlos wirken würde, aber sein Spiel erweckt des Öfteren den Anschein leicht affektiert anzumuten. Möglicherweise eine bewusste Entscheidung, um nochmals zu betonen, wie sehr es ihm eigentlich widerstrebt sich im wohlbehüteten Schoße seiner namhaften Familie einzufinden, aber als auch er hinten heraus eine Wandlung durchlebt, ist diese nur noch wenig glaubwürdig. Flankiert von anderen Hollywoodgrößen und einem bis zur Unkenntlichkeit maskierten Jared Leto sind es zweifelsfrei Driver und Gaga, die den Film tragen – schließlich ist ihre Geschichte der Aufhänger.

Der Filmtitel ist dabei leicht irreführend, denn um Mode geht es lediglich am Rande. Zwar schweift die Handlung immer mal wieder kurzzeitig ab, schmeißt uns mitten auf den Laufsteg oder in die Arme anderer bekannter Modeschöpfer, der Fokus liegt aber eindeutig auf der zwischenmenschlichen Ebene. Diese erzählt viele kleine Geschichten, von Ruhm und Macht, von Hoffnung und Gier und insbesondere davon, wie Menschen sich angesichts all dessen verändern. Leider findet Scott nur selten den richtigen Ton, um diese Problemstellungen mit seiner Inszenierung zu vereinbaren. Oftmals treffen mit der narrativen Dramaturgie und dem gleichzeitig süffisanten Stil zwei Elemente aufeinander, die sich gegenseitig herabsetzen. Wenn die Intention war eine Satire über die seelenlose Modewelt auf die Leinwand zu bringen oder diese gar in Gänze zu parodieren, ist dies auf jeden Fall geglückt. Wer allerdings danach strebt einen geerdeten Film zu erblicken, bei dem er mit den Protagonisten mitfühlen und sich an spannungsgeladenen Wendung freuen kann, wird enttäuscht den Saal verlassen. Hierzu fehlt es einfach an emotionaler Eindringlichkeit, die in der Sitcom-ähnlichen Erzählweise gnadenlos untergeht.

Fazit

Ridley Scott wirft in „House of Gucci“ einen sehr intimen, als auch ausufernden Blick hinter die Kulissen der mittlerweile weltbekannten sizilianischen Dynastie, ergeht sich aber in seiner sterilen Bildästhetik und schafft es während der überladenden Laufzeit nur selten die emotionale Tragweite wirklich greifbar zu machen. Oder es gab schlichtweg keine, zutrauen würde man es Seniora Gucci. Ab sofort im Kino!

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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Bilder: (c) Universal Pictures