Seit 29.2.2024 im Kino.
Kritik von Richard Potrykus
Und da haben wir den sprichwörtlichen Salat. 2021 kam mit “Dune Part I” ein Film in die Kinos, der ein offenes Ende hatte, dessen Fortsetzung angeblich vom Erfolg des Films abhing. Kurz darauf wurde die Fortsetzung angekündigt und zudem eine Serie über die Schwesternschaft der Bene Gesserit. Nun flimmert mit “Dune Part II” die herbeigesehnte Fortsetzung über die Leinwände, ist von der Serie nicht viel Neues zu hören und endet auch dieser Film mit einem offenen Ende. Ein dritter (und letzter) Teil wurde noch nicht bestätigt, wird aber auf imdb.com bereits als “In Entwicklung” betitelt.
Inwiefern hier einmal mehr ein Marketing-Gag vorliegt, der die grundlegende Konzeption eines Projekts allein von den Einspielergebnissen abhängig macht, sei einmal dahingestellt. Tatsache ist auf jeden Fall, dass “Dune: Part Two” bildgewaltiger und wesentlich progressiver daherkommt als sein Vorgänger. Der Film setzt direkt nach den Ereignissen aus “Dune” an und umfasst eine Handlung von gerade einmal ein paar Monaten.
Paul Atreides (Timothée Chalamet) und seine schwangere Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) haben sich dem Wüstenvolk der Fremen angeschlossen. Spannungen liegen in der Luft, denn während die einen in Paul den Messias aus der Prophezeiung sehen, betrachten andere die beiden als Eindringlinge und trauen ihnen nicht über den Weg. Um die Zweifler vom Gegenteil zu überzeugen, versucht Paul, sich voll und ganz in die Gemeinschaft zu integrieren. Er erlernt deren Sprache, eignet sich Gebräuche an und beteiligt sich an Sabotageakten gegen die Harkonnen. Doch während Paul aus einer weltlichen Motivation heraus um die Gunst der Fremen buhlt und Rache an den Mördern seines Vaters nehmen möchte, stärkt er durch seine Taten den Verdacht, er könnte tatsächlich der prophezeite Erlöser sein. Zeitgleich manipuliert Jessica Teile der Gemeinschaft, um die Wahrwerdung der Prophezeiung zu unterfüttern.
Wie im ersten Teil von „Dune“ spielen auch hier die Harkonnen wichtige Rollen. Zu den bereits bekannten Figuren des Barons (Stellan Skarsgard) und dessen Sohn Rabban (Dave Bautista) gesellt sich der mordlüsterne Feyd-Rautha (Austin Butler). Außerdem öffnet der Film eine weitere Dimension, über die der galaktische Imperator (Christopher Walken) und dessen Tochter, die Prinzessin Irulan (Florence Pugh), Teil der Handlung werden.
“Dune” bestach vor allem durch eine klare Bildführung und eine ebenso klare politische Agenda. Entscheidungen wurden getroffen, führten zu entsprechenden Konsequenzen und Intrigen und motivierten politischen Machtkämpfe. Der Fokus lag dabei auf Paul und seinem inneren Kampf, nicht so zu werden, wie andere es von ihm erwarten. Dazu kam eine philosophische Betrachtung der Wasserknappheit.
“Dune: Part Two” baut darauf auf und ergänzt den Themenkomplex um einen religiösen Fanatismus. Während Paul alles gibt, um seinem Gewissen treu zu bleiben, wird er nach und nach zu dem, was er fürchtet. Die Umwelt korrumpiert ihn und zeigt so die Unausweichlichkeit der Vorsehung. Damit führt der Film geradewegs in die ultimative Katastrophe. In einem System aus Gier und Allmachtsfantasien dienen diplomatische Mittel allein dem Schüren von Konflikten. Kaum jemand gilt als vertrauenswürdig, Feinde lauern sogar in den eigenen Familien. Religiosität ist überbordend und fortwährend wird daran erinnert, dass der bestehende Konflikt allein deswegen existiert, weil er durch Jahrhunderte egoistischer Machtinteressen kontinuierlich am Brodeln gehalten wird.
Der zweite Teil von „Dune“ könnte also kaum aktueller sein. Cineastisch überwältigend erzählt er von Freiheitskampf, Identität und politischen Machtstrukturen. Die Gewalttaten nehmen zu und man könnte sagen, dass die saubere Kameraführung des ersten Teils dem nicht gerecht würde. Entsprechend präsentiert Kameramann Greg Fraiser eine andere Art von Bildern. Referenzen an Kubricks “2001: A Space Odyssey” (1968) und das ursprüngliche Dune-Design von HR Giger treffen auf die Visualität faschistoider Bilder der 1930er und 1940er Jahre, gespickt mit expressionistischen und surrealen Bildern, die eher Vorgänge statt klare Formstrukturen darstellen.
Gewaltdarstellungen werden dabei reduziert inszeniert. Es gibt viel Action, aber wenig ausladende Kämpfe. Stattdessen setzt der Film auf Körperlichkeit und das Vergängliche. Einzelne Auseinandersetzungen werden komprimiert dargestellt und mit martialischen Elementen konnotiert. Ausladende Choreografien kommen von jetzt auf gleich zum Erliegen.
Im Gegensatz zur “John Wick”-Filmreihe oder Kampfsportfilmen liegt wenig Ästhetik in der Gewalt. Die gesamte Laufzeit über folgt die Erzählung der Devise von Ursache und Wirkung. Noch vor den Einspielern der Produktionsfirmen ist auf der Leinwand der Schriftzug “Macht über Spice ist Macht über alles” zu lesen. Es liegt viel Vorahnung in diesem Satz, der die konsequente klimatische Verdichtung der folgenden Handlung vorwegnimmt.
“Dune: Part Two” ist kein Film, der für sich alleinstehen kann. Im Gegensatz zu “Der Herr der Ringe: Die Zwei Türme” (2002) bietet diese Fortsetzung keine Abenteuer, die Teil eines großen Ganzen, gleichsam aber in sich abgeschlossen sind. Bei Jacksons Tolkien-Verfilmung sind die Figuren am Ende des zweiten Teils der Vernichtung des Rings ein Stück näher gekommen, haben sich besondere Figurenkonstellationen gebildet und wurden erfolgreich Schlachten geschlagen. In Villeneuves Herbert-Interpretation gibt es derlei nicht. Statt einzelne Konflikte zu lösen, wird alles nur komplizierter und gipfelt die Handlung in dem, was durch Fanatismus und Faschismus unausweichlich scheint. Unmittelbar vor dem Abspann bricht ein totaler Krieg aus und es stellt sich die rhetorische Frage, ob ein dritter Teil, der den Titel “Dune Messiah” tragen könnte, wirklich noch verhandelt werden muss.
Fazit
“Dune: Part Two” ist anders als Part One und wird den einen oder anderen Menschen im Publikum eher verschrecken. Dies liegt vor allem an der Machart, die sich an so vielen Stellen von der Visualität des ersten Teils unterscheidet. Er hat Anklänge von Kunstfilm, ist aber trotz seines philosophischen Überbaus nicht im Arthouse daheim, im Gegenteil. Villeneuve liefert auf Hochglanz polierte Big Budget Science-Fiction, aber er bricht auch immer wieder mit den Konventionen und verweigert sich einer Befriedigung der Erwartungen.
Dort, wo der Film endet, endet auch das Buch. So gesehen hat der Drehbuchautor und Regisseur den Vertrag zur Gänze erfüllt, aber Villeneuves Erzählweise erinnert Scheherazade aus den Märchen von tausendundeiner Nacht. Um zu verhindern, dass sie vom König ermordet wird, erzählt die Frau ihm Geschichten und beendet jede einzelne stets mit einem Cliffhanger, der so stark ist, dass der König sie am Leben lässt, um den vermeintlichen Rest der Erzählung zu erfahren. Villeneuve sieht in “Dune” sein persönliches Opus Magnum und folgt seiner ureigenen Vision. In diesem Sinne braucht “Dune: Part Two” kein abgeschlossenes Ende. Der Film muss nicht für sich stehen können.
Wertung
(94/100)
-> Unsere Filmanalyse zu Teil 1 von „Dune“
Bild: (c) 2024 Warner Bros. Entertainment Inc
