Sebastian Fitzeks “Der Heimweg” ist ein Kriminalroman, der 2020 erschienen ist und sich in eine ganze Riege anderer Bücher des deutschen Autors einreiht, die zwei Dinge gemein haben: Sie verkaufen sich sehr gut und haben alle eine psychologische Komponente. Nun ist die Verfilmung unter dem Titel “Sebastian Fitzeks Der Heimweg” auf Amazon Prime veröffentlicht worden.

von Richard Potrykus

Mehr als ein Genre-Filme: „Der Heimweg“ auf Amazon Prime Video

Mit gerade einmal 97 Minuten ist „Der Heimweg“ verdächtig kurz und das ist bemerkenswert, denn es gilt, in kurzer Zeit eine seelische Welt aufzumachen und doch die Handlung voranzutreiben. Klara (Luise Heyer), Anwältin von Beruf und Ehefrau des Staatssekretärs Martin (Friedrich Mücke), ist eines Nachts zu Fuß auf dem titelgebenden Heimweg und nutzt die Dienste des Heimwegtelefons. Dieser Dienst soll den Anrufer*innen ein sicheres Gefühl geben, wenn sie auf einer Strecke unterwegs sind, die sie als bedrohlich empfinden.

Ihr Gesprächspartner ist dabei Jules (Sabin Tambrea). Ungeachtet der Umgebung hat Klara allen Grund, beunruhigt zu sein, denn ein Serienmörder hat ihr verkündet, das nächste Ziel zu sein. Außerdem hat Klara psychische Probleme und befindet sich in einer Ehekrise, da ihr Mann sie misshandelt und zur Teilnahme an einer BDSM-Party nötigt. Die Handlung des Films wird folgend in einzelnen Rückblenden erzählt und findet ansonsten ausschließlich in der einen Nacht statt, in der sich Klara auf dem Heimweg befindet.

“Der Heimweg” ist sehr handlungsgetrieben und obwohl Telefonate ein zentrales Element der Kommunikation darstellen, wirkt der Film vor allem über seine Bilder. Regisseur Adolfo Kolmerer hat für den “Heimweg” einmal mehr mit Christian Huck zusammengearbeitet, der die Kamera führt. Kolmerer und Huck haben bereits an anderen Projekten wie “Sløborn” oder “Oderbruch” mitgewirkt und die Eingespieltheit merkt man.

Kolmerer ist kein deutscher Filmemacher, nicht weil er in Venezuela geboren wurde, sondern weil er seine Bildsprache anders versteht. Er erinnert in seiner Arbeit an Fassbinder oder Akin, die in ihrer Bildsprache ebenso „undeutsch“ sind und stattdessen eine Art internationales Auge an den Tag legen. Künstlerisch anspruchsvoll und visuell beeindruckend legen beide Regisseure dennoch ihre Finger in die jeweiligen Wunden und vereinnahmen ihr Publikum. Ihre Filme sind weit entfernt vom spießigen Fernsehspielhaften des Deutschen Films, in dem sich selbst die Darstellung von Verbrechen nicht von anderen Szenen unterscheidet und alles irgendwie wirkt wie eine Pflichtarbeit.

Kolmerer geht im “ Der Heimweg” eben einen anderen Weg: Die Referenzen an Kubricks “Eyes Wide Shut” sind eindeutig, doch das Wesen ist ein anderes. Kolmerer zeigt die BDSM-Party in Nahaufnahmen und holt das Publikum ganz nah ans Geschehen heran. Das Sexuelle tritt dabei in den Hintergrund, präsent ist das Unrecht, das hier geschieht. Das Publikum ist Zeuge einer Straftat und es ist Fassungslosigkeit, die sich ausbreitet, wenn Martin Klara weiter zusetzt und ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel zieht.

Es könnte so einfach sein, denkt man. Einfach gehen, wenn der Partner übergriffig wird, doch wie Kriminalstatistiken und mediale Berichterstattung eindeutig belegen, besteht eine toxische Beziehung aus mehr als nur einem Täter und einem Opfer. Es geht um Macht und um Angst, es geht um Symptomatik und komplexe Strukturen.

Mücke macht seine Arbeit hierbei sehr gut – leider, mag man sagen, denn ein Sympathieträger ist Martin nicht. Und wieder sind es Kolmerer und Huck, die mit der Kamera mehr als nur die Handlung einfangen. Martin ist eine Bedrohung, wenn er Klara in der Öffentlichkeit oder vom Fahrersitz seines Automobils aus maßregelt, ihr einimpft, selbst Schuld zu sein an dem, was ihr widerfährt, und das Publikum ist mit dabei, eingesperrt in dem Auto, ohne Chance auf ein Entkommen.

Wer versucht, alles an dem Film zu verstehen, wird trotzdem seine Schwierigkeiten haben. “Sebastian Fitzeks Der Heimweg” ist eine Romanadaption und damit eine Übertragung eines Stoffes von einem Medium in ein anderes. Dort, wo der Roman erklärt, zeigt der Film. Als Zuschauer*in muss man die visuellen Zeichen lesen und deuten, muss auf das vertrauen, was der Film liefert. Es gibt keine Sternchen mit Fußnoten oder eingeschobene Absätze, die helfen, das Geschehen einzuordnen. Das Publikum wird mit dem konfrontiert, was die Visualität des Films liefert, und es muss da durch, genauso wie auch Klara durch ihre Situation muss, den Killer und den misshandelnden Ehemann gleichsam im Nacken.

Währenddessen verweigern sich Kolmerer und Huck dem Komfort des Distanz, die zwischen dem Zuschauerraum und der Leinwand besteht und dem Publikum eigentlich ein Gefühl von Sicherheit bieten kann. Diese Unmittelbarkeit ist eine große Stärke des Films und genau die wird ihm im Finale ein wenig zum Verhängnis. Der Höhepunkt erscheint wie ein Kniff, der im Film vorkommt, weil er im Drehbuch steht, nicht weil er Sinn hat und es bleibt bis zum Ende offen, weshalb die Dinge auf einmal so laufen, wie sie laufen.

„Der Heimweg” bietet allerdings die Möglichkeit, dies auszublenden und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wie Klara mit dem, was geschieht, umgeht. Es ist die Emanzipation, die sich hier endlich zeigen kann, die Möglichkeit, aus der Unmündigkeit herauszukommen und sich zu wehren. Das Finale ist außerdem ein klarer Kommentar. Wenn die sprichwörtlichen Zwei sich streiten, ist es nämlich nicht der unbeteiligte Dritte, der über den Ausgang entscheiden kann, der sich einmischen und richten darf.

Fazit

“Selbastian Fitzeks Der Heimweg” ist eine gelungene Adaption des gleichnamigen Romans und inszenatorisch verdammt dicht. Zu dicht, hier und da, wodurch einzelne Elemente wie Fremdkörper wirken und das Seherlebnis stören. Wenn man schon einzelne Elemente weglässt, dann doch bitte konsequent. Davon abgesehen ist der Film auf jeden Fall eine Sichtung wert, nicht nur, weil er spannend ist, sondern weil – wie jeder gute Genrefilm – mehr ist als das Genre. Es ist schön, zu sehen, dass auch aus Deutschland Filme wie dieser kommen können.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

Bild: (c) Amazon Prime Video