Das Format ist 4:3, das Bild ist schwarz-weiß, die Auflösung hoch: Pawel Pawlikowskis neuer Film „Vaterland“ spielt inhaltlich und ästhetisch im Jahr 1949 und lässt doch nicht vergessen, dass er für ein Publikum der Gegenwart geschrieben worden ist. Seit 3.9.2026 in unseren Kinos.

Kritik von Richard Potrykus

Erzählt wird eine Reise des Schriftstellers Thomas Mann (Hanns Zischler), der, begleitet von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), nach Deutschland zurückkehrt, um anlässlich des 200. Geburtstages von Goethe Reden über selbigen zu halten. Manns Familie hatte im Zuge des Naziregimes Deutschland verlassen und war in die USA gezogen.

„Vaterland“: Thomas Mann auf der Reise durchs Nachkriegs-Deutschland

„Vaterland“ erzählt von Begebenheiten während des neuerlichen Aufenthalts in der alten Heimat und zeigt auch, dass der große Schriftsteller, der als Speerspitze der deutschen Literatur gilt und sogar einen Literaturnobelpreis vorweisen kann, nicht überall gleichermaßen gerne gesehen ist. Drohbriefe und Anfeindungen finden im Film Erwähnung, ebenso wie die unfassbaren Zustände, die mit der Besatzung und der Teilung in Ost und West einhergehen.

Dabei meint „unfassbar“ weniger den Schrecken über die Zustände, sondern das Fehlen sowohl von Homogenität als auch Heterogenität. Die BRD ist zum Zeitpunkt des Films bereits gegründet worden, die DDR ist noch im Werden. Die Demokratie hat wieder Einzug gehalten, doch eine Entnazifizierung hat nie wirklich stattgefunden. Die einen warten noch auf ihre Prozesse (so sie überhaupt stattfinden wollen), die anderen haben sich nahezu unbeschadet durch sie hindurch lavieren können.

Für das Publikum ist es schwierig, sich in die Situation hineinzufühlen, weil der Film das Unwirkliche jener Zeit porträtiert, welches so krass beiseite geschoben worden war, dass die Fragen der nachfolgenden Generationen unweigerlich in die 1968er-Demos münden mussten. Dabei waren nicht alle blind. Es gab Menschen, die begriffen, was los war. In „Vaterland“ ist dies Klaus Mann (August Diehl), der das treudoofe Nachvorneschauen beim Namen nennt, es aber nicht ertragen kann.

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Was stört das Geschwätz von gestern?

In einer Szene, die einen Empfang zu Manns Ehren zeigt, zeigt Pawlikowski mit einer Portion Galgenhumor ein Aufeinandertreffen des Protagonisten mit den Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang (Enno und Theo Trebs), die kaum fünf Jahre nach Kriegsende die Bayreuther Festspiele wieder ins Leben rufen wollen, die in den Kriegsjahren zum Treffpunkt von Nazi-Größen verkommen war. Bis heute, also 2026, gibt es Kritik an der Familie Wagner, die ihre Verstrickungen mit dem Regime nicht vollends oder zu spät aufgearbeitet haben soll, im Film war der Entnazifizierungsprozess der Mutter von Wieland und Wolfgang noch nicht einmal vollendet. Wohl auch vom Vorhaben angetrieben, ihren berühmten Großvater posthum (der starb bereits 1883) zu „entnazifizieren“, wenden sich die Nachkommen des Komponisten an Thomas Mann, um ihn für das Projekt zu gewinnen.

Vaterland film

Währenddessen trifft Erika auf ihren Ex-Mann, den Schauspieler Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff), der ebenso kleinere Brötchen backen sollte. Zwar ist er nicht so offen führertreu wie allen voran Wieland Wagner, aber er ist auch kein Kind von Traurigkeit. Gründgens pflegt das Motto des „vergangen ist vergangen“ und richtet den Blick ausweichend ausschließlich nach vorne, ähnlich wie der Tisch, an dem Politiker Platz genommen haben, über die sich Erika fragt, was jene wohl vor vier Jahren noch gemacht haben.

Und während sich die Menschen im westlichen Teil Deutschlands frei äußern und ebenso frei bewegen können und der jüngsten Vergangenheit teils offen nachtrauern, während nach wie vor zerstörte Gebäude das jeweilige Stadtbild dominieren, scheinen sich die Prozesse in der östlichen Besatzungszone antithetisch dazu zu verhalten. „Nie wieder Faschismus“ lautet hier die Parole und der Kommunismus ist das Gesellschaftssystem, das eine neue und gute Zeit hervorbringen soll. Dafür ist die freie Rede unerwünscht und mit ihr die individuelle Entfaltung.

Was ist Heimat eigentlich?

Schon kurz nach Beginn von „Vaterland“ stellt Mann die Frage nach der Heimat. Er ist US-Staatsbürger, kommt aus Deutschland, musste das Land verlassen, als der Faschismus übernahm, und gilt nun in Teilen Deutschlands als Vaterlandsverräter, der sich für die „Emigration statt innere Immigration“ entschieden hatte. Wo ist also Heimat?

Noch bevor das erste Filmbild zu sehen ist, werden, wie so oft, die Logos und Einspieler der Produktionsgesellschaften gezeigt. Noch bevor das Publikum Klaus und Erika sieht oder neu gegründete Pionierschöre singen hört, erfährt es, dass der in Deutschland spielende Film „Vaterland“ eine durch und durch europäische Produktion ist. Das Thema, so könnte man meinen, geht alle an, und so kommen die Gelder für das Projekt aus Deutschland, Polen, England, Frankreich und Italien. Doch „Vaterland“ ist kein europäischer Film im Sinne des Heimatbegriffs.

Je länger die Handlung voranschreitet, desto mehr verabschiedet sich der Film von einer dramatischen Erzählweise.
Das Unfassbare gerät in den Vordergrund, die Ereignisse der Reise verkommen zu einer künstlichen Farce, die sich auch in den Wortbeiträgen widerspiegelt, und am Schluss hat der Film weder einen konkreten Anfang, noch ein dezidiertes Ende. Der sowjetische Offizier Tiulpanow (Daniel Wagner) interpretiert Goethes Texte so konkret, als wäre der Dichter selbst Kommunist gewesen, und wenn Mann dann seine wohl formulierten Reden hält, klingen die Worte schön, weil es schöne Worte sind. Sinn haben sie längst keinen mehr und sind zu Hülsen verkommen. Da hilft es auch nicht, dass ihre Urheber Goethe oder Mann heißen.

Leben nach der Stunde Null

In „Vaterland“ gibt es keine Helden und keine Heldenreise. Der Film spielt im Nichts und handelt von nichts. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern meint die Stunde Null, nachdem der Faschismus alles zerstört hatte. Doch mit dem Land und den zahllosen Menschenleben gingen auch Zivilisation und Heimat in die Brüche. Verzweifelt versuchen die Personen im Film, Literatur als kulturstiftendes Element zu nutzen, um ein neues Vaterland zu erschaffen, und nutzen dabei den berühmten Literaten Thomas Mann als Artefakt und Reliquie. Doch Literatur kann nicht leisten, was von ihr verlangt wird, wenn die Menschen nicht bereit sind, selbst tätig zu werden und Worte in Taten umzusetzen.

Pawlikowskis Film erinnert nicht von ungefähr an Peter Lorres Film „Der Verlorene“ aus 1951. Auch hier geht es um das Weitermachen nach der großen Katastrophe, aber es geht auch um die Hoffnungslosigkeit und Ignoranz und das Fehlen eines roten Fadens, an dem sich der Mensch entlangziehen kann. Und während Lorres Film ein echter Nachkriegsfilm ist, der versuchte, die Menschen seiner Zeit dazu zu bewegen, die Augen zu öffnen und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten, ist „Vaterland“ ein Film aus der Gegenwart und betrachtet die Zeit von Damals aus der Entfernung. „Vaterland“ erscheint nun 75 Jahre nach „Der Verlorene“, ist tagesaktuell und stellt doch genau die selben Fragen wie der alte Film.

Fazit

„Vaterland“ reiht sich ein in eine Serie unterschiedlicher Filme, die in den letzten Jahren produziert wurden und auf das eigentlich Vergangene blicken. Der Film wählt die (deutsche) Literatur als Aufhänger und verbindet damit fiktionalisierte Zeitgeschichte und das, was allgemein hin als Kultur verstanden wird. Dass Kultur alleine keinen Staat gründen kann, ist schließlich die Botschaft, die der Film bereithält und das Publikum fragen lässt, wie es angesichts aktueller Wahlen und Staatenlenker eine Zukunft gestalten möchte.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

FilmdatenVaterland
OriginaltitelFatherland
RegiePaweł Pawlikowski
DrehbuchPaweł Pawlikowski, Henk Handloegten
VorlageColm Tóibín, Der Zauberer
DarstellerHanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Anna Madeley, Joachim Meyerhoff, Enno Trebs, Theo Trebs u. a.
GenreDrama, Historienfilm
ProduktionsländerDeutschland, Polen, Frankreich, Italien
Produktionsjahr2026
Laufzeit82 Minuten
KameraŁukasz Żal
SchnittPiotr Wójcik, Paweł Pawlikowski
MusikMarcin Masecki
Kinostart Deutschland, Österreich3. September 2026
Premiere14. Mai 2026, Cannes
AuszeichnungPrix de la Mise en Scène (Beste Regie), Cannes 2026
FilmPlusKritik-Bewertung81/100

Bilder: © Agata Grzybowska / Neue Visionen Filmverleih