Die vergangenen Lockdowns scheinen auch die Filmwelt auf mehr als nur eine Art beeinflusst zu haben, denn immer mehr Regisseure entscheiden sich für ein besonderes Nischengenre: Das Kammerspiel, bei dem sich der Großteil der Handlung an einem einzigen Ort abspielt. Auch Lukas Rinker strebt mit seinem neuesten Werk „Ach du Scheiße!“ ein solches an – allerdings ist das Setting doch ziemlich unkonventionell. Zuschauer können sich ab dem 20.10. in den deutschen Kinos selbst davon überzeugen, ob das Ganze funktioniert.

von Natascha Jurácsik

Jeder, der schon einmal ein öffentliches Dixi-Klo benutzt hat, weiß, dass das vermutlich einer der schrecklichsten Orte ist, die man in unserer modernen Gesellschaft finden kann. Für den Architekten Frank Lamm wird der Besuch auf dem stillen Örtchen allerdings zum regelrechten Albtraum: Ohne so recht zu wissen, wie er in diese Lage gekommen ist, findet er sich in solch einem ekelerregenden blauen Kasten wieder, mit nichts als einem silbernen Koffer und einem langen Metallstab im Arm, der ihm die Bewegungsmöglichkeit nimmt. Panisch versucht er sich aus seiner Situation zu befreien, wobei ihm nach und nach wieder einfällt, was kurz vor seinem „Unfall“ geschehen ist. Schnell merkt er, dass jemandem sehr viel daran liegt, ihn in diesem Dixi sterben zu lassen; in einem schmerzhaften – und unhygienischen – Wettlauf gegen die Zeit gibt Frank sein Bestes, um dies zu verhindern.

Wem die Prämisse vor dem Kinobesuch entgangen sein sollte, dürfte bereits nach den ersten 1,5 Minuten begriffen haben, dass es sich bei diesem Streifen um keine Rosamunde-Pilcher-Romanze handelt: Nachdem Micaela Schäfer das Publikum halb nackt in Stimmung getanzt hat, folgt das eigentliche Opening, das sogar ein wenig an den ersten Teil der „Saw“-Franchise erinnert – nur eben in einem Dixi statt einem Folterkeller. Schnell wird klar, dass von den Zuschauern vor allem eins erwartet wird, nämlich Humor: Wer einen Film mit dem Titel „Ach du Scheiße!“ zu ernst nimmt, wird an den 90 Minuten Spielzeit wohl keine Freude haben. Doch wer sich einfach zurücklehnt und auf eine Low-Budget-Komödie einlässt, darf sich positiv überraschen lassen, denn dieser Geheimtipp aus Deutschland hat mehr zu bieten, als man zunächst annehmen würde.

Vor allem die Kameraführung fällt positiv auf: Rinker lässt sich keineswegs vom begrenzten Set einschränken; im Gegenteil finden sich einige clevere Lösungen und höchst kreative Shots, wodurch man im Laufe der Geschichte sogar teilweise vergisst, dass sich das alles in einem Klo abspielt. Auch die praktischen Effekte sind absolut gelungen und sorgen dafür, dass man bei jedem Bild von Franks Verletzung zusammenzuckt. Anders als die erwähnte Horrorreihe, an die der Anfang erinnert, entschied sich der Regisseur für einen eher klaren, sauberen Look mit satten Farben und viel Licht, wodurch sich der Film trotz viel Blut an die Ästhetik einer Komödie hält und die eher lockere, quirlige Stimmung auch nach jeder dramatischen Wendung und Großaufnahme des durchbohrten Arms bestehen bleibt.

Der ungenierte, aber nicht vollends lächerliche Ton wird auch von den zwei Hauptrollen geschickt gehalten: Thomas Niehaus (Frank) zeigt sein schauspielerisches Können, er verkörpert den gepeinigten Protagonisten auf greifbare Weise, ohne ins Melodramatische zu verfallen. Gedeon Burkhard balanciert als der etwas zu ehrgeizige Politiker aus Bayern namens Horst die Ernsthaftigkeit von Niehaus aus und hatte an seiner Rolle offensichtlich viel Spaß. Dass die Figur allem Anschein nach an Markus Söder angelehnt ist, verleiht der Story eine satirische Ebene, die zwar deutlich, aber nicht zu aufdringlich ist und sich eher im Hintergrund abspielt, wo sie für ein paar gute Witze sorgt. Doch leider befindet sich auch der größte Schwachpunkt von „Ach du Scheiße!“ unter den Charakteren: Der Sprengmeister Bob (Rodney Charles) ist so auffallend als reiner Plot Device bestimmt, dass er in seiner Funktion als extremst eindimensional und unnatürlich hervorsticht; hier hätte das Drehbuch noch etwas aufpoliert werden können.

Ach du Scheiße film

Ansonsten ist das Skript recht gut: Der Plot ist zwar nicht sonderlich originell, doch die Handlung ist solide aufgebaut und lässt zusammen mit der interessanten Optik und amüsanten Idee keine Langeweile zu. Erwähnenswert ist hierbei noch das Sounddesign, denn dieses unterstützt nicht nur die Atmosphäre, sondern auch das Narrativ, da Frank in seinem gefangenen Zustand trotzdem mithören kann, was so ungefähr um ihn herum geschieht – diese Lösung zeigt nicht nur, dass Rinker hervorragend mit dem Kammerspiel-Format umzugehen weiß, sondern bietet auch einige belustigende Momente.

Fazit

Gefangen im Dixi-Klo – aus dieser kurzen Beschreibung lässt sich mehr oder weniger zusammenfassen, was einen in „Ach du Scheiße!“ erwartet. Wer mit gutem, alten Gossenhumor rein gar nichts anfangen kann, sollte sich das Kinoticket eher sparen. Schade wäre das trotzdem, denn so ließe man sich eine der originellsten deutschen Indie-Produktionen der letzten Jahre entgehen, die auf den zweiten Blick durchaus mehr ist als nur eine B-Movie-Komödie. Mit viel Ironie und Kreativität zeigt Lukas Rinker, dass man auch mit kleinem Budget sehr viel aus einer guten Idee herausholen kann.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(67/100)

Bild: (c) Daniel Dornhöfer