Jagshemash! Dreizehn Jahre nachdem Sacha Baron Cohen als titelgebende Kultfigur Borat mit dem Release der amerikapersiflierenden Pamela Anderson-Jagd in Mockumentary-Format die Ausstellung von Touristen-Visas für Kasachstan verzehnfacht hat, schlüpft der britische Komiker wieder in das Reporter-Tenue inklusive grauer Anzug und Schnurrbart, um für eine neue Mission ins Yankeeland zurückzukehren. „Borat 2“ ist seit 23.10. auf Amazon Prime zu sehen.

von Lola Funk

Wir kennen die Geschichte: Nachdem Baron Cohen als Borat Sagdiyev in «Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan» im Jahr 2006 die political correctness der Amerikaner herausforderte, zog er Kasachstan in den Dreck. Als Strafe muss Borat lebenslänglich in einem Gulag schuften. Doch dann kommt das Jahr 2020 und dem Reporter wird eine neue Mission zugeteilt: Um die internationale Beziehung zu Amerika zu stärken, will die Regierung den kasachischen Nationalstolz Johnny the Monkey (also einen Affen) an Donald Trump verschenken – und Borat soll diesen überbringen, um sich auch selbst von seiner Schuld reinzuwaschen. Doch die Mission steht von Beginn an unter schlechten Sternen, denn der Affe wird auf der Reise von einem unerwarteten Mitpassagier verspeist – und dieser soll Borats Auftrag im Weiteren auf den Kopf stellen.

Wo Sacha Baron Cohen vor dreizehn Jahren hauptsächlich auf Provokation aus war und den Clash der Kulturen überspitzt darstellte, nimmt der Subsequent Moviefilm eine neue Dimension an. Schließlich kennt so ziemlich jeder Amerikaner die Kultfigur Borat, was dessen Undercover-Mockumentary-Missionen, die den ersten Borat-Film so provokant wie auch genial machten, zu weiten Graden verunmöglicht. So ist der neue Borat-Teil um einiges mehr gescriptet (aber nicht weniger lustig), wobei Borat als nun berühmte Kultfigur in der realen Welt mit Borat als fiktiver Filmfigur vermengt wird, was auch gleich mehr Inhalt generiert. Es ist nicht mehr länger nur das Auskitzeln der Toleranzgrenze von zumeist sehr konservativ gesinnten Amerikanern, durch Borats neuen Sidekick erfährt dieser selbst eine reeducation: Tutar (Newcomerin Maria Bakalova), die ihrem Vater alles aus der Hand frisst und so – wie es sich in Kasachstan als Frau eben gehört – in einem Käfig haust, nur an der Leine spazieren gehen darf und sich einem kompletten Make Over unterzieht, mitsamt geplanten plastic surgeries, um dann präsentabel für ihren neuen Besitzer (= Ehemann) zu sein, wird sie von weltoffenen Amerikanerinnen zu einer selbstbewussten jungen Frau umerzogen, die nicht mehr länger an die Lügen ihres Vaters und somit ihrer eigenen hinterwäldlerischen Nation glaubt – und so auch an Borats Gesinnung bezüglich Frauen(-rechte) handwerkeln kann.  

Doch bis sich diese Sinneswandlung tatsächlich vollzieht, geschieht das, was die wohl pikanteste Szene von Baron Cohens Filmkarriere manifestiert: Weil Tutar ihren Vater trotz seiner überholten Machoideologie über alles liebt («My Daddy ist he smartest person in the whole flat world») und seinen Kopf nach der misslungenen Affen-Aktion retten will, willigt sie ein, sich an den Anwalt und Schoßhund von Trump, Rudy Giuliani (genau, der mit dem gebleachten Gebiss), als Braut zu verkaufen.

Was folgt, ist die Szene, die gerade hitzig im Internet diskutiert wird: Nach dem gefakten Interview mit Tutar, die sich in der Zwischenzeit zur Polit-Journalistin gemausert hat, bereitet sich Giuliani im Hotelzimmer an seinem Hosenladen rumwerkelnd auf eine «sexy time» mit der jungen Frau vor, bevor Borat im pinken Négligé die Szenerie stürmt, um seine Tochter zu retten. Giuliani und die gesamte Trump-Mannschaft befinden sich derzeit in Erklärungsnot, und das kurz vor der Präsidentschaftswahl – Great success, Borat, very nice.

Borat – Man liebt ihn, oder man hasst ihn. Was aber wohl wahr ist: Um die wahren Intentionen, Überzeugungen und Denkweisen von Individuen sowie ganzer Staaten aufzudecken, bedarf es keiner gepflegt-zivilisierter Diskussionsrunden, die alles schön umreden, sondern Personen, die den Subtext nicht nur andeuten, sondern mit einer guten Portion Mut und überspitzt gleich aussprechen. Und dies ist die Aufgabe von Late Night-Showmastern und Komikern. Dass dies Exkursionen in schmerzhafte und zum Fremdschämen einladende Gefilde unter der Gürtellinie bedeutet, hat nicht nur einen riesigen Unterhaltungswert (sofern man sich auf diese Art von Unterhaltung überhaupt einlassen will) sondern zeugt von einer Wahrhaftigkeit, über die Tränen vergossen werden, wobei das eine Auge vor Lachen weint, das andere bittere Tränen vergießt.

Fazit:

So 2020: Der neue Sacha Baron Cohen-Streifen mit dem deutschen Titel „Borat Anschluss Moviefilm“ bespielt beinahe alle Register, die in der zeitgenössischen Gesellschaft im Trend liegen: Feminismus, die Trump-Wahlen und die Corona-Krise – und das in erfrischender Ausführung und mit einem gewieften Twist am Ende, die dem Film zwar nicht an hochkarätigen Elite-Festivals Ruhm und Ehre gewähren werden, dem Heimpublikum aber erquickende und clevere Unterhaltung  bieten: Eine Fortsetzung, die dem Vorgänger in nichts nachsteht – sondern diesen komplettiert. High Five, Borat!

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

Bilder: Amazon Prime