Vom Slowburner zum Evergreen: So lässt sich die Geschichte von „The Office“ zusammenfassen, die das „Mockumentary“-Format weltweit popularisierte und zahlreiche Nachfolger mit sich brachte. Mit „The Paper“ legt Serienschöpfer Greg Daniels 12 Jahre nach dem Ende der Serie nun ein Spin-Off nach, deren 10 Folgen umfassende, 1. Staffel seit kurzem zu streamen ist. Ihr gelingt das seltene Kunststück, dem Original qualitativ in nichts nachzustehen, ihm in der Machart zu gleichen und trotzdem einen eigenen Ton zu finden. Seit 5.9.2025 bei WOW/Sky.

Kritik von Christian Klosz

Der nachhaltige Erfolg von „The Office“, das 2018 – fünf Jahre nach dem offiziellen Ende – die meistgestreamte Serie auf Netflix war, lässt sich weniger durch das damals neue, innovative Format erklären, es waren viel grundsätzlichere Dinge, die die Qualität der Sitcom auszeichneten: Großartig geschriebene Drehbücher, einzigartige Figuren, der absurd-komisch Humor mit Fremdschäm-Faktor, alles trotzdem mit „Herz“ erzählt und mit Seele ausgestattet.

„The Paper“: Inspiriert, nicht kopiert

„The Paper“ lässt sich nun nicht ohne den Vorgänger erklären, und das liegt nicht nur an der Involvierung von Greg Daniels als Serien-Schöpfer: „The Paper“ fühlt sich an wie eine Kopie, ohne eine Kopie zu sein, ein seltenes Kompliment.

Zu Beginn der Pilot-Episode erklären die (fiktiven) Dokumentarfilmer, wie es zu den neuen Folgen kam: 20 Jahre nach dem Beginn von „The Office“ wollte man die Belegschaft von Dunder Mifflin besuchen, um festzustellen, dass die Firma inzwischen von einem neuen Eigentümer übernommen wurde. In dessen Hauptquartier in Ohio produziert man alles, was mit Papier zu tun hat, hauptsächlich Klopapier, nebenbei aber auch die Zeitung „Toledo Truth Teller“, die bereits bessere Tage gesehen hat.

All das soll sich ändern, als Ned Sampson (Domhnall Gleeson) den Posten als Chefredakteur übernimmt: Der idealistische Journalismus-Absolvent träumt von seriösem Lokaljournalismus, von gut recherchierten Storys und investigativen Berichten, doch seine unerfahrene wie unqualifizierte Belegschaft hört von vielem davon zum ersten Mal. „The Paper“ begleitet Ned dabei, wie er dem Truth Teller neues Leben einhauchen will, was anfangs als völlig aussichtsloses Unterfangen darstellt.

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Ned Sampson will das Ruder herumreißen

„The Paper“ variiert bekannte Muster aus „The Office“

Schon ab der ersten Minute wird klar, dass „The Paper“ keine Scheu davor hat, Altbekanntes und Erprobtes zu wiederholen, sogar die Titelmelodie ist eine Variation jener von „The Office“. Auch das ganze Büro-Setting ist ähnlich gestaltet, die Dramaturgie folgt dem gleichen Schema. Dennoch hat man nie das Gefühl, dass die neue Serie eine faule Pflichtübung, ein ödes „more of the same“ ist, im Gegenteil: Trotz aller Parallelen findet „The Paper“ sehr schnell zu Eigenständigkeit.

Die Serie ist eine Variation von aus „The Office“ bekannten Mustern, Themen, Tropen, aber eben keine Kopie: „The Paper“ kreist wie das Vorbild um den Chef einer kleinen Unterabteilung eines größeren Unternehmens und fängt den Büroalltag an, die Interaktionen unter der Belegschaft, ähnlich wie das Original.

Ned Sampson aber ist – anders als Michael Scott (Steve Carell) (zumindest in den frühen Staffeln) – kein peinlicher Unsympathler und Aufschneider, der eigentlich von allen gehasst wird und keine Ahnung von seinem Job hat, im Gegenteil: Er ist ein sympathischer Idealist, Typ perfekter Schwiegersohn, angetrieben von hehren Motiven, und wird von den meisten seiner neuen Mitarbeiter respektiert und geschätzt.

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Die liebevoll gestalteten Figuren wachsen einem ans Herz

Vielmehr ist es die Büro-Belegschaft, die in „The Paper“ Fremdscham auslöst, eine Gruppe desinteressierter, unerfahrener, exzentrischer Figuren (Highlight: Sabrina Impacciatore aus „White Lotus“ als aufmerksamkeitssüchtige Büro-Diva Esmeralda Grand mit breitem italienischen Akzent), die Ned das Leben schwer machen. Wie in „The Office“ sind es aber auch hier – und das ist wieder eine der Parallelen – vor allem die detailreich und liebevoll gestalteten Figuren, die alles so unterhaltsam und kurzweilig machen.

Als bedeutende Nebenfigur neben Ned wird bald Mare Pritti (Chelsea Frei) etabliert, die einzige Truth Teller-Mitarbeiterin mit ernsthafter Journalismus-Erfahrung, zwischen ihr und Ned kündigt sich recht bald eine Romanze an, die man wiederum als Variation des Jim-Pam-Schemas aus „The Office“ lesen kann.

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Teammeeting beim „Toledo Truth Teller“

Ähnlich wie im Vorbild geht es in „The Paper“ um all die kleinen und großen Themen und Dramen des (Arbeits-)Lebens: Journalistischer Idealismus vs. finanzielle Zwänge, persönliche Eitelkeiten, Konflikte mit Vorgesetzten, Liebeleien unter Mitarbeitern und so weiter. Die Serie übernimmt genügend aus „The Office“, um schnell für Vertrautheit beim Publikum zu sorgen, verändert aber auch genug, damit „The Paper“ über eine uninspirierte Kopie weit hinaus geht. Der Ausdruck „Altes in neuen Kleidern“ bietet sich an, wobei die neuen Kleider ausgesprochen gut passen.

Fazit

Wer „The Office“ liebt, wird auch „The Paper“ mögen: Die 10 Folgen der ersten Staffel vergehen wie im Flug und die meisten der neuen Figuren wachsen einem direkt ans Herz. Peacock (bzw. Sky) kann man nur gratulieren, direkt eine 2. Staffel gebucht zu haben: Ein seltenes Beispiel für ein durchwegs gelungenes und alles andere als entbehrliches Spin-Off.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)

„The Paper“, Serie, Mockumentary, 10 Folgen, seit 5.9.2025 auf WOW/Sky.

„The Paper“ (2025) – Trailer

Bilder: Aaron Epstein/PEACOCK bzw, Sky