“WIR WERDEN ALLE STERBEN!”, so prangt es dominant auf dem Plakat der Dokumentation von Ben Wright, welche ab dem 31.10.2024 im Kino läuft. All caps und mit Rufzeichen. Ein reißerischer Titel, den der Dokumentarfilmer gewählt hat, und doch so wahrheitsgetreu wie kaum ein anderer Satz, denn Fakt ist, dass wir alle werden irgendwann sterben werden.
1789 schrieb Benjamin Franklin in einem Brief an den französischen Wissenschaftler Jean-Baptiste Le Roy, “Our new Constitution is now established, everything seems to promise it will be durable; but, in this world, nothing is certain except death and taxes”. Die US-amerikanische Verfassung war erst ein Jahr zuvor ratifiziert worden und dementsprechend jung. Dass die Verfassung erst vor Kurzem in Kraft getreten ist, bedeutet auch, dass es sie zuvor nicht gegeben hatte. Franklin hofft in seinem Zitat auf die Langlebigkeit des Dokuments und des Systems, das damit einhergeht, kann es aber nicht beschwören. Es gab eine Zeit vor der Verfassung. Wird es auch eine geben, die nach ihr kommt?
“Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde”, so steht es sogar in der Bibel, also jener Schrift, die von sich behauptet, einen Ewigkeitscharakter zu haben, und auch im deutschen Grundgesetz steht von “Die Würde des Menschen ist unantastbar” bis “In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden” ziemlich viel über Themen und Sachverhalte, die immerwährend gültig sind bzw. sein sollen.
Spätestens seit der Corona-Pandemie wissen wir, dass die bestehenden Systeme keine Selbstverständlichkeit darstellen, dass sie fragil sind, und wann immer Menschen mit Veränderungen konfrontiert werden oder auch nur der schieren Möglichkeit einer Veränderung, bekommen sie Angst und versuchen alles, um den Status Quo aufrecht zu erhalten. Veränderungen sind vielfältig. Wir finden sie in kleinsten individuellen Situationen, ebenso wie in gesamtgesellschaftlich relevanten Prozessen. Manche Ängste sind verständlich, andere irrational.
Das Feld der Ängste ist groß und so konzentriert sich Ben Knight in seinem Film vor allem auf zwei Dinge. Das Bewusstsein, sterblich zu sein, und die Klimakrise. Er reist rund um die Welt und trifft verschiedene Typen von Menschen, die ein besonderes Verhältnis zu ihrem eigenen (Über-)Leben haben. Und so ist die Dokumentation keine Abhandlung über biochemische Prozesse, sondern ein Mosaik rund um die Frage, wie groß unsere Chance ist, in der Welt zu sterben, in der wir gerade leben.
Der Film ist unterteilt in Kapitel einerseits und Begegnungen andererseits. Dabei steht jede Begegnung für sich und wird doch von Knight mit anderen Begegnungen kontrapunktiert.
Knight beobachtet, fragt nach, kommentiert. Bewerten tut er nie. Dies überlässt er dem Publikum. In der Dokumentation stellt Knight die Frage nach der Sterblichkeit von allem und versucht, sie mit sich und seinem Filmprojekt in Einklang zu bringen.
Dabei verliert er nie den Ernst der Lage aus dem Blick, was nicht bedeutet, dass er nicht humorvoll mit ihr umgeht oder die Bilder durchaus mit Galgenhumor für sich sprechen lässt. Überleben als Geschäftsmodell. Das Verarbeiten von Verlusten und der eigenen Sterblichkeit als Geschäftsmodell.
Knight nimmt an einem Survival-Camp teil, besucht einen Prepper, der anbietet, dabei zu helfen, sich selbst optimal auf den Ernstfall vorzubereiten, einen nicht näher bezeichneten Zusammenbruch des Systems, der irgendwann -aber unausweichlich- kommen wird.
Da gibt es die Frau, die eine Gesellschaft schaffen möchte, in der jede*r Fähigkeiten einbringen kann. Sie selbst habe Häuser gebaut, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein. In diesen Häusern leben Menschen. Sie baut Lebensmittel an und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrungen bereitwillig weiter. In ihrer Angst vor der Veränderung unterstützt sie das System, verhindert dessen Kollaps, und man kann sich fragen, ob sie sich dessen bewusst ist. Da sind zwei weitere Frauen, die sich nicht von ihren Ängsten, dem Bewusstsein über Verlust und Sterblichkeit, befreien können. Sie haben einen Weg gefunden, einen Zehn-Punkte-Plan, über den sie das Bewusstsein annehmen und verarbeiten können. Gegen Gebühr vermitteln sie diesen Weg gerne auch anderen. Ein Geschäfsmodell.
Da ist der Mann, der nicht auf seine Gesundheit achtet und sich Überlebenstechniken aneignet, die ihm im Falle eine Black-Outs oder eines Fall-Outs helfen sollen. Er will vorbereitet sein, auf den Moment, “wenn die Kacke am Dampfen ist”, wenn der Strom ausfällt und die Menschen zu Kannibalen werden. Allerlei elektronisches Gerät soll ihm helfen. Ob bis dahin oder ab dann wird nicht geklärt.
Im US-amerikanischen Verteidigungsministerium gibt es diverse Notfallpläne für ebenso diverse Situationen. Eines diese Planspiele, nach denen der Umgang mit extremen Ernstfällen geübt wird, ist CONPLAN 8888, ein Notfallplan, dessen Ausführung im Falle einer Zombie-Apokalypse stattfinden soll. Der witzig-skurrile Aspekt hinter CONPLAN 8888 ist bekannt und sicherlich gewollt und doch gibt es das Ehepaar, das sich eine ausrangierte Raketenbasis gekauft und für sich zu einer Bunkeranlage umgebaut hat -ganz ohne Witz.
Knight trifft diese und weitere Menschen, die sich dem Kollaps beschäftigen, die Mittel und Wege suchen und finden, auch danach noch (über-)leben zu können. All diese Menschen denken jenseitig und individuell, keiner übernimmt die Initiative, um die Gesellschaft als Ganzes abzuholen. In ihrem Drang nach (Über-)Leben sind sie alle konservativ. Und plötzlich vollführt Knight einen Paradigmenwechsel, weg von Preppern und spirituellen Marektinggenies, weg von Klimakatastrophe und kruden Black-Out-Fantasien.
Der Filmemacher reist nach Norwegen und trifft dort auf die letzte Schamanin der Samen, dem letzten indigenen Volk Europas. Nach ihr wird es keine mehr geben. Night reist auch nach Mexiko und trifft dort auf einen Mann, der als letzter in seinem Dort die traditionelle Tunika trägt. Der Mann gehört zu den Lakandonen, einer Kultur, die aus den Maya hervorgegangen ist. Der Untergang der einen ist der Aufstieg der anderen.
Fazit
Wir werden alle sterben, so oder so, die Frage ist nur, was wir hinterlassen -kulturell, wirtschaftlich, systemisch. “Wir werden alle sterben!” ist einfühlsam und nüchtern zugleich und besitzt eine ordentliche Portion Humor. An einer Stelle kommentiert Knight lakonisch „Die Maya bauten Tempel für die Ewigkeit, wir bauen dafür Plastikdinge” und fasst damit den Gegenstand der Dokumentation passend zusammen. Es gibt nicht das eine Sterben. Es gibt den Klimawandel, den geographischen Wandel, den spirituellen Wandel und auch den kulturellen Wandel. Vielleicht werden wir den Tod nicht überlisten, vielleicht aber eines Tages Franklins Steuern abschaffen. Knight ist für seinen Film um die halbe Welt gereist, hat das Globale im Großen und im Kleinen gesucht, hat es dokumentiert und gibt es nun dem Publikum an die Hand. Die Bilder sind da, der Dialog wurde initiiert, nun muss er weitergeführt werden. Seit 31.10.2024 im Kino.
Richard Potrykus betreibt auch den Filmblog celluloidpapers.
Bild: (c) Knight Errant Films
