Während Netflix im letzten Jahr eher negative Schlagzeilen machte (finanzielle Probleme, Abonnentenschwund, Kritik an Qualität des Outputs, Diskussionen über Preiserhöhungen & Konkurrenz am Streamingmarkt), gelang es in den letzten 1, 2 Monaten, wieder mit Inhalten für Diskussionen zu sorgen: Neue Hype-Serien wie „Die Kaiserin“ und vor allem „Dahmer“ bestimmten nicht wenige Medienberichte und stießen im letzteren Fall Diskussionen darüber an, was man im Kontext von True Crime-Fiktionen zeigen dürfe, was nicht, und wie.

von Christian Klosz

Insbesondere im Horror-Monat Oktober präsentiert Netflix ein äußerst dichtes und auch interessantes Programm, vieles im entsprechenden Genre beheimatet oder ihm verwandt: Von weiteren True Crime-Dokus („Jeffrey Dahmer: Selbstporträt eines Serienmörders“) über eine Handvoll neuer Spielfilme bis hin zu neuen Serien („Gänsehaut um Mitternacht“, „Guillermo tel Toros Cabinet of Curiosities“) ist alles dabei. Auf Platz 1 der Serien-Charts setze sich aber schon vor einer Woche „The Watcher“ fest, eine 7-teilige Miniserie von Ryan Murphy und Ian Brennan. Ersterer zählt zu den umtriebigsten Serien-Auteurs der letzten 10 Jahre, mit der „American Horror Story“-Reihe schuf er einen Klassiker, er kreierte „Ratched“, „Halston“ und auch bei „Dahmer“ hatte er seine Finger als Autor im Spiel. Oft vergessen wird sein erstes Opus magnum, „Nip/Tuck“, das die Dekadenz und Oberflächen-, Bilder- und Körper-Obsession des neu beginnenden Jahrtausends in all seinen verlockenden wie abstoßenden Ambivalenzen porträtiert wie kaum eine andere Serie der Zeit.

Mit „The Watcher“ legt er nun mit seinen Kollaborateur/innen eine auf den ersten Blick straighte Psycho-Horror-Erzählung vor, die auf wahren Begebenheiten beruht: Die vierköpfige Familie Brannock zieht es von New York und weg von der Düsternis der Großstadt in den Vorort Westfield, eine beinahe kitschige Ansammlung alter, schöner Einfamilienhäuser, der Ruhe und Sicherheit verspricht. Das Haus ist teuer, die Familie muss all ihr Erspartes zusammenkratzen, aber für die ersehnte Idylle opfert man eben vieles, gibt die einen Sicherheiten für (erhoffte) andere auf. Während nach dem Einzug noch alle mehr als zufrieden scheinen, tauchen mit der Zeit seltsame Briefe im Postkasten auf, die ein anonymer Absender, der sich „The Watcher“ nennt, an die neuen Bewohner des Hauses richtet. Und die Texte sind das Gegenteil einer herzlichen Begrüßung: Man müsse sich auf so einiges gefasst machen, schreibt der Unbekannte, und vor allem darauf, immer beobachtet und nie allein zu sein. Als sich mysteriöse Vorkommnisse im Haus häufen, verstehen auch die Brannocks, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, doch die Suche nach dem Urheber und einem Ausweg verkommt zur an Irrungen und Wirrungen reichen Odyssee durch Misstrauen, Paranoia, Angst und Panik.

„The Watcher“ kann mit einem herausragenden Cast aufwarten: Bobby Cannavale mimt Familienvater Dean, Naomi Watts Mutter Nora, Jennifer Coolidge (ja, Stifflers Mum) spielt die dubiose Immobilienmaklerin Karen Calhoun, Christopher McDonald den örtlichen Polizeichef. Und Mia Farrow darf einen Gastauftritt als schräge Nachbarin hinlegen. Alle (und auch die weiteren Darsteller/innen) machen einen sehr guten Job und agieren auf gleichem und gleich hohem Niveau.

Inszenatorisch ist auffällig, dass die Regisseur/innen der 7 Episoden (u.a. Murphy selbst, aber etwa auch Jennifer Lynch) oft mit Nahaufnahmen arbeiten, gewisse Sequenzen aus der Froschperspektive „von unten“ gefilmt sind und sich dadurch ein Gefühl der Unmittelbarkeit einstellt. Das geschieht insbesondere in Konfliktsituationen, in denen Charaktere aufeinander treffen, streiten, schreien und man sich als Zuschauer „direkt im Geschehen“ wiederfindet und fühlt.

Erzählerisch offenbart „The Watcher“ einige Ungleichgewichte, die Tempi der Episoden variieren und während einzelne Folgen in erster Linie in der Gegenwart spielen und dadurch auch eine Menge Spannung und Suspense erzeugen, werden andere zu großen Teilen über Rückblenden und via Erzählungen von diversen Charakteren vermittelt, die anderen Figuren (und uns Zuschauern) neue Informationen offenbaren. Diese Sequenzen sind manchmal etwa zu lang und ausführlich geraten und wirken aufgrund des anderen Erzähltempos nicht jederzeit im Gesamtkontext stimmig.

Das Spannende an dieser Miniserie ist in erster Linie die glaubhafte und gelungene Vermittlung von Gefühlen wie Angst, Misstrauen, des Eindrucks wegfallender Gewissheiten und des Verlusts subjektiver (und kollektiver) Sicherheit(en) – allesamt Zustände, die uns in unserer krisengebeutelten Gegenwart mehr als vertraut sind. „The Watcher“ macht das auch mit Absicht, deutet immer wieder an, dass es hier um mehr als das „Konkrete“ und „Dargestellte“ geht und es sich um eine allegorische und metaphorische Geschichte handelt: Paranoia regiert den Alltag einer an sich gefestigten Familie, die sich nach nichts anderes sehnt als Sicherheit und Stabilität – aber das Gegenteil bekommt. Der Feind ist im eigenen Haus, bleibt aber unsichtbar, verbreitet Angst und Terror, ohne sich offen zu zeigen, zerstört, ist für jedermann spürbar, aber nicht greifbar, und kann (scheinbar) nicht besiegt werden. Das sich bei den Brannocks ausbreitende Misstrauen richtet sich gegen alle und jeden, schlägt in Gewalt um, erst im Außen, dann im Innen, Freunde und sogar Familienmitglieder werden zu (temporären) Feinden, da das Leid ein Ende finden muss und die Suche nach dem Schuldigen Voraussetzung dafür ist, abschließen und weitergehen zu können: Das permanente Gefühl eines alles zersetzenden Misstrauens, einer schleichenden Agonie, eines Zusammenbrechens und eines spürbaren und benennbaren Problems, für das sich aber keine Lösung finden lässt. In diesem Sinne kann man „The Watcher“ auch als Verwandten der Paranoia-Thriller New Hollywoods betrachten, die eine damals in den USA vorherrschende Stimmung be- und verarbeitet haben, die in Ansätzen (Misstrauen gegenüber Systemen, Politik, Menschen) mit unserer Zeit vergleichbar ist.

The Watcher Netflix Kritik

In sogenannten „sozialen“ Medien, aber auch von der Kritik wird „The Watcher“ sein Ende vorgeworfen. Das soll hier natürlich nicht verraten werden: Doch angesichts des realen Vorbildes, auf dem die Serie basiert, und des zentralen Motivs „Misstrauen“ ist der Abschluss in dieser Form keineswegs ein Fehler, auch nicht „schlecht gemacht“, sondern vielmehr folgerichtig. Vorwerfen kann man dieser klugen, teils recht spannenden und jedenfalls interessanten Serie eigentlich nur, dass das Potential und das in einzelnen Folgen erkennbare, hohe Niveau nicht über die gesamte Laufzeit und in jedem Handlungsstrang gleichermaßen gehalten werden kann und sich so auch diverse tonale Unstimmigkeiten und dramaturgische Schwächen ergeben, die gerade in den letzten beiden Folgen den Gesamteindruck etwas trüben.

Fazit

Eine kluge, gut gemachte, zeitweise extrem spannende Serie mit doppeltem Boden, der es gelingt, Gefühle wie „Misstrauen“, „Paranoia“ und „Angst“ – als „Sicherheit“ antagonisierende Empfindungen – gekonnt darzustellen und so seinen an sich nicht sonderlich ausgefallenen Plot dazu nutzt, eine Parabel auf unsere Gegenwart zu erzählen, in der Kommunikation zerbricht, in Gewalt ausartet und für unumstößlich gehaltene Sicherheiten wegfallen. Die Lösung, so legt „The Watcher“ nahe, wäre ein bewusstes Vergessen, hinter-sich-Lassen, Abschließen und nach vorne schauen. Aber natürlich gelingt das den gepeinigten Figuren, die ihre erlittenen Traumata fortführen, ebenso wenig, wie uns das in unserer gegenwärtigen Gesellschaft glückt. Seit 13.10. auf Netflix.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Bilder: (c) netflix