Dieser Netflix-produzierte Stop-Motion Film von Guillermo del Toro ist zwar schon die dritte Pinocchio – Adaption des heurigen Jahres, doch trottet er wohl kaum altbekannte Bahnen entlang. Oder besser: marschiert. Denn in der Disney – Version trifft Pinocchio definitiv nicht auf Mussolini. Del Toro – und sein Co-Regisseur Mark Fistafson – verfrachtet seine Version nämlich ins faschistische Italien der 1920er Jahre. Als der Tischler Geppetto seinen Sohn im ersten Weltkrieg durch eine verirrte Fliegerbombe verliert, pflanzt er eine Kiefer. Jahre später fällt er sie in einem Anfall betrunkener Rage und beginnt, eine Marionette zu bauen: Pinocchio. Ein mitfühlender Naturgeist erbarmt sich des alten Tischlers und haucht dem Holz neues Leben ein.

von Christoph Brodnjak

Manche der darauffolgenden Geschehnisse sind den meisten wohlbekannt, andere vermutlich wieder nicht. Denn „Guillermo del Toros Pinocchio“ verflechtet geschickt phantastische Elemente mit realen und vor allem realistischen Begebenheiten. Um das Thema des Faschismus wird nicht herumgetänzelt, Männer mit Armbinden strecken den Arm aus und der „Duce“ lässt Fliegerbomben regnen.

Neben der Handlung sind die Puppen und die Animation natürlich der wahre Blickfang. Die Charaktere sind durch die Bank detailreich gestaltet und mit Persönlichkeit aufgeladen. Dazu kommen im englischen Original zahlreiche talentierte Schauspieler, die den Figuren noch einmal mehr Leben einhauchen. Darunter Ewan McGregor als Jimmy Cricket, Ron Perlman, John Turturro, Cate Blanchett, Christoph Waltz, Tim Blake Nelson und Tilda Swinton (als ein Affe der Affengeräusche macht). Neben den Figuren selbst sind auch die Landschaften und Hintergründe im Netflix – „Pinocchio“ meist malerisch anzusehen. Nur vereinzelt wirken einzelne Animationen nicht ganz astrein, besonders wenn traditionelle Stop-Motion Techniken mit computeranimierten Effekten vermengt werden.

Die Vermischung von Phantasie und Historischem ist auf eigene Weise faszinierend. Doch man rätselt zeitweise, wer denn nun die Zielgruppe darstellt. Vom Blickwinkel des „Bildungsauftrages“ steht del Toros „Pinocchio“ vermutlich auf derselben Stufe wie „Maus“ von Art Spiegelman oder Ähnliches. Für Kleinkinder also eher nur bedingt geeignet. Andererseits kommen mehrfach auch andere Tonalitäten auf, die mit dem seriös-pädagogischen Zugang aufeinanderprallen. Gerade durch Jimmy Cricket wird viel Komik und auch Slap-Stick mit ins Spiel gebracht, wenn er beispielsweise zum wiederholten Male von einem Buch oder Hammer geplättet wird. Ansatzweise versucht der Film auch, ein Musical zu sein. Und dann geht es plötzlich wieder um den „Duce“, Faschisten und Totschlag…

Fazit

„Guillermo del Toros Pinocchio“ ist ein faszinierender, schöner, aber auch sehr unebener Film. Rein handwerklich ist er beindruckend, nur die Handlung pendelt des Öfteren zwischen den Emotionen hin und her. Erst wirkt der Film wie eine seriöse Faschismus-Parabel mit Bildungsauftrag, bevor er wieder zum Kinderanimationsfilm wird. Seit 8.12. auf Netflix.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bild: (c) Netflix