Durch Netflix-Dokumentationen wie „Chef’s Table“ gelangte die Welt des Fine Dining auch in die Wohnzimmer von Kulinarik-Fans mit eher überschaubarem Budget. Und auch wenn die Demokratisierung der elitären Distinktion damit voranschreitet, lauert in der Gourmet-Halbwelt immer noch die Gefahr der prätentiösen Beschreibungen, bei denen selbsternannte „Foodies“ über Geschmacksebenen und Mundgefühl schwadronieren. Über ebendiese Dekadenz der Restaurantwelt macht sich Regisseur Mark Mylods neuer Film „The Menu“ lustig. Im Kino kann man sich seit 17.11. davon überzeugen, ob das Ganze schmeckt.

Von Natascha Jurácsik

Margot (Anya Taylor-Joy) nimmt mit ihrem reichen, kulinarikbegeisterten Freund Tyler an einem Fine Dining Abend auf einer abgelegenen Insel teil, zu dem nur eine kleine Gruppe von Gästen mit sehr dicken Geldbörsen eingeladen ist. Während die übrigen Anwesenden von Küchenchef Slowiks (Ralph Fiennes) abstrakter Präsentation zunächst amüsiert sind, merkt die eher bodenständige Margot als einzige, dass mit dem Menü etwas nicht stimmt und kein Geld der Welt garantieren kann, dass sie die Insel und das Hawthorne-Restaurant wieder unbeschadet verlassen.

Ähnlich – aber nicht genauso – wie beim diesjährigen Palme d’Ort Gewinner „Triangle of Sadness“ handelt es sich bei „The Menu“ um eine Satire, die sich die obere Gesellschaftsschicht vornimmt; allerdings fügt Mylod seinem Werk Elemente bei, die es eindeutig zu einem Thriller machen, der dann und wann sogar in das Genre Horror eintaucht. Die kritische Komponente ist nicht subtil, predigt ihre Ansichten allerdings nicht auf überhebliche Art, sondern nutzt die Übertreibung gezielt, um den humoristischen Effekt zu unterstreichen. Somit lenkt die ideologische Ebene nie wirklich den Fokus von der eigentlichen Handlung ab, bildet für diese jedoch einen festen Rahmen. Nicht immer lassen sich bestimmte filmische Schwächen durch beliebige, auf die Emotionen des Publikums setzende Moralaussagen kaschieren, doch das hat „The Menu“ meist auch gar nicht nötig.

Das Drehbuch von Seth Reiss und Will Tracy weist einen soliden Aufbau vor, ist mit interessanten Dialogen reich an subtilem Humor und wird von Mylod visuell gelungen umgesetzt. Die Ästhetik der Fine Dining-Welt wird auf der Leinwand hervorragend wiedergegeben, jeder Gang ist optisch faszinierend, ohne tatsächlich appetitlich zu sein und das kühle Intellektualisieren von Essen macht sich über High Ende-Exzesse lustig, biegt dabei allerdings nicht in Richtung Parodie ab. Die Figuren der reichen Restaurantbesucher sind zwar eindeutig karikative Archetypen, erfüllen ihren Zweck allerdings auf unterhaltsame und nachvollziehbare Weise. Die Charaktere von Taylor-Joy und Fiennes – von beiden Schauspielern hervorragend verkörpert – bieten genügend Abwechslung zu den restlichen Akteuren: Chef Slowiks Exzentrismus kann noch gerade als realistisch empfunden werden und die paradoxe Mischung aus mysteriöser Unvorhersehbarkeit und genuiner Aufrichtigkeit bezüglich seiner Motivation baut die Spannung jedes Mal, wenn Fiennes ins Bild tritt, auf. Demgegenüber steht Margots selbstsichere Schlagfertigkeit, die dem Film einen Hauch Realismus verleiht, ohne welchen die Geschichte den Bezug zum Publikum verlieren würde und die im Kontrast dazu steht, dass sie spürbar nicht ganz in die Welt der Superreichen gehört.

Dank der Interaktion dieser beiden komplexen Figuren funktioniert schließlich auch das Ende, das Gefahr läuft zu pathetisch zu wirken. Ob sich „The Menu“ hier etwas in einer Hollywood-typische Ergriffenheit verläuft oder sich eben über solche Melodramatik lustig macht ist nicht ganz klar; an dieser Stelle hätte die Darstellung der Intention etwas weniger subtil sein können. Auch am narrativen Wendepunkt hapert es ein bisschen, denn die Offenbarung, dass sich die Gäste in realer Gefahr befinden, kommt im Ablauf zu früh und müsste in einen späteren Zeitpunkt des zweiten Aktes verlegt werden, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers durchgehend aufrecht zu erhalten. Dies soll aber nicht heißen, dass der Film zu Langeweile führt – das lassen der satirische Ton und insbesondere Ralph Fiennes nicht zu.

Fazit

Wer sozial-kritische Inhalte – und mögen sie noch so unterschwellig sein – im Kino eher meidet, sollte dies auch bei „The Menu“ tun. Dann verpasst man allerdings einen hervorragenden satirischen Thriller, der nicht nur originell konstruiert, sondern auch optisch einwandfrei umgesetzt ist. Trotz kleinerer Mängel kann man Mark Mylods neuestes Projekt dem interessierten Publikum nur wärmstens empfehlen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

Bild: © 2022 20th Century Studios / Eric Zachanowich / Searchlight Pictures