Der Deix-Film ist da! Der österreichische Animationsfilm von Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover erweckt die schillernden Figuren aus den Karikaturen von Manfred Deix zum Leben. Zahlreiche österreichische Prominente leihen hierfür ihre Stimmen, darunter Adele Neuhauser, Erwin Steinhauer, Armin Assinger, Markus Freistätter (als der titelgebender Rotzbub), Katharina Straßer, Maurice Ernst („Bilderbuch“) und viele weitere. Sogar Roland Düringer hat sich die Zeit genommen, zwischen den Corona-Demos ins Tonstudio zu kommen.

von Christoph Brodnjak

Da wo Niederösterreich noch Niederösterreich ist: Eine Raiffeisenbank. Eine Kirche. Ein Supermarkt. Ein Dollfuß-Museum. Der Satz stammt zwar aus der ZIB 2, könnte aber genauso gut einer Karikatur entspringen. In einem solchen Dorf – Siegheilskirchen – im tiefen Niederösterreich der 1960er Jahre, voller saufender Ehemaliger, erlebt der junge Rotzbub sein sexuelles Erwachen. Gleichzeitig fühlt er sich nicht mehr wohl in dieser Welt. Anstatt einmal das Wirtshaus seines Vaters zu übernehmen, will er lieber Künstler werden. Seinen Eltern schmeckt das naturgemäß so gar nicht. Besonders dann nicht, wenn er seine künstlerischen Ambitionen dazu nützt, anregende Zeichnungen von seiner großbusigen Nachbarin am Schulhof zu verkaufen. Auch die Liebe zu dem „Zigeunermädel“ Mariolina steht erwartungsgemäß unter keinem guten Stern.

Ein bisschen Coming of Age, ein bisschen Sozialkritik an der österreichischen Seele der Nachkriegszeit und der Ewiggestrigen von gestern und heute, ein bisschen Fäkalhumor. Was braucht der Mensch mehr? Ein bisserl‘ mehr dürft’s aber leider Gottes schon sein. Vorweg aber noch ein Lob an die Animation in „Rotzbub“, die Figuren wurden sehr detailgetreu und möglichst nahe an ihren zweidimensionalen Vorbildern modelliert. Auch die Sprecher geben ihr Bestes, den Charakteren und der Welt des Films Leben einzuhauchen. Im Vergleich zu Deix‘ Werk wirkt der Film aber, dem Inhalt zum Trotz, etwas zu sauber. Das fällt besonders dann auf, wenn man im Hintergrund auf die gerahmten Bilder aufmerksam wird, bei denen es sich um „echte“ Deix-Portraits handelt.

Was den Inhalt betrifft, wird „Rotzbub“ den klassischen Karikaturen nur eher selten gerecht. Zu sehr verfällt die Handlung in den klassischen drei-Akt-Trott einer Coming of Age-Komödie. Der satirische Biss ist auch recht zahm und die Beobachtungen eher seicht und etwas brachial. Den Brachialcharakter könnte man sicher auch auf Deix ummünzen, ein bisschen mehr war da dann aber doch immer dahinter. Im Hinblick auf die satirischen Elemente der österreichischen Gesellschaft gegenüber: So wurde das teilweise schon sogar in den 1960ern besser und pointierter umgesetzt. Große Empfehlung an dieser Stelle: „Der Himbeerpflücker“ (1965).

In einem Aspekt muss man aber für diesen Film dennoch eine Lanze brechen: Es ist doch erfrischend, einen Animationsfilm zu sehen, der mal nicht ausschließlich für Kinder gedacht ist, und zur Abwechslung auch nicht aus den USA kommt. Noch dazu ausschließlich im österreichischen Dialekt gesprochen, tut sich der „Rotzbub“ vermutlich am Markt nicht allzu leicht. Aus einzelnen Reaktionen in diversen Foren kann man das ja auch schon ablesen. Die teilweise doch recht heftige negative Reaktion wirkt nicht immer gerechtfertigt. Zwar handelt es sich hier keineswegs um ein Meisterwerk, aber auch nicht um einen kompletten Reinfall. Wahrscheinlicher ist, dass den meisten Zuschauern einfach der Bezug fehlt, zu Deix, zum Humor, zum Hintergrund, zur Sprache. Es lässt sich vielleicht eine gewisse deutsche Präpotenz dem Österreichischen gegenüber unterstellen, welche das schrullige Alpenvolk und ihre ulkige Sprache mehr belächeln als ernstnehmen. Wie auch anders, ist doch das Österreichische zahlenmäßig weit unterlegen und im deutschsprachigen Kulturraum keineswegs die Dominanz.

So ist es doch irgendwie beachtenswert, dass ein Film es sich traut, nur auf eine bestimmte, vergleichsweise kleine, Zielgruppe maßzuschneidern. Auch wenn er dabei Gefahr läuft, ein Groß des Absatzmarktes zu vergraulen, der es gewohnt ist, sowieso immer angesprochen zu sein. Und sich dann über den „abstoßenden“ Animationsstil oder die schwer verständliche Sprache echauffiert. Befriedigender wäre es natürlich, wenn die Qualität des fertigen Produkts diesen Anspruch auch noch mehr untermauern würde.

Rotzbub

Fazit

Mit „Rotzbub“ wird dem großen Manfred Deix ein filmisches Denkmal gesetzt. Auch wenn viel Potenzial leider auf der Strecke bleibt, ist der Film nicht ohne seine Qualitäten oder Charme, hat Deix schließlich selbst noch daran mitgewirkt. Nicht immer befriedigend, aber dennoch kurzweilig, kann man sicherlich mehr damit anfangen, wenn man bereits mit den Karikaturen vertraut ist, als andersrum. Falls nicht, kann der Film aber auch nichts dafür. Ab 24.3. im Kino.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

Bilder: © Aichholzer Film