Von der Poesie kann Dichter Didar (Yerdos Kanayev) nicht leben. Schreiben muss er frühmorgens, bevor er zu seinem Brotjob als Zeitungsredakteur aufbricht. Die Krisenstimmung in seinem Leben ist aber nicht nur wirtschaftlicher Natur. In der Redaktion diskutiert man pessimistisch über den Bedeutungsverlust des Kasachischen, aussterbende Sprachen und die weltweite Dominanz des Englischen. Wer interessiert sich da überhaupt noch für Dichtung? Regisseur Omirbayev lässt Didar ein Buch über den kasachischen Dichter Makhambet Otemisuly lesen, was ihm erlaubt, beide Figuren filmisch zu verknüpfen und uns zeitweilig aus dem Almaty der Gegenwart in das frühe 19. Jahrhundert und in die kasachische Steppe zu führen. Über all dem schwebt die Frage, welche Rolle der „Dichter“/“Poet“ in einer Gesellschaft einnehmen soll und kann, in der kasachischen und jeder anderen, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

von Christian Klosz

Der kasachische Filmemacher Darezhan Omirbayev legt mit „Poet“ ein nachdenkliches, ruhiges und melancholisches Werk vor, das subtil immersive Bilder mit einer meditativen Reflexion über das Dichter-Dasein verknüpft. Seine Hauptfigur Didar ist ein stiller, nahezu unscheinbarer Mann, der von seiner Liebe zur Poesie beseelt durchs Leben schreitet, ein Leben, das ihm und dieser Liebe keinen Raum zu geben scheint. Seine Lesetour durch kleinere und größere Städte ist ein Misserfolg, kaum Publikum. Dann aber doch wieder berührendes Feedback und Interesse an seiner Poesie: Ein junges Mädchen, das als einzige zur Lesung auftaucht und dann in einer emotionalen Ansprache ihre Liebe für Didars Bücher ausdrückt, die ihr Trost und Hoffnung in ihrem Alltag spenden.

Dazwischen begibt sich Didar auf den einen oder anderen Trip durch das „normale Leben“ mit all seinen sinnlosen Verlockungen wie Smartphones, Flatscreens und teure Autos, er streunt durch die modernen Konsumwüsten, die auch vor den ehemaligen Sowjetstaaten nicht Halt gemacht haben und spielt eine Weile mit dem Gedanken, die Biografie für einen reichen Mann zu schreiben, der ihn dafür gut entlohnen würde.

„Poet“ erzählt von einem Außenseiterdasein eines Menschen, zugleich Idealtypus des feinfühligen Poeten, der in seiner Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt wird – obwohl ihn dieselbe Gesellschaft dringendst nötig hätte: Eine stille, aber wirkungsvolle Anklage gegen die erfolgsorientierte Konsumgesellschaft, die nur belohnt, was entlohnt wird und in der ideelle Werte wie Kreativität, Eigensinn, künsterlischer Ausdruck, Sprachbegabung und Tiefgründigkeit immer mehr an Bedeutung verlieren.

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Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

Inhalt: Berlinale/red.; Kritik: Christian Klosz

Bild: Courtesy of Kazakhfilm