Not macht erfinderisch. „Windfall“, der dritte Film von Regisseur Charlie McDowell, ist wie einige der aktuell erscheinenden Kammerspiele mit kleinem Cast und überschaubarem Setting, ein Kind der Pandemie. Zu Beginn des weltweiten Stillstands gedreht, setzt sich der Home-Invasion-Heist-Thriller in Anlehnung an alte Noir-Filme mit drei namenlosen Figuren auseinander, deren Leben trotz grundverschiedener Voraussetzungen mehr Gemeinsamkeiten haben, als sie sich selbst gern eingestehen möchten.

von Madeleine Eger

In seinen bisherigen Werken „The One I love“ und „The Discovery“ versuchte McDowell mit Übersinnlichem und Unerklärlichem Sehnsüchte der menschlichen Seele zu erkunden und erinnert damit auch an Filme des Regie-Duos Benson und Moorhead („Spring“, „Synchronic“). „Windfall“ hingegen ist ein reines Kammerspiel, das zwar auf ein übernatürliches Szenario verzichtet, aber dennoch mit der ein oder anderen Überraschung und einem brodelnden Finale aufwartet.

Ein zerzauster Niemand (Jason Segel) bricht in das Landhaus eines wohlhabenden CEOs (Jesse Plemons) und seiner Ehefrau (Lily Collins) ein. Als das Ehepaar unerwartet in dem Anwesen eintrifft, muss der Einbrecher improvisieren. Er nimmt die beiden als Geiseln und fordert Lösegeld. Eine Situation, die sich zunehmend verschärft, als die Beschaffung des Geldes mehr Zeit benötigt als erhofft und die Drei nun einen weiteren Tag ungewollt miteinander im Haus festsitzen. Es ist ein großes mediterranes Landhaus mit blau glitzerndem Pool, Orangenbaum-Alleen und zudem in vollkommener Einsamkeit. Es könnte an diesem elegant hergerichteten Fleckchen Erde kaum idyllischer sein. Die Musik, die den starren Blick auf das Anwesen begleitet und aus einem Mystery-Thriller vergangener Tage stammen könnte, lässt allerdings schon erahnen: Die friedliche Szenerie ist nur die Ruhe vorm Sturm. Anstatt jedoch die Atmosphäre noch ein wenig aufrecht zu erhalten, lüftet der Regisseur das Geheimnis um den prophezeiten Störfaktor recht schnell. Der zerzauste und etwas plump wirkende Namenlose, der es sich mit einem Glas Orangensaft in der Sonne gemütlich gemacht hat, passt nämlich schon jetzt nicht so recht ins Bild. Und während sich der stämmige Mann dann durch die Wertsachen des Hauses wühlt, gleitet die Musik vom Mystischen ins Spielerische, womit „Windfall“ atmosphärisch fast schon zum Heist-Film mutiert. Nur dass der Einbrecher ganz und gar keinen geübten Eindruck macht, sondern vielmehr planlos und unsicher durch die vier Wände streift. Ein Umstand, der sich umso mehr erhärtet, als das Ehepaar ihr Haus betritt und die darauf folgende Geiselnahme ein sehr seltsam verschobenes Machtgefüge bebildert. Statt Angst, Panik und Beklemmung strahlt die neue Situation eine ernüchternde Niedergeschlagenheit, Arroganz sowie Rat- und Hilflosigkeit aus.

Ob er wirklich schon weiß, was für ein Mensch er sei, fragt der unbeholfene Räuber und Geiselnehmer zurück, als der überhebliche CEO mit Standardphrasen deeskalierend wirken will – Er würde schließlich nicht wie jemand aussehen, der andere verletzten will. Obwohl Jesse Plemons und Jason Segel für sie nicht unbedingt typische Rollen übernommen haben, sind die zwei männlichen Hauptfiguren nicht nur füreinander, sondern auch für uns ein offenes Buch und damit ab der ersten Minute durchschaubar. Plemons, in Gestalt des schmierigen, selbstverliebten IT Boss, der für die Mittelschicht nicht viel übrig hat, für den das Fleiß-Erfolgsprinzip ein ungeschriebenes Gesetz ist und der davon überzeugt ist, mit seiner Entscheidungsgewalt das Leben anderer diktieren zu können, weiß ganz genau, mit welchen Worten er seinen Gegenüber erniedrigen und entmachten kann. Segel hingegen wirkt, obwohl er durch seine größere Statur die Geiseln überragt, nahezu tollpatschig, gutgläubig und überfordert. Sein einziger Vorteil ist seine gute Beobachtungsgabe, mit der er das Paar zunehmend gegeneinander ausspielt und vor allem Lily Collins in den Gewissenskonflikt treibt. Sie ist es auch, die für das Publikum über längere Strecken etwas mysteriöser bleibt, mit der Situation am meisten zu kämpfen hat und sich langsam von alten Fesseln befreit, mit denen sie aufgewachsen ist oder die sie sich im Laufe der Zeit selbst auferlegt hat.

„Windfall“ spielt unentwegt mit einer interessanten Ausgangslage, in der drei Lebenssituationen verknüpft werden und bei denen sich oberflächlich betrachtet vieles um Geld und Wohlstand dreht. Darunter kommt allerdings ein viel komplexeres Charakterbild zu Vorschein, das aufgrund der linearen Erzählung, der zu offensichtlichen Bilder und Hinweisen das Konfliktpotenzial und das Mysterium um die drei Figuren nicht lange aufrechterhalten werden kann. Vieles von dem, was als kleine Enthüllung inszeniert ist, hat man aufgrund der eindeutigen und wenig subtilen Szenengestaltung schon lange im Voraus erwartet. Streitgespräche und Drohungen verlieren an Wirkung und die gesponnenen Lügen sind ebenfalls schnell entlarvt. Wie auch in den vorangegangenen Filmen von McDowell ist es der finale Twist, der im letzten Drittel die Spannung, das Unerwartete und die Stärke liefert. Im Gegensatz zu „The One I love“ und „The Discovery“ verlässt sich „Windfall“ jedoch zu sehr auf diesen finalen Akt und kann sich so nicht an die konsequent spannende und zuweilen philosophisch metaphorische Erzählweise seiner Vorgänger anschließen.

Fazit

Ein Kammerspiel, das neben dem tollen Schauspielensemble mit fantastischer Musik und hochwertigen Bildern punktet, allerdings das Mysterium und die Bedrohung vermissen lässt. „Windfall“ kämpft unter der wenig überraschenden, gradlinigen Erzählung immer wieder mit Langeweile und verlässt sich schlussendlich zu sehr auf den finalen Twist, der Vorangegangenes jedoch nicht völlig retten kann.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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Bilder: ©Netflix