Noch nicht einmal ein Jahr ist die Erstausstrahlung der von RTL und dem ORF produzierten Sisi-Serie her, der Kinostart des jüngsten Films über die österreichische Kaiserin Elisabeth, „Corsage“, liegt sogar nur zwei Monate zurück. Dennoch wartete Netflix bereits jetzt mit einer eigenen Adaption in Form einer Serie auf. Man wolle mit „Die Kaiserin“ die Geschichte von Sisi einem modernen Publikum näherbringen, meinte Serien-Creator Katharina Eyssen vor dem Netflix-Start. Ist der Plan aufgegangen?

von Lena Wasserburger

„Die Kaiserin“ unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von der letzten Serien-Adaption. Auf den Kitsch und die Naivität der Romy Schneider-Filme verzichtet man also auch hier. Eine weitere Gemeinsamkeit von „Die Kaiserin“ und RTLs „Sisi“ ist, dass die Serie aus sechs Episoden besteht. Die Handlung dreht sich, wie schon oft zuvor, wieder um die jungen Jahre der Kaiserin Elisabeth. Sisi, die allerdings darauf besteht, Elisabeth genannt zu werden, verbringt ihre Tage in ihrer Heimat Possenhofen in Bayern damit, barfuß auszureiten, alle möglichen Verehrer abzuweisen und mit ihrer rebellischen Art ihre Mutter zur Verzweiflung zu treiben. Während ihre ältere Schwester Helene darauf hofft, sich mit dem Kaiser von Österreich, Franz Joseph, zu verloben, sehnt sich Sisi nach der großen Freiheit. Doch als sich der junge Kaiser anstatt in ihre Schwester in sie verliebt und sie sich in ihn, ändert sich schlagartig ihr ganzes Leben. Auf einmal muss sich die freiheitsliebende Sisi sowohl im übertragenen Sinne, als auch wortwörtlich, in das Korsett einer Kaiserin zwängen. Daneben spinnen diverse Charaktere im Schloss ihre Intrigen und finsteren Pläne.

Die Köpfe hinter „Die Kaiserin“ sprachen bereits darüber, mehrere Staffeln produzieren zu wollen. Ein Drehbuch für eine zweite Staffel sei sogar bereits fertig, hieß es. Dass darauf gehofft wird, dass es nicht nur bei den ersten sechs Episoden bleibt, lässt sich einerseits aus dem offenen Ende der letzten Episode, andererseits auch aus dem Erzähltempo ablesen. Denn hier lässt man sich eindeutig eine Menge Zeit. Große Zeitsprünge, die mehrere Jahre überbrücken, gibt es nicht. Die ersten beiden Episoden brauchen darüber hinaus erst einmal ein wenig Zeit, bis sie an Fahrt aufnehmen und Spannung aufgebaut wird.

Recht schnell wird dagegen klar: Auf historische Genauigkeit wird auch hier nur bis zu einem gewissen Grad geachtet. Das muss allerdings kein Nachteil sein. Wenn der Serie unvorhergesehene Wendungen hinzugefügt werden, um die Handlung interessanter zu gestalten, so führt das in einigen Fällen zu erhöhter Dynamik und größerem Unterhaltungsfaktor, auch wenn es sich hierbei um keine realen Gegebenheiten, sondern um Dramatisierung und reine Fiktion handelt. Manchmal wirken die Plot-Twists allerdings doch sehr gezwungen und klischeehaft und manche Handlungsstränge, wie jener des hinterhältigen Bruders des Kaisers, der im Geheimen plant, den Herrscher zu stürzen und sich selbst die Krone aufzusetzen, ein wenig überzogen und gleichzeitig ausgelutscht. Es ist eine sehr künstliche Art und Weise, mehr Spannung zu erzeugen. Aber dennoch: Würde man diese Aspekte der Handlung weglassen, hätte man es bei „Die Kaiserin“ mit einer weitaus langweiligeren Serie zu tun. Während das aufgesetzte Drama also noch verziehen werden kann, stößt der Versuch, die Serie moderner zu gestalten, sauer auf, beispielsweise in punkto Kostümdesign. Der Kostümbildnerin zufolge war es zwar eine bewusste Entscheidung, die Kostüme zeitgemäßer zu gestalten und nicht so sehr darauf zu achten, Charaktere historisch akkurat einzukleiden, doch wenn Sisi in einer Episode dann plötzlich Netzstoff trägt, fällt es doch irgendwie schwer, die Atmosphäre des Wiens des 19.Jahrhunderts glaubhaft zu verkaufen.

Auf visueller Ebene kann „Die Kaiserin“ in einigen Momenten durchaus glänzen, mal mit schönen Einstellungen, manchmal auch mit Farbkompositionen. Im Großen und Ganzen ist die Cinematography der Serie allerdings nichts Besonderes, ja, manchmal wirken die Bilder fast schon ein wenig fade und glanzlos.

Ein wenig Lebendigkeit fehlt ab und zu auch bei den schauspielerischen Leistungen des Casts. Devrim Lingnau ist als Sisi durchaus überzeugend, während Philip Froissant als Kaiser Franz Joseph neben ihr manchmal ein wenig verblasst und erst gegen Ende richtig in seiner Rolle aufgeht. Melika Foroutan spielt eine, im Gegenzug zu den anderen Adaptionen, überraschend sympathische Version von Sisis Schwiegermutter Herzogin Sophie und Johannes Nussbaum wirkt als Erzherzog Maximilian einerseits sehr dynamisch, auf der anderen Seite doch zu sehr wie ein James Bond-Antagonist. Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass die Unglaubwürdigkeit einiger Performances mehr den zuweilen recht uninspirierten Dialogen im Drehbuch und nicht dem Können des Casts zuzuschreiben ist.

Fazit

Letztendlich ist „Die Kaiserin“ bis jetzt nichts, was man nicht schon einmal irgendwo (RTL) gesehen hätte und es wäre wohl besser gewesen, wenn Netflix ein wenig länger als ein Jahr gewartet hätte, um diese Sisi-Adaption zu veröffentlichen, denn so herrscht zumindest im deutschsprachigen Raum ein wahres Überangebot. Sollte es allerdings tatsächlich zu einer zweiten Staffel kommen, gäbe es noch genug Spielraum, um eine wirklich gute, in sich stimmige Serie, zu kreieren, die sich von den bisherigen Adaptionen abhebt und eine eigene Geschichte erzählt. Seit 29.9. auf Netflix.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(71/100)

Bilder: (c) Netflix