Nachdem die ersten veröffentlichen Award-Nominierungen auf eine Mainstream-lastige Saison hindeuten („Avatar 2“, „Top Gun: Maverick“, „Elvis“, Spielberg und Co., nach den seltsamen letzten Jahren durchaus zu begrüßen), klettert mit „Tár“ von Todd Field ein eigenwilliger, anspruchsvoller und unzugänglicher Film in der Gunst der Kritiker und Filmfachleute nach oben. Variety wählte den knapp 160-minütigen Streifen kürzlich zum besten Film des Jahres 2022, die Golden Globes nominierten ihn als einen der 5 besten Dramen.

Worum geht es in „Tár“? Lydia Tár (Cate Blanchett) ist die erste weibliche Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters. Sie wird weltweit gefeiert und ist am Zenit ihrer Karriere angekommen. Mit den Berliner Philharmonikern hat sie fast den kompletten Zyklus von Gustav Mahler aufgeführt, bis auf die 5. Sinfonie. Die steht nach einer Corona-bedingten Verschiebung nun in der nächsten Spielzeit auf dem Programm. Doch während den Proben gerät Társ Welt ins Wanken: Die Ehe mit ihrer ersten Violinistin (Nina Hoss) kriselt und der Selbstmord einer einst von ihr geförderten, dann aber fallen gelassenen Musikerin lässt sie jeglichen E-Mail-Austausch mit dieser löschen. Sie ist mit Anschuldigungen und den Konsequenzen früherer Lebensentscheidungen konfrontiert, die sie unsanft von ihrem hohen (Dirigentinnen)-Podest herunterholen.

„Tár“ wird bezeichnet als komplexes Porträt einer komplexen Persönlichkeit mit Abgründen, die sie einholen; als kritischer Blick auf den klassischen Musikbetrieb; und als Kommentar auf #metoo und „Cancel Culture“. Cate Blanchett wurde bereits mit Preisen überhäuft und gilt als große Favoritin für die kommende Award-Saison. Die Einschätzungen changieren zwischen „metoo-Film“ und „Cancel Culture-Kritik“, in Wahrheit ist „Tár“ vermutlich beides und nichts davon. Der Guardian schrieb dazu: „But Tár is too spiky and elusive to be a morality tale of inevitable comeuppance or, as some have argued, a reactionary castigation of cancel culture. It’s less cultural critique than intricate character study and a rare superior entry into the canon of digital culture films.“ „(…) a person, infinitely complex and opaque and who, unlike the ideologies that can infect or transform or characterize us, is not wholly dismissible. Tár treats this as baseline fact rather than argument. It is not so much giving complexity to an abuser as taking a different tack on abuse of power than an unassailable tale of victimhood (…)“

Als Fan anspruchsvoller Filmkost kann man sich jedenfalls auf Todd Fields ersten Film seit über 15 Jahren freuen. Ab 3.März 2023 soll „Tár“ bei uns ins Kino kommen. (ck)

„Tár is, ultimately, an intellectual, arguably pretentious film; it is far more head than heart (…) That attention to detail, its precise unraveling of its star, seems to argue most for complexity – there’s something messier and discomfiting outside the screen. And, in that space, room for art that does what so much online discourse does not: provoke thought and surprise.“ (Guardian)

Bild: (c) 2022 Focus Features, LLC / Universal Pictures