Der wohl kontroverseste Film des Jahres ist jetzt auch im Heimkino zu sehen: „Rust“ (2025) erscheint am 28.8.2025 auf BluRay und DVD und ist bereits jetzt als VOD verfügbar. Über die Produktion und den tödlichen Unfall von Kamerafrau Halyna Hutchins wurde viel berichtet, es ist schon fast ein Wunder, dass der Film überhaupt fertiggestellt wurde. Die Hintergründe zur Tragödie und worum es in dem Western eigentlich geht gibt es hier in unserer Kritik zu lesen.

Kritik von Christian Oehmigen

Wyoming Territory 1882: Das Leben ist hart für Lucas (Patrick Scott McDermott) und Jacob Hollister. Nach dem Tod der Eltern kümmert sich Lucas um die Farm und seinen kleinen Bruder. Bei einem Einkauf in der nächstgelegenen Stadt gerät Jacob im Lebensmittelgeschäft mit einem anderen Jungen aneinander. Lucas, außer sich vor Wut, prügelt auf den Jungen ein und bricht ihm den Arm. Als dessen Vater eingreift, schlichtet der Ladenbesitzer – doch damit ist die Sache nicht erledigt. Später erscheint der Vater, Besitzer einer Viehzucht, mit einer Forderung: Da sein Sohn ausfällt, soll Lucas auf der Ranch aushelfen. Eine ausweglose Situation, in der Lucas kaum Handlungsspielraum bleibt.

Am nächsten Morgen entdeckt der 13-Jährige einen Wolf nahe der Farm und verfolgt ihn, um das Tier zu erschießen. Doch der Schuss verfehlt den Wolf und trifft stattdessen den Viehzüchter, der Lucas abholen wollte. Vor Gericht wird Lucas des Mordes schuldig gesprochen und zum Tode durch Erhängen verurteilt. Seine Großtante Evelyn Basset (Frances Fisher) bemüht sich zwar um eine Begnadigung, scheitert jedoch an der unumstößlichen Gesetzgebung.

Am Vorabend der Hinrichtung taucht plötzlich ein Fremder auf, überwältigt die Wachen und verhilft Lucas zur Flucht. Es stellt sich heraus, dass dieser Mann der berüchtigte Harland Rust (Alec Baldwin) ist – ein enger Verwandter von Lucas, der sich seit Jahren versteckt hält. Gegen den anfänglichen Willen von Lucas reiten die beiden quer durch die Weiten Amerikas, um New Mexico zu erreichen und damit Lucas in Sicherheit zu bringen. Allerdings haben US-Marshal Wood Helm (Josh Hopkins) und Kopfgeldjäger Fenton Lang (Travis Fimmel) etwas dagegen. Beide wollen die Flüchtigen schnappen, doch ihre Motive sind verschieden: Helm sucht Gerechtigkeit, Lang das Kopfgeld von 1000 Dollar.

„Rust“ (2025): Tragödie am Set

„Rust“ (2025) war ursprünglich das Herzensprojekt von Hauptdarsteller Alec Baldwin und Regisseur Joel Souza. Die Produktionsbedingungen gestalteten sich aber von Beginn an chaotisch – bereits früh wurden Sicherheitsmängel am Set festgestellt, einige Crewmitglieder verließen dieses sogar vorzeitig. Am 21.10.2021 ereignete sich dann das Unfassbare: Bei einer Probe in einer Kirche löste sich aus einem vermeintlich ungefährlichen Revolver ein Schuss mit einer echten Kugel, der die Kamerafrau Halyna Hutchins tödlich traf und Regisseur Joel Souza schwer verletzte.

Die Produktion wurde umgehend eingestellt. Es folgten Ermittlungen zur Klärung der Verantwortlichkeiten für diesen tragischen Unfall. Sowohl Alec Baldwin als auch Waffenmeisterin Hannah Gutierrez-Reed mussten sich verantworten. Letztere wurde im März 2024 wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen und erhielt die Höchststrafe von 18 Monaten Gefängnis. Das Verfahren gegen Baldwin hingegen wurde im Juli 2024 aufgrund eines Verfahrensfehlers eingestellt; eine erneute Anklage ist ausgeschlossen.

Die Zukunft des Projekts stand zunächst in den Sternen. Man entschied sich jedoch, es fortzuführen. Halyna Hutchins’ Ehemann Matthew Hutchins wurde als ausführender Produzent eingebunden, sämtliche Einnahmen sollen den Hinterbliebenen zugutekommen. Bianca Cline übernahm die Position der Kamerafrau, während Regisseur Souza es als seine Pflicht ansah, möglichst viel von Hutchins’ Bildmaterial in den fertigen Film zu integrieren. Die Dreharbeiten wurden von April bis Mai 2023 fertiggestellt.

„Rust“ (2025): Ein harter Western zwischen Authentizität und Klischee

Angesichts dieser Vorgeschichte fällt es naturgemäß schwer, „Rust“ objektiv zu betrachten. Vorweg: Die ursprünglich geplante Schießerei in der Kapelle, bei der Hutchins ums Leben kam, wurde komplett gestrichen. Dennoch existieren zahlreiche Szenen, die einen bitteren Beigeschmack hinterlassen – etwa als Lucas versehentlich den Viehzüchter erschießt und sich vor Gericht verantworten muss.

„Rust“ porträtiert die raue und brutale Realität des Wilden Westens, in dem das Leben kaum mehr zählt als eine verirrte Kugel. Von Beginn an entsteht eine dichte Atmosphäre, getragen von einem bedächtigen Erzähltempo, auf das man sich als Zuschauer einlassen muss. Die Botschaft ist schnell klar: Überleben ist hier oft Glückssache, niemandem wird etwas geschenkt. Besonders eindringlich zeigt das die Szene mit US-Marshal Wood Helm, dessen Kind im Sterben liegt. Seine Frau fragt: „Warum kannst du ihn nicht anschauen?“ Helm wirft nur einen flüchtigen Blick auf seinen Sohn – und geht. Helm ist kein schlechter Mensch. Aber einer, der den Glauben an etwas Höheres oder an das Gute verloren hat und der Welt mit nüchternem Zynismus gegenübersteht.

Die Atmosphäre von „Rust“ erinnert deutlich an Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ (1992), der offensichtlich als Inspiration diente, dessen Qualität jedoch nicht erreicht wird. Die Charakterzeichnung bleibt dafür stellenweise zu oberflächlich. Zwar überzeugen Harland Rust und Lucas als greifbare Protagonisten – Rust öffnet sich im Verlauf der Reise zunehmend, während Lucas’ Handlungen zwar nicht immer klug, aber nachvollziehbar erscheinen. Als Lucas einen Brief an seinen Bruder verschicken will, hält ihn Rust zurück, da der Brief zurückverfolgt werden könnte. Wir verstehen Lucas’ Bedürfnis, sich mitzuteilen, doch in dieser Welt kann ein solcher Fehler tödlich sein.

Demgegenüber stehen eindimensionale Figuren wie Kopfgeldjäger Lang, dessen sporadische Auftritte und mangelnde Tiefe seine Daseinsberechtigung infrage stellen. Seine Charakterisierung als bibelfester Kopfgeldjäger ohne Moral bleibt oberflächlich, zudem verschwindet er über weite Strecken der Handlung völlig. Auch andere Nebenfiguren überlasten den Film. Man hätte sich hier auf wenige Figuren konzentrieren sollen, dann würde „Rust“ besser funktionieren.

rust film

Positiv hervorzuheben sind die authentischen Locations. Die Weite und Staubigkeit der Prärie wurden eindrucksvoll eingefangen. Die Nutzung realer Schauplätze und Sets verleiht dem Film eine überzeugende Authentizität, Liebhaber von Western-Roadmovies kommen hier definitiv auf ihre Kosten. Der weitgehend ernste Grundton von „Rust“ wird gelegentlich durch die beiden Helfer des US-Marshals aufgelockert – eine stilistische Entscheidung, einen Comic Relief einzubauen, deren slapstickartiger Humor jedoch nicht wirklich in die Prämisse des Films passt.

Das Finale gerät dann leider etwas zu konventionell und überstürzt, bietet aber einen weitgehend zufriedenstellenden Abschluss des Films. Die Kameraarbeit überzeugt durchgehend – gerade für eine B-Movie-Produktion ist das Bildmaterial eindrucksvoll und rechtfertigt einen Kinostart. Die düstere, beklemmende Musikuntermalung komplettiert die Atmosphäre dieses klassischen, rauen Westerns gekonnt. Es lohnt sich auch, bis zum Ende des Abspanns zu warten – dort gibt es noch eine kleine Widmung vom Regisseur an Halyna Hutchins. Es wird kurz erklärt, warum man sich doch dazu entschlossen hat, den Film abzudrehen und zu veröffentlichen. Eine schöne Geste.

Fazit

„Rust“ (2025) steht zweifellos unter besonderer Beobachtung. Die Vorbehalte mancher Zuschauer, den Film überhaupt anzusehen, sind nachvollziehbar. Wer sich dennoch darauf einlässt, erlebt einen kompromisslosen Western alter Schule – hart und düster. Zwar erfindet er das Genre nicht neu und erreicht nicht die Finesse des Vorbilds „Erbarmungslos“ oder den kürzlich erschienen „Horizon“ (2024) von Kevin Costner, überzeugt jedoch durch die Darstellung der Beziehung zwischen Lucas und Harland Rust, die sich stetig weiterentwickelt. Ungeachtet einiger Schwächen bei Nebenfiguren und vereinzelter Tonbrüche durch unpassenden Humor entfaltet der Film dank authentischer Locations und beeindruckender Bildgestaltung eine packende Atmosphäre des Wilden Westens. „Rust“ ist mit seinen 140 Minuten zwar etwas zu lang geraten, kann aber trotzdem als sehenswerter Western bestehen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75 / 100)

„Rust“ startete am 1.5. in unseren Kinos. Am 28.8.2025 erscheint der Film auf Disc und ist auch als Video-on-Demand verfügbar.

„Rust“ (2025) – Trailer

Bild: (c) RUST MOVIE PRODUCTIONS LLC