Der Beginn von „Noch lange keine Lipizzaner“ – Eine Sachbearbeiterin eines Magistrats in Wien: An der Wand hängt ein Foto des Bundespräsidenten, zu hören ist die österreichische Nationalhymne. Nacheinander werden Menschen gezeigt, die den Text mitsingen. Der Gesichtsausdruck der Sachbearbeiterin zeugt von Feierlichkeit, Indoktrination und unangenehmer Bürokratie gleichermaßen.
Kritik von Richard Potrykus
Dann, als Stimme aus dem Off, Olga Kosanović, Regisseurin und Ich-Erzählerin der Dokumentation, die direkt berichtet, weshalb ihr die Staatsbürgerschaft im ersten Versuch versagt wurde. Sie hätte sich in einem Zeitraum von über 15 Jahren satte 58 Tage zu oft im Ausland aufgehalten, heißt es in der Begründung. Dabei werden berücksichtigt die Sommerurlaube mit der Familie, die Maturareise und das Auslandssemester während des Studiums.
“Noch lange keine Lipizzaner”: Biografie und bürokratische Bestandsaufnahme
“Noch lange keine Lipizzaner” ist Biografie und Bestandsaufnahme in Einem und erzählt davon, wie strikt das österreichische Einbürgerungsgesetz ist. Dabei stellt die Regisseurin die bürokratischen Voraussetzungen und Prozesse verschiedenen Lebensrealitäten gegenüber, die teilweise mit und teilweise ohne Migrationshintergrund ihr Verhältnis zu Österreich und der Staatsbürgerschaft kommentieren.
Aufhänger des Films ist ein Online-Kommentar eines gewissen Desert Eagle, der schreibt: “Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner”, eine plakative wie entmenschlichende Aussage, die im Laufe der Dokumentation von vielen Seiten beleuchtet wird. Den rassistischen Aspekt lässt Kosanović dabei bewusst außen vor bzw. sie benennt ihn nicht durchweg oder versteift sich gar darauf. Natürlich schwebt diese diskriminierende Haltung über nahezu allen Bereichen des Themas, doch für die Regisseurin stehen die Menschen im Vordergrund, die offiziell Teil der österreichischen Gemeinschaft werden möchten, sowie die Frage, was Österreicher*innen zu ebensolchen macht und welche Widersprüche damit einhergehen.
“Noch lange keine Lipizzaner” will darlegen, nicht provozieren. Kosanović führt viele Interviews, lässt viele einheimische und migrantische Menschen zu Wort kommen. Dabei ist nicht selten nur schwer auszumachen, wer den Pass schon hat und wer nicht, denn Menschen, die in Wien geboren und aufgewachsen sind, hört man das vermeintlich Fremde nicht unbedingt an.
Doch, die Regisseurin belässt es nicht bei diesen individuellen Eindrücken. Sie beleuchtet auch die wissenschaftliche Seite und so fallen einige Schlagworte, die die Situation für Migrant*innen ganz objektiv zusammenfassen. Laut dem “Migrant Integration Policy Index”, der die Politik eines Landes den Möglichkeiten zur Integration von Migrant*innen gegenübergestellt, befindet sich Österreich im unteren Drittel von 52 untersuchten Staaten (Stand 2020) und durch den Rechtsruck der letzten Jahre ist nicht abzusehen, dass sich die Lage in naher Zukunft bessert. Darauf wird in der Dokumentation eingegangen.

„Wir und die anderen“
Ebenfalls genannt werden sogenannte “Imagined Communities”. Dabei handelt es sich um ideelle Ebenen, über die ein Zusammengehörigkeitsgefühl definiert werden soll, seien es Symbole, eine Hymne oder auch die Berge, die in Teilen Österreichs bestiegen werden können. Das Kuriose daran ist, dass keine dieser Ebenen einer Arbeit nachgeht, Steuern erwirtschaftet oder Kranke pflegt, und doch werden sie als etwas Übergeordnetes angesehen und unterstützen die Spaltung in ein “Wir” und ein “Die anderen”.
Gegenüber Migrant*innen scheint die Devise die zu sein, das Haar in der Suppe zu finden. In den Momenten, in denen die Regisseurin auflistet, welche Informationen alle erbracht werden müssen und welche (vor allem finanzielle) Hürden dann noch auf die Menschen warten, kann das Publikum nur fassungslos dasitzen und sich „Warum?“ fragen, welches wohl nie ehrlich beantwortet werden wird.
Kosanović lässt in „Noch lange keine Lipizzaner“ aber nicht nur Migrant*innen zu Wort kommen, sondern auch österreichische Staatsbürger*innen -solche, die Kinder von Gastarbeitern sind, und solche, denen kein Migrationshintergrund zugesprochen wird. Das erstaunliche daran ist, dass je „migrationsloser“ die Menschen sind, desto schwieriger es ihnen fällt, solche ideellen Ebenen aufrecht zu halten. Wenn das Gegenüber arbeitet, Steuern zahlt und im örtlichen Dialekt spricht, lässt sich schlecht argumentieren, dass nur diejenigen zum Volk gehören können, deren Eltern vor Ort geboren wurden.
“Noch lange keine Lipizzaner” beleuchtet Einzelbeispiele und zeigt doch die Gesamtheit der Misere, die davon geprägt ist, dass Migrant*innen so viele Steine wie möglich in den Weg gelegt werden. Dabei ist der Film kein Lamento über eine Lauflänge von 92 Minuten. Die Perversion, die mit vielen Aspekten des Themas einhergeht, birgt auch etwas Tragikomisches in sich und es ist genau dieser Galgenhumor, der von der Regisseurin aufgegriffen und in szenischen Momenten zu satirischen Pointen führt. Da gibt es das Glücksrad der Geburtenlotterie, ein Brettspiel, welches auf kafkaeske Weise die Spieler*innen daran hindert, zum Ziel zu gelangen, und natürlich die Diskussion des Online-Kommentars, welches Stück für Stück auseinandergenommen wird.
Fazit
Die Dokumentation „Noch lange keine Lipizzaner“ ist eine einfühlsame und doch schwungvolle Diskussion eines der größten Themen unserer Zeit und spricht aufgrund seiner facettenreichen Inszenierung jeden Menschen im Publikum an. Am Ende läuft alles auf eine Conclusio hinaus, die ebenso logisch wie wissenschaftlich belegt ist, aber wo Emotionen vorherrschen, können Fakten meist nicht viel ausrichten.
Bewertung
(76/100)
„Noch lange keine Lipizzaner“ ist seit letzter Woche in den österreichischen Kinos zu sehen. Am 2.10.2025 startet der Film in Deutschland.
Bilder: (c) Stadtkino Filmverleih
