Der gestrige WM-Anpfiff in Katar fand inmitten einer Mischung aus Ignoranz, Kritik, Heuchelei und Boykott statt, mit der westliche Staaten dem Event begegnen. Während es für viele arabische Länder fraglos ein Highlight ist, die Fußball-WM erstmals „zu Hause“ stattfinden zu sehen, tut sich insbesondere Europa schwer, einen Umgang mit diesem Event zu finden, das vermutlich nie in der Form hätte stattfinden dürfen. Und das liegt nicht nur an der Spielzeit knapp vor Weihnachten, sondern in erster Linie am Ort des Geschehens bzw. den Hintergründen der Vergabe.

von Christian Klosz

Die FIFA muss sich seit Jahren mit Vorwürfen (belegter) Korruption bis in höchste Ebenen herumschlagen, konnte sich aber bisher ohne große Reform aus der Affäre ziehen. Weil sie musste – denn wer sollte die Anliegen des globalen Fußballs sonst vertreten? 2015 implodierte die Amtszeit Sepp Blatters, der fast 2 Jahrzehnte die (Un)Geschickte der Organisation geleitet hatte. Er selbst wurde zwar nicht verurteilt, ist aber als „Mitwisser“ moralisch und politisch diskreditiert. Dennoch behauptet er bis heute, nichts mit korrupten Machenschaften wie Geldgeschenken, Bestechungen und gekauften WM-Vergaben zu tun gehabt zu haben. Die 4-teilige, sehenswerte Netflix-Dokureihe „FIFA Uncovered“ blickt auf die Geschichte einer mehr als zweifelhaften Organisation und deren Auswirkungen auf die Gegenwart.

In der Serie wird behauptet und nachvollziehbar nachgewiesen, dass Bestechung in bestimmten Bereichen der FIFA nicht nur über Jahrzehnte gängige Praxis gewesen war, sondern auch, dass die WM-Vergaben an Südafrika 2010 und Katar 2022 abgekartete Spiele waren, die nur durch Weitergabe dicker Geldumschläge zustande kamen. Der Ausdruck „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“ passt hier wie die Faust aufs Auge, denn zentralen FIFA-Führungspersönlichkeiten wie Jack Warner, der ehemalige CONCACAF-Präsident, und diversen Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees, das über Austragungsorte der WM entscheidet, wurden im Zuge einer FBI-Untersuchung von 2011 bis 2015 korrupte Machenschaften nachgewiesen. Während die meisten der Betroffenen suspendiert oder verurteilt sind, sitzen jene, die bei all dem doch auch irgendwie dabei gewesen waren, immer noch in wichtigen Positionen.

Das Bild, das „FIFA Uncovered“ zeichnet, ist ein düsteres, ja, schockierendes: Die FIFA müsste sich eigentlich neu gründen, um mit all den bekannten (und unbekannten) Missständen glaubwürdig aufräumen zu können. Neben mangelhaften internen Strukturen und einer über Jahrzehnte gewachsenen „Unternehmens(un)kultur“ des „anything goes“ sind es immer wieder dubiose Gestalten, die in absolute Machtpositionen gelangen, denen es nicht um den Fußball geht, sondern nur um Geld und persönliche Bereicherung. Teilweise mag das auch mit den Zuständen in ihren Herkunftsländern zu tun haben (der Umgang mit Korruption etwa in vielen Staaten Afrikas oder der Karibik scheint ein grundsätzlich anderer zu sein, wie ihn wir uns in Europa wünschen), trotzdem muss eine internationale Organisation höhere Standards haben als das schlechteste ihrer Mitglieder. Die UNO erklärt ja auch nicht die Todesstrafe oder Kinderfolter für „OK“, weil das in einigen Mitgliedsstaaten vorkommt.

„FIFA Uncovered“ erzählt die Geschichte der FIFA von der Gründung über die ersten Jahrzehnte, über die Kommerzialisierung unter Präsident Havalange bis hin zum globalen politischen und wirtschaftlichen Player unter Sepp Blatter über informative Interviews mit Journalisten, Insidern, (ehemaligen) FIFA-Mitgliedern – und Sepp Blatter selbst, der sich natürlich uneinsichtig zeigt. Die Serie erklärt wichtige Hintergründe der WM-Vergabe nach Katar, deren Kenntnis eine Einschätzung und Beurteilung leichter machen.

Der Ort der Abhaltung der WM 2022 ist nun das eine Thema, die Frage, wie die Vergabe zustande kam, das andere. Ob man einen internationalen Wettbewerb grundsätzlich in einem sozial und kulturell rückständigen Staat abhalten soll, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt und ein Weltbild präsentiert, das für uns schwer nachvollziehbar ist, muss man diskutieren, ob man das Ereignis nun boykottieren sollte -und wem das hilft – ebenso. Gleichzeitig ist es nicht das erste Mal, dass eine WM in einem Land stattfindet, wo problematische Bedingungen herrschen – die WM 1978 in Argentinien, in Österreich vor allem wegen „Cordoba“ bekannt, fand zu Zeiten einer blutigen Diktatur dort statt.

Fraglos aber war die Vergabe an Katar, wenn man den Informationen in „FIFA Uncovered“ glaubt, ein abgekartetes Spiel, bei dem Millionen ihre Besitzer wechselten: Die Kataris kauften sich die WM, die FIFA ließ das zu. Verantwortlich dafür ist letztendlich die FIFA und geldgierige Funktionäre, die sich nicht um den Sport scheren, sondern nur um volle Taschen. Nachdem die FIFA die WM vergeben hat und mitorganisiert und davon profitiert, wird sie diese natürlich um jeden Preis durchdrücken – immerhin geht es um massig Einnahmen. Die Kataris werden nicht im Traum daran denken, ihre Vorgehensweise zu hinterfragen – immerhin hat man bekommen, was man wollte.

Wie man nun als Fußball-Fan damit umzugehen hat, ist wohl eine individuelle Entscheidung, denn die Teams, die Trainer, die Spieler und teils auch die Fans vor Ort können nichts für die Missstände und haben auch nichts davon, wenn ihr Sport boykottiert wird. Dennoch sind investigative Formate wie „FIFA Uncovered“ essentiell, da sie eine wichtige Aufklärungsfunktion übernehmen, um Fans klar zu machen, wer ihren geliebten Sport vertritt. Leider ist kaum damit zu rechnen, dass die FIFA die Kritik ernst nimmt, sich reformiert oder dass korrupte Praktiken der Vergangenheit angehören, solange dieser Verein nicht beginnt, sich von innen heraus ernsthaft selbst zu hinterfragen. Und da die FIFA in ihrer Funktion alternativlos es und sie das absolute Monopol der Vertretung des Weltfußballs inne hat, wird das auch in nächster Zeit nicht passieren.

Fazit:

„FIFA Uncovered“ ist eine gut gemachte, höchst informative und spannende Doku-Reihe, die jeder Fußball-Fan gesehen haben sollte. Gerade zum Start der Skandal-WM in Katar ist es interessant, die Hintergründe der WM-Vergabe und der FIFA an sich besser zu kennen und zu verstehen. Seit 9.11. auf Netflix. 4 Episoden zu je ca. 1 Stunde.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

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Bilder: (c) Netflix