Der Reiz des Verbotenen reizt seit jeher – nicht nur Menschen, sondern auch Filmemacher. Adrian Lyne hat sich und der Eifersucht mit „Eine verhängnisvolle Affäre“ ein filmisches Denkmal gesetzt, das Thema ließ ihn aber nicht mehr los und er be- und verarbeitete dieses menschliche Gefühl und seine Schattenseiten auch in weiteren Werken, zuletzt in „Untreu“ (2002). Seit fast zwanzig Jahren hat der inzwischen 80-jährige keinen Film mehr gedreht, und auch das aktuelle Werk „Tiefe Wasser“ („Deep Water“) war eine schwere Geburt: Vor knapp 10 Jahren schon hätte die Produktion starten sollen, gedauert hat es Jahre länger, der angekündigte Kinostart wurde ohne Angabe von Gründen abgesagt und letzte Woche landete auf Amazon Prime dann eine gekürzte Version (ursprünglich waren 2,5 Stunden vorgesehen) des Films.

von Christian Klosz

Lyne bleibt auch in „Tiefe Wasser“ seinem zentralen Topos treu: Der Untreue. Verkörpert wird sie hier von Ana de Armas als Melina van Allen, der durchtriebenen Gattin des reichen Computerchipunternehmers Vic van Allen (Ben Affleck). Das Ganze basiert auf einem Drehbuch von Zach Helm und Sam Levinson („Malcolm & Marie“) und einem Roman von Patricia Highsmith.

Melinda gibt sich wenig Mühe, ihre erotischen Ausschweifungen mit anderen Männern zu verbergen, als Rechtfertigung gibt sie an, dass ihr Mann eben furchtbar „langweilig“ sei und keine Gefühle habe/zeige. Der scheint die Eskapaden seiner Frau auf den ersten Blick stoisch zu ertragen, immerhin liebt er sie – und die gemeinsame Tochter. Als ihn seine Freunde darauf hinweisen, dass er doch etwas „unternehmen müsse“, um seine Ehe zu retten, greift er zu drastischen Mitteln: Der neuen, hübschen, aber nicht besonders hellen Flamme seiner Gattin droht er den Tod an. Was zuerst wie ein eher geschmackloser Scherz wirkt, wird aber bald blutiger Ernst: Der nächste Verehrer von Melinda findet sich nämlich eines Partyabends tot im Pool, der Verdacht fällt, wie sollte es anders sein, auf Vic.

Adrien Lyne beweist mit „Tiefe Wasser“, dass er das Filmemachen in seiner langen Absenz keineswegs verlernt hat. Vor allem die erste Hälfte ist eine Paradebeispiel für inszenatorische Handwerkskunst, die mit darstellerischem Talent eine bekömmliche Symbiose eingeht und fesselt. Besonder gelungen ist die langsame Exposition der Charaktere, das vorsichtige Anschwellen der Spannungskurve und die wachsende Gewissheit, dass hier irgendetwas nicht „mit rechten Dingen zugeht“: Ebenso wie Melindas Verehrer findet sich die Wahrheit in deep water, als Zuschauer sehen wir sie vorerst nur als verschwommene Spiegelung an der Wasseroberfläche.

Irgendwas aber passiert im Film nach zirka einer Stunde, denn dann muss plötzlich alles zu schnell gehen, die Dramaturgie biegt Richtung konventioneller Thriller ab und aus einem sehr guten wird ein nur noch guter Film: Es mag an eingeforderten Kürzungen und einem neuen Schnitt liegen, da den Produzenten (Amazon?) ein 2.5 Stunden-Werk vielleicht zu lange schien für das dumme, nicht belastbare Publikum. Schade allemal: Denn so ist „Tiefe Wasser“ zwar ein durchaus sehenswerter, spannender Erotik-Thriller geworden, der mit interessanten Figuren aufwarten kann, aber sein großes Potential auf den letzten Metern doch etwas verschenkt.

Fazit:

Tolle Hälfte 1, ordentliche Hälfte 2, überzeugende Hauptdarsteller (Ben Affleck, Ana de Armas) und Adrian Lyne in guter Form: Bemängeln lässt sich an „Tiefe Wasser“ nur der Schnitt, der dem Werk die Luft nimmt, das es zum Atmen bräuchte, sodass ihm auf den letzten Metern ebenjene ausgeht, während der Plot schließlich zum doch recht konventionellen Klimax voranhechelt. Vielleicht gibt es irgendwann einen Director’s Cut?

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

Bilder: (c) Amazon Prime