Wenn der Name Leni Riefenstahl fällt, kommt uns unweigerlich eines in den Sinn: ihre Beziehung zu Hitler und dem Nationalsozialismus. Genau darum geht es in dieser Dokumentation aus dem Jahr 2024, die am 20.3.2025 auf DVD erschien.

von Christian Oehmigen

Eigentlich hätte man gedacht, dass mit der über dreistündigen Dokumentation „Die Macht der Bilder“ (1993) von Ray Müller alles gesagt wurde, was es über Riefenstahl zu sagen gibt. Da sprechen allerdings zwei Gründe dagegen: Erstens scheint die Dokumentation von Riefenstahl selbst inszeniert worden zu sein. Sie ist bei weitem nicht so kritisch wie nötig, auch weil sie das letzte Wort hatte, was veröffentlicht wird und was nicht. Zweitens wurde ihr Nachlass erst 2018 publik gemacht, was das Bild von Leni Riefenstahl nochmals gehörig ins Wanken brachte.

Die bekannte Fernsehjournalistin Sandra Maischberger konnte diesen Nachlass mit 700 Kartons sichten und sah darin das Potential für einen Film. Als Regisseur wurde Andreas Veiel engagiert, der schon mit „Beuys“ (2017) eine bemerkenswerte Dokumentation abgeliefert hat. Was unter dem simplen Titel „Riefenstahl“ dabei herauskam, ist ein durchaus gelungener Dokumentarfilm, der die Figur Leni Riefenstahl komplett demontiert. Vor allem lässt der Film die Bilder und Aufnahmen für sich sprechen. Nur selten hört man einen Sprecher (Ulrich Noethen), der ergänzend das Gesehene weiterführt oder einordnet. Das Herzstück von „Riefenstahl“ ist gerade das, was sich in den 700 Schachteln befand: tonnenweise Tonaufnahmen, Zeitungsausschnitte, Fotografien und Filme.

Leni Riefenstahl film
Leni Riefenstahl

Riefenstahl schnitt Telefonate mit, in denen viele Bürger und Bürgerinnen ihr Zuspruch geben. Auch sehen wir nie gezeigte Aufnahmen, die sie nervös, geradezu hysterisch zeigen: „Das können wir unmöglich zeigen, da komme ich nicht gut weg.“ Diese Aussage tätigte sie während eines Interviews zu „Die Macht der Bilder“. Das zeigt, wie sehr sie eigentlich in Kontrolle war.

In dieser Doku kann sie nicht mehr einschreiten. Auch ihr langjähriger Lebensgefährte Horst Kettner war 2018 verstorben, weshalb Riefenstahls Nachlass von ihrem Anwesen in Pöcking am Starnberger See nach Berlin transportiert wurde. Für Maischberger und Veiel eine großartige Gelegenheit, das Puzzle Riefenstahl zusammenzusetzen. Hatte sie wirklich nichts gewusst von den Gräueltaten der Nazis? War sie eine ganz „normale“ Angestellte, die für Hitler Auftragsarbeiten machte?

Hier zerbricht die Fassade Riefenstahl komplett. Dem Publikum wird klar, dass sie sich selbst über Jahrzehnte belogen hatte, ihre Hände reinwaschen wollte. Sie hat sich zeitlebens als Opfer dargestellt, und nicht wenige glaubten ihr. „Riefenstahl“ zeigt seine Protagonistin in einem Talkshow-Auftritt in „Je später der Abend“ von 1976. Eine Bürgerin ihres Alters, die neben Riefenstahl saß, fand es unmöglich, dass jene, so nah an der Machtzentrale, nichts von den Monstrositäten gewusst haben sollte. Nach der Sendung erreichten Riefenstahl viele Anrufe von Menschen, die empört waren, wie der Moderator und die Gäste mit ihr umgegangen waren.

Leider wirkt der Film stellenweise etwas unausgereift. Bei der Fülle an Material ist es natürlich verständlich, dass man nicht auf alles in Leni Riefenstahls 101-jährigem Leben eingehen kann. Trotzdem hätte man sich gewünscht, mehr aus dem Archivmaterial zu hören. So ist aus diesem Werk halb Biografie und halb Aufarbeitung geworden, wobei der Fokus auf Letzteres besser gewesen wäre. Als Extras bietet die Disc aufschlussreiche Interviews mit Produzentin Sandra Maischberger sowie Regisseur Andreas Veiel. Darin wird nochmals vor Augen geführt, was für eine Mammutaufgabe es war, das Material zu sichten und zu schneiden. Der Film war 18 Monate zur Bearbeitung im Schneideraum – keine Frage, dass es da den einen oder anderen Kompromiss geben musste.

Fazit

„Riefenstahl“ ist ein auf jeden Fall lohnenswerter Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl, der ein neues Licht auf sie wirft oder die Annahmen, die man schon immer über sie hatte, bestärkt. Der Film klagt nicht an, macht aber bewusst, dass Riefenstahl mehr wusste, als sie zeitlebens zugeben wollte. Nicht minder interessant sind die von Riefenstahl mitgeschnittenen Telefonate von Bürgern, die immer wieder ihre Sympathie bekundeten – vielleicht das Alarmierendste am ganzen Film. Auch wenn er sich stellenweise etwas oberflächlich anfühlt: Um das Phänomen Riefenstahl besser zu verstehen und zu ergründen, wie sie wirklich war und gedacht hat, eignet er sich allemal.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

„Riefenstahl“ – seit 20.3. auf DVD erhältlich.

Bilder: ©: Majestic