Simon ist Punk Rocker durch und durch. Sein wilder Haarschnitt spuckt einem die Anarchie ins Gesicht und eine normale Arbeit kommt für ihn schon mal gar nicht in Frage. Stattdessen unterzieht er sich lieber ominösen Medikamententests, investiert das verdiente Geld in Drogen um diese abermals gewinnbringend an den Mann zu bringen. Eigentlich ist Simon aber Musiker, jedoch nicht um groß rauszukommen, sondern vielmehr, um ein Statement zu setzen. Umso mehr ärgert es ihn, dass seine Bandkollegen dem Ruhm nacheifern. Doch das ist nicht sein größtes Problem, denn auch die Polizei hat es auf ihn abgesehen.

von Cliff Brockerhoff

Als Simon kurz vor einer Verhaftung steht, meint das Schicksal es dann aber gut mit ihm, denn die junge Patty verpfeift ihn nicht. So entsteht eine anfangs kuriose, dann aber doch sehr feinfühlige Freundschaft. Patty, gerade Anfang 20 scheint das komplette Gegenteil des zündelnden Punks. Aus gut situierten Verhältnissen stammend geht die junge Frau einer regelmäßigen Arbeit nach, lässt Anfeindungen wortlos über sich ergehen und sticht nur bedingt aus der Masse hervor. Doch auch sie trägt den Rock’n’Roll im Herzen, und mit der Zeit ergeben sich noch mehr Verbindungen zwischen den zwei Protagonisten von „Dinner in America“.

Entstanden ist dabei ein Film, der sich nur schwer packen lässt – weder thematisch, noch tonal. Es braucht gute 30 Minuten bis überhaupt ersichtlich wird in welche Richtung das Werk mit uns marschieren möchte. Der Anfang ist dafür viel zu wirr, und doch zu banal. Die rebellische Attitüde steht im Vordergrund, eine echte Geschichte will sich nicht offenbaren. Das zerrt an der Geduld, doch diese muss hier zwingend aufgebracht werden, da der erste Twist plötzlich Faktoren miteinander vermengt, die eine Explosivität generieren, die den Rest der Laufzeit mühelos zu tragen weiß. Regisseur Adam Rehmeier berichtet von jugendlicher Auflehnung, Zusammenhalt, Freundschaft, Liebe, Begeisterung für Musik, Sex und noch so viel mehr. Alles auf sehr eigenwillige Art, nicht zwingend verbalisiert, aber in den Augen seiner Figuren ablesbar. Das ist auf befremdliche Weise süß, nie kitschig und doch auch romantisch – nur eben auch jederzeit frech, vulgär, aber doch nie plakativ.

So verworren das Werk zu Beginn erscheinen mag, so klinisch präzise weiß es dann im Nachgang seine Thematiken zu präsentieren. Das ist coming-of-age in seiner reinsten Form, ohne selbst auferlegte Grenzen und ohne Show, wo keine Show sein muss. Um sich einfühlen zu können braucht es natürlich ein Mindestmaß an Schnittpunkten mit den Interessen der Figuren. Wer bei Rockmusik eher ablehnend als begeistert die Haare schüttelt, wird sich auch an „Dinner in America“ den Kopf stoßen. Wer nie eine rebellische Trotzphase hatte und auf sämtliche Regulierungen geschimpft hat, wird Simon und Patty höchstwahrscheinlich von Grund auf unsympathisch finden und ihre Motivation nicht nachvollziehen können. Wer all das aber auch nur ansatzweise interessant findet, kann sich der Chemie zwischen den beiden schwer entziehen. Kyle Gallner und Emily Skeggs brillieren, und man glaubt ihnen jedes Wort. Bis auf die tendenziell zähe Anfangsphase und die teils irritierende, weil permanente musikalische Untermalung gelingt Rehmeier ein stimmiges, vielschichtiges und vor allem aufrichtiges Stück Film, das den Widerstand aus jeder Pore schwitzt und in gerade einmal knapp 100 Minuten die volle Bandbreite an Emotionen fordert und fördert.

Fazit

Mit ausgestrecktem Mittelfinger bewahrt sich „Dinner in America“ neben seiner auf allen Ebenen ausgelebten, rebellischen Außenseiter-Attitüde ein überraschend hohes Maß an Herzlichkeit und findet zwischen seinen Flüchen genügend Raum für zwischenmenschliche Wärme, sei sie auch noch verschroben. Ein Film wie ein Punk Rock Song – unberechenbar, laut und letztlich deutlich tiefgründiger als man es erwartet hätte. Ab dem 31. März auf BluRay, DVD oder im stylischen Mediabook erhältlich!

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bilder: ©Koch Films

Sex, Drugs und Rock’n’Roll können wir euch zwar nicht bieten, alternativ haben wir aber zwei BluRays von „Dinner in America“ für euch organisiert. Wenn ihr eine davon gewinnen möchtet, sendet einfach eine Mail mit dem Betreff „DINNER“ und eurer vollständigen Adresse an filmpluskritik@web.de. Das Verlosungsmaterial wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt und wird nach Beendigung des Gewinnspiels (7. April 2022, 23:59 Uhr) an euch versendet. Ihr erhaltet eine separate Gewinnbenachrichtigung. Wir wünschen allen Teilnehmern viel Glück!