Wer seinen Film mit einem Auszug aus der griechischen Mythologie einleitet, legt die Messlatte automatisch relativ hoch. Vor allem dann, wenn sich das dazugehörige Werk gar nicht vorrangig im Fantasy-Segment, sondern vielmehr in bodenständigen Gefilden einordnet. Fabelwesen inmitten eines deutschen Sozialdramas, noch dazu in einem Regiedebüt – ob das funktionieren kann?

von Cliff Brockerhoff

Misha L. Kreuz, seines Zeichens Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion, startet ambitioniert in die Karriere und erzählt uns von Minthe, einer jungen Frau, die getrieben von nebulöser Vergangenheit und unsicherer Zukunft nach dem Sinn in ihrem Leben sucht. Während sie sich mit perspektivlosen Jobs über Wasser hält, ergibt sich plötzlich die Chance auf ein lukratives Angebot, das Minthe zurück in ihre Heimatstadt führt. Zurück an den Ort, der die Bilder von einst in ihre Albträume gebrannt hat und die Gegenwart immer mehr zum einem ebenjenen werden lässt.

Nach seinem eher kryptischen Einstieg nimmt sich „Im Nachtlicht“ erst einmal zurück und lässt seiner geerdeten Inszenierung Raum zum Atmen. Der klar strukturierten Figureneinführung in einem Konstrukt aus Drama und Krimi folgen allerdings schnell diverse Auffälligkeiten, insbesondere die misogynen Tendenzen der männlichen Protagonisten zeichnen fortan das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen objektifiziert werden, Männer zwischen Machtgier und toxischem Selbstverständnis die Fäden ziehen und das Aufeinandertreffen der Geschlechter immer ein gewisses Gefahrenpotenzial birgt. Mittendrin nimmt uns Diana Maria Frank, übrigens auch eine Debütantin, mit auf ihre Reise, die zeitweise ins Surreale abdriftet und immer mehr preisgibt vom dem Dilemma, in der sich ihre Figur, ihre Geburtsstadt und die dort ansässigen Einwohner befinden. Als dann auch noch unerklärliche Morde die Szenerie ergänzen, gerät das Mysterium zu einem komplexen Gebilde, das es zu enträtseln gilt.

Schauspielerisch kann das Werk dabei durchaus punkten, insbesondere die Protagonistin überzeugt mit guter Leistung, wirkt geistesabwesend wenn sie muss und ebenso fokussiert wenn sie darf. Die ihr zur Seite gestellten Charaktere leiden dagegen unter der intendierten Eindimensionalität. Ob es zwingend einen homophoben Polizeichef gebraucht hätte um den Standpunkt zu verdeutlichen? Nein. Generell schrammt „Im Nachtlicht“ öfter mal knapp am Klischee vorbei. Wenn Minthe nach „Hellheim“ reisen muss und dabei die Buslinie 666 nutzt, verleitet das kurzzeitig zum Schmunzeln, ist vielleicht sogar satirisch bewusst überzeichnet, im Umkehrschluss leider aber auch höllisch plump, da sich die Motive der Geschichte auch ohne all das transportieren. Dass sich das Werk auch darauf versteht Inhalte subtil zu vermitteln, lässt sich an Minthes Traumsequenzen, Erinnerungen und emotionalen Eruptionen ausmachen. In diese Kerbe schlägt das Werk zu selten, vor allem in Anbetracht des mythologischen Einflusses wäre es wünschenswert gewesen, dass „Im Nachtlicht“ vieles auch im Dunkeln verweilen lässt und seine Zuschauerschaft dazu zwingt die Puzzleteile eigenständig zusammenzufügen. Stattdessen wird am Ende beinahe jeder Baustein bis ins Detail erklärt, was, aus rein persönlicher Sicht, ein wenig den Reiz nimmt – einen Großteil der Betrachter aber gleichzeitig auch zufrieden, weil allwissend, zurücklassen wird.

Fazit

„Im Nachtlicht“ ist technisch sauber umgesetztes Erzählkino aus Deutschland, bei dem es viel zu entdecken gibt, das seine Motive allerdings mitunter auch zu plakativ ausspielt. Die ambitionierte Mixtur aus Krimi, Drama und Fantasy will viel, offenbart bei Tageslicht jedoch noch unverkennbare Defizite im Arrangement, was man dem Indie-Debüt aufgrund mutiger Grundidee und zuweilen dichter Atmosphäre aber ebenso gerne verzeiht. Ab dem 7. April im Kino!

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

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Bilder: ©Uhlandfilm